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Theater:Liebe ist eine Katastrophe

Küsse? Bisse? Felix Rech und Constanze Becker kosten unverschnörkelt die Konflikte von Achill als Penthesilea aus.

(Foto: Birgit Hupfeld)

Mut zum Pathos der Tragödie: Michael Thalheimer inszeniert in Frankfurt Kleists "Penthesilea" als Massaker der Gefühle. Constanze Becker und Felix Rech überzeugen in ihren Rollen.

Diese Tragödie beginnt mit ihrem Ende. Die verheerenden Leidenschaften haben sich ausgetobt und alles mit sich gerissen. Der blutbeschmierte tote Achill liegt wie ein schlafendes Kind in Penthesileas Arm. Sie hält ihn vorsichtig und liebevoll, als sei sie erst jetzt ganz mit ihm vereint. Sie hat ihn ermordet, nicht obwohl, sondern weil sie ihn liebt. Jetzt endlich, im Tod, haben sie ihren Frieden gefunden. Als würde sie aus einem wilden Traum erwachen, horcht Penthesilea dieser nicht lebbaren Liebe hinterher. "Ach - Ich - weh - wunderbar", fallen die vereinzelten Worte wie aus dem Nichts aus ihrem Mund: "Wie ist mir zum Entzücken. . . bin ich im Elysium."

Es ist ein gespenstischer Moment, in dem größte Grausamkeit und Zärtlichkeit, blanke Verzweiflung und pures Glück ineinander schießen. Wie ein geschlachtetes Opfertier rollt Achills nackter Leichnam die steil aufragende, spitz zulaufende Schräge herab, die sich als ein bedrohlicher Kegel über die Bühne erhebt, die Olaf Altmann entworfen hat. Ganz oben, weit weg von allem menschlichen Maß, sitzt sehr verloren und erstarrt Penthesilea.

Michael Thalheimer hat am Schauspiel Frankfurt Heinrich von Kleists Liebes-Massaker "Penthesilea" als heiß-kalte Tragödie inszeniert. Seine Inszenierung findet für die atemlosen, hochgespannten Verse Kleists eine ungemein dichte, bezwingende Form. Nach dem blutigen Vorspiel, das das Endspiel vorwegnimmt, jagen sich Penthesilea und Achill wie zwei von den Toten Auferstandene durch die Raserei ihrer Liebe. Für die Kraft, Klarheit und Unverschnörkeltheit ihres Spiels ist Constanze Becker als Penthesilea nicht genug zu bewundern. Felix Rech ist ihr ebenbürtig an Intensität und Direktheit.

Kleists Schlachtgemälde der Massaker zwischen Achills Griechen und Penthesileas Amazonenheer konzentriert Thalheimer auf die beiden einander im Kampf umkreisenden, begehrenden, tötenden, sich opfernden Liebesextremisten und eine Berichterstatterin, die das Kriegsgeschehen wie ein Ein-Frau-Chor berichtet und vorantreibt. Josefin Platt ersetzt mühelos ein ganzes Heer.

Das funktioniert so schlüssig, weil auch Kleist den Schrecken und die Gewalt nicht szenisch bebildert, sondern ganz in die Sprache, in Mauerschau und Botenbericht bannt. Was hier wofür eine Metapher ist, der Krieg für die alle Grenzen sprengende Leidenschaft, der Gewaltrausch für die Sexualität oder umgekehrt, wird ununterscheidbar: Im Blitzlichtgewitter von Kleists Sprache ist das eine vom anderen nicht mehr zu trennen. Thalheimers Verdichtung geht so faszinierend auf, weil sich drei überragende Schauspieler durch diese Gefühlsgewitter katapultieren und dabei den treibenden Rhythmus der Kleist-Verse nicht nur virtuos beherrschen, sondern in jedem Augenblick das Geschehen als reale, schreckliche Erfahrung beglaubigen und es nie nötig haben, feierlich zu tönen oder sich aufzublähen.

Mut zum Pathos: Die Wahrheit der Tragödie liegt im Schmerz - und nicht im Scherz

Michael Thalheimers Theater der Tragödien und des groß ausgestellten Schmerzes ist auch in dieser Inszenierung, seiner besten und konzentriertesten in dieser Spielzeit, ein schroffer Fremdkörper im Gegenwartstheater. Während sich viele seiner Regie-Kollegen mit Ironie, Kommentar und allerlei weich gezeichneten Befindlichkeiten am wohlsten fühlen, weicht Thalheimers Theater den harten, auch ausweglosen Konflikten nicht aus. Im Gegenteil, es überhöht und übersetzt sie in eine harsche, steile Form. Der bei Soziologen beliebten These einer postheroischen Gesellschaft setzt Thalheimer tiefstes Misstrauen entgegen: Nicht die wohlstandsbefriedete Zivilisation, die ihre Konflikte auf dem Instanzenweg, im Interessensausgleich oder beim Eheberater verhandelt, sondern die nur vorübergehend still gestellten animalischen Kräfte im Menschen scheinen ihm die Wirklichkeit zu sein. Weil die Wahrheit der Tragödie nicht die didaktische Erklärung, sondern der Schmerz ist, ist es unvermeidlich, dass Beckers Penthesilea in Momenten größter Verzweiflung die beherrschte Rede durch animalische Schreie zerreißt. Und auch das ist nicht einfach expressiv, sondern von größter, zwingender Klarheit.

Gegen einen weitverbreiteten, etwas blasierten Ironiezwang kann man in Thalheimers Inszenierungen die Kraft eines Pathos erleben, das Katastrophenerfahrungen zu ernst nimmt, um sie sozialpädagogisch, ideologiekritisch oder sentimental zu verharmlosen. Penthesilea und ihrem Hass-Geliebten Achill ist von keinem Paartherapeuten zu helfen. Thalheimer sieht seinen Job darin, für diesen Amoklauf des Begehrens, das zwischen Küssen und Bissen nicht unterscheiden kann, beides aber auf höchstes, undomestiziertes Intensitätslevel bis zur Selbstzerstörung treibt, eine zwingende Form zu finden. Und nicht darin, beruhigende Erklärungen zu liefern.

Erklärungen haben auch Achills Griechen nicht dafür, dass Penthesileas Amazonen Griechen wie Trojaner gleichermaßen abschlachten. Kleists Tragödie setzt mit dieser Ratlosigkeit der Griechen angesichts der alle Kriegslogik und militärisches Kalkül außer Kraft setzenden Gewaltorgie ein. Das ist kein Zufall. Mit Maßstäben der praktischen Vernunft ist Penthesileas Exzess- und Grenzüberschreitungsdynamik nicht zu fassen. Kein Wunder, dass der auf Harmonie und Ausgleich bedachte Goethe auf Kleists Stück mit heftiger Abwehr und "Missbehagen" reagierte. Es ist eine ähnliche Abwehr, mit der das Ironie- und Wohlstandstheater die Zumutung der Tragödien weich zu spülen sucht. Bei Thalheimer kann man sehen, dass das Theater härtere Wahrheiten und Erfahrungen zu bieten hat.

© SZ vom 07.12.2015

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