Theater:Konsequente Konsequenzen

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Alina Vimbai Strähler als Nachwuchswissenschaftlerin in "Kein Weltuntergang" an der Berliner Schaubühne. Die junge Frau links erzeugt strampelnd den Strom für die Aufführung. (Foto: Gianmarco Bresadola)

In ihrem Klima-Stück "Kein Weltuntergang" an der Berliner Schaubühne zeigt die Autorin Chris Bush, was aus Alltagsentscheidungen werden kann.

Von Peter Laudenbach

Die gute Nachricht zuerst. Der Weltuntergang findet doch nicht statt. Zumindest nicht heute Abend. "Kein Weltuntergang" steht auf dem Programm der Berliner Schaubühne, die Uraufführung des neuen Stücks der jungen britischen Autorin Chris Bush, inszeniert von Katie Mitchell. Doch das optimistische erste Wort im Titel ist durchgestrichen. Dass doch noch alles gut geht, ist offenbar nur eine von vielen Möglichkeiten. Mit der Konsequenz eines Brecht-Lehrstücks spielen Bush und Mitchell durch, was Soziologen Kontingenz nennen: Jede Entscheidung hätte auch anders ausfallen können, sonst wäre es keine Entscheidung, sondern eine Notwendigkeit, Schicksal oder ein Naturgesetz. Und jede dieser kontingenten Entscheidungen hat natürlich Folgen und zwingt so zu jeder Menge Folgeentscheidungen.

Chris Bush dekliniert das mit vielen kleinen Verschiebungen und Variationen an einer simplen Alltagssituation durch. Wir sehen Momente eines Vorstellungsgesprächs der Nachwuchswissenschaftlerin Dr. Anna Vogel (Alina Vimbai Strähler), bei der in Fachkreisen berühmten Klimaforscherin Professorin Uta Oberdorf (Jule Böwe). Mal kommt sie zu spät, mal zu früh, mal mit dem Taxi, mal mit dem Fahrrad. Wie die berühmten Schmetterlingsflügel in der Chaostheorie könnte in dieser Versuchsanordnung jede Minimalabweichung weitreichende Folgen haben. Vielleicht mag die Klimaprofessorin keine Mitarbeiterinnen, die im Taxi zur Arbeit kommen - also kein Arbeitsvertrag, kein entscheidender Beitrag zur Klimaforschung, kein Nobelpreis, keine Rettung des Weltklimas, Pech für die Menschheit. Dass der dramaturgische Taschenspielertrick schnell ineinander geschnittener Variationen der immer gleichen Situation beim Zusehen Spaß macht, liegt vor allem daran, wie stoisch Alina Vimbai Strähler als Postdoc-Stellenbewerberin das Demütigungsritual über sich ergehen und an sich abperlen lässt, und mit welch grandios schlechter Laune und endloser Müdigkeit Jule Böwe ihre Wissenschaftskoryphäe ausstattet. Klar, der Klimawandel ist schrecklich - Klimaforscherinnen auf der Bühne können trotzdem recht komische Figuren sein. Eine dritte, etwas rätselhafte Figur, Lena (Veronika Bachfischer), die Tochter einer Toten, sorgt mit ihren Einwürfen nebenbei für einen Krimi: Offenbar ist eine der beiden Wissenschaftlerinnen bei einer Expedition umgekommen.

Auch das Theater ist in seiner Verschwendungsfreude Teil der dekadenten Überkonsumgesellschaft

Weil es im Theater immer um alles geht, dockt sich die Inszenierung an das Forschungsgebiet der beiden Wissenschaftlerinnen an. Das Spiel mit vielen möglichen Entscheidungen und ihren bekannten und unbekannten Konsequenzen wird radikalisiert. Es geht nicht mehr nur um eine kleine Stellenausschreibung, sondern um die großen Menschheitsfragen, in dem Fall um die Klimafolgen unserer heutigen Lebensweise, samt der Entscheidung, den Hyperkonsum eisern gegen alle Vernunft zu verteidigen. Hier gewinnt die Inszenierung Dringlichkeit und rutscht dank der immer absurderen Szenarien, die die Wissenschaftlerinnen entwickeln, trotzdem nicht in den Schulfunk. So unmöglich es ist, den Klimawandel im Theater abzubilden, so eindrücklich gelingt es Bush, den Zuschauer zumindest in ein immer ratloseres Nachdenken darüber zu verwickeln.

Katie Mitchell, sonst eine virtuose Hightech-Regisseurin perfekt inszenierter Video- und Theaterbilder, zieht mit einer möglichst ressourcenschonenden Aufführung die Konsequenz aus dem Thema des Stücks. Den Strom liefern zwei tapfere Fahrradfahrerinnen am Bühnenrand. Kostüme und Bühnenbild (im wesentlichen drei Türen, aus denen die drei Spielerinnen immer wieder auf- und abtreten) stammen aus dem Fundus. Statt immer wieder zwischen London und Berlin zu pendeln, hat Mitchell weitgehend von London aus per Videoschalte Regie geführt. Die Folge ist ein an der sinnlichen Oberfläche armes, inhaltlich enorm reiches Theater, das ganz den Schauspielerinnen und raffiniert verhandelten Themen vertraut. Das wird die Welt nicht retten und ist, wie alles im Theater, vor allem ein ästhetischer Reiz. Aber es ist immerhin ehrlich und verweist indirekt darauf, dass auch der wunderbare Luxus des Theaters, das schönste bewusstseinsverändernde Genussmittel der Welt, in seiner Verschwendungsfreude Teil der dekadenten Überkonsum-Gesellschaft ist. Im Schlussapplaus macht Jule Böwe eine bedrückende Mitteilung: Die Regisseurin kann sich nicht verbeugen, sie ist an Corona erkrankt.

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