Theater Medea vor Europas Toren

Medea (Meike Droste) fackelt Korinth ab - Nora Buzalka singt dazu.

(Foto: Thomas Aurin)

Anne Lenk nutzt am Münchner Residenztheater Grillparzers "Goldenes Vlies" als eher platten Polit-Beitrag zur Flüchtlingsdebatte. Da wird alles durchironisiert.

Von Egbert Tholl

Man kann der Regisseurin Anne Lenk nicht vorwerfen, sie habe sich keine Gedanken zu Grillparzers "Das Goldene Vlies" gemacht. Am Residenztheater in München inszeniert sie das dreiteilige Antikendrama, inszeniert mit diesem Stoff Zeitgeschehen und Kolonialgeschichte, Flüchtlingsdrama und das Dilemma der Europäischen Union. Nur eines inszeniert sie nicht: die herzergreifende Tragik einer der traurigsten Liebesgeschichten der Weltliteratur - Medea und Jason, das Ende einer Liebe und die große Verzweiflung der Verlassenen, die darin mündet, dass sie, Medea, die eigenen Kinder tötet.

Dabei stünde diese Liebe und ihr Ende eigentlich auch bei Lenks Textfassung im Zentrum. Für knapp 200 Seiten Dramentext braucht Lenk drei Stunden, inklusive Pause, und geht dabei vom letzten Teil von Grillparzers Trias aus, dem eigentlichen "Medea"-Drama. Was Grillparzer davor in den Teilen "Der Gastfreund" und "Die Argonauten" erzählt, erfährt man bei Lenk in drei Rückblenden, durchgeknallten und dabei außerordentlich platten Phantasmagorien. In "Der Gastfreund" kommt Phryxus mit dem Goldenen Vlies nach Kolchis. Beim dortigen König Aietes, Medeas Vater, keimt Habgier. Er erschlägt Phryxus. Lenk entwirft dafür ein Riesenzinnober an archaischen Ritualen, die an tiefstes, dunkles Afrika oder an alpenländische Perchten erinnern. Die ankommenden Griechen tragen Pumphosen und steife Kragen wie einst die Konquistadoren, man ist sozusagen bei der kolonialen Frühgeschichte. In deren Fortführung, bei Grillparzer "Die Argonauten", bei Lenk Rückblende zwei und drei, befindet man sich dann eher im britischen Empire, Jason und sein Gefährte Milo tragen Tropenhelm und Kaki-Uniform, die Kolcher jedoch haben immer noch einen Knochen durch die Nase. Respektive auf dem Kopf. Jason zerrt Medea aus dem Busch und mit ihr den Reichtum des Goldenen Vlieses.

Die ganze Schuld Europas an der Dritten Welt arbeitet Lenk ab. Medea, die Fremde aus Kolchis, wird zur paradigmatischen Flüchtlingsgestalt, Korinth, vor dessen Mauern sie im Ein-Frau-Zelt haust, wird zur Festung Europa, über der Bühne hängt der EU-Sternenkranz als Lichtinstallation, und wenn es ganz bedrohlich kommt, schwebt er in die Schräge oder steht vertikal. In großen Lettern steht über einem Konferenztisch, an welchem über Medeas Abschiebung entschieden wird, "Welcome" - bis Gora, Medeas treue Gefährtin, das "l" übermalt: "We come", die Flüchtlinge sind da.

Natürlich kann man den Kern der Geschichte als bekannt voraussetzen. Aber Anna Lenk übertüncht ihn bis zur Unkenntlichkeit. Ihre Medea, Meike Droste - neu im Ensemble -, wirkt über weite Strecken wie eine trotzige Berliner Göre, die Einlass sucht in einen Tennisklub. Die EU wirkt da eher wie ein fernes Menetekel, von Oliver Nägele als Kreon mit menschlicher, aber sturer Größe verwaltet, während seine Tochter Kreusa (Nora Buzalka) die ganze Arroganz arrivierter Schönheit spazieren trägt. Alles wird sauber durchironisiert. So geht jede Dringlichkeit verloren. Einzig Johannes Zirner bewahrt sich als Jason die Würde des durchweg ernsten Tons.

Lenk schafft tolle Bilder, die wenig bringen. Sie fährt Maskenspiel und vielfältigste Musik auf; die Schauspieler singen - Buzalka richtig großartig -, klettern, fuhrwerken herum, und doch sind es allein die ganz ruhigen Momente, die in diesem argumentativ brachial durchorganisierten Politpanorama überzeugen.