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Theater:Keimfrei unglücklich

Schauburg -Corpus Delicti; Corpus Delicti Schauburg

Berührungen sind nicht vorgesehen: Mia (Lucia Schierenbeck, rechts) ist auch von ihrem personifizierten Gewissen (Nele Sommer) getrennt.

(Foto: Judith Buss)

In Juli Zehs Dystopie "Corpus Delicti" ist der Mensch der Zukunft gesund und staatlich überwacht. An der Schauburg ist das Stück nun in der Regie von Ulrike Günther zu sehen

In dieser Welt stinkt nichts mehr. Alles ist sauber, sogar der Wald ist aufgeräumt. Transrapid-Trassen führen in schnurgeraden Schneisen hindurch. Die Menschheit ist ruhig und wohlauf, man grüßt sich nicht mehr mit Hallo, sondern mit "Santé". Denn Gesundheit "ist das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik". So beschreibt Juli Zeh in ihrem Roman "Corpus Delicti" eine Zukunft im Jahr 2057. Das Kranke ist ausgerottet, der Schmerz ist ausgerottet, und alles, was ihm vorausgeht oder ihn begleitet. Niemand muss mehr leiden. Eine Vorstellung, die bis zu diesem Punkt einigermaßen verlockend klingen könnte. Das findet zumindest Ulrike Günther: "Wenn ich nur das sehe, bejahe ich erst mal viele Dinge. Klar ist es schön, wenn niemand in meiner Familie mehr einen schmerzhaften Tod sterben müsste." Günther, 30, ist Regisseurin und inszeniert "Corpus Delicti" an der Schauburg für Jugendliche ab 15 Jahren.

Verlockend also ist das schmerzfreie Leben einerseits. Der Preis aber, den die Menschen dafür zahlen, ist eine strenge, staatlich überwachte Lebensweise: gesunde Ernährung, keine Genussmittel, regelmäßig Sport, genug Schlaf. Die Haare haben alle abrasiert, zu unhygienisch. Und Beziehungen dürfen nur Menschen miteinander führen, die genetisch kompatibel sind. Liebe ist ein zu vernachlässigender Wert, wenn er die Gesundheit der Bevölkerung gefährden könnte. Allzeit müssen die Menschen Werte messen lassen und melden. Ein totalitärer Gesundheitsstaat braucht folgsame Bürger. Wer sich dem System, im Roman "Die Methode" genannt, entzieht, macht sich mindestens verdächtig. So wie Mia Holl, die Hauptfigur des Stücks (gespielt von Lucia Schierenbeck). Einst überzeugte Anhängerin der Methode, ist sie in eine Lebenskrise geraten. Ihr Bruder hatte sich im Gefängnis erhängt, nachdem er seine Unschuld an einem Mord nicht beweisen konnte. Lebenskrisen, Melancholie, Weinen und Zweifeln aber sind nicht vorgesehen in diesem Staat. Mia Holler vernachlässigt ihre Pflichten und muss sich für diese Vergehen vor Gericht verantworten, ihre Gegenspieler sind der Journalist Kramer (Janosch Fries) und die Richterin Sophie Rosentreter (Julia Schmalbrock). Die schlimmstmögliche Strafe: auf unbestimmte Zeit eingefroren werden.

Die Autorin Juli Zeh setzt sich in Romanen und Zeitungsbeiträgen immer wieder mit den Themen Demokratie und Datenschutz auseinander. Rund zehn Jahre nach Erscheinen von "Corpus Delicti" ist dieses drastische Überwachungs-Szenario natürlich nicht eingetreten, doch ist die Gesellschaft ihm millimeterweise nähergekommen. Digitale Vorratsdatenspeicherung ist das eine, das bereitwillige zur Verfügung stellen von Informationen und Daten an Konzerne wie Google und Facebook das andere. Letzteres beschreibt auch Dave Eggers in seinem ähnlich dystopischen Roman "The Circle" von 2013, in dem eine Frau rund um die Uhr ihre Aktivitäten mit einer digitalen Community teilen und sich bei allem beobachten lassen muss. Vor einiger Zeit bot die Firma Generali tatsächlich Ermäßigung bei der Krankenversicherung an, wenn der Versicherte per App bewies, dass er Sport treibe. Das Argument, das viele Nutzer da schulterzuckend anbringen: Ich habe ja nichts zu verbergen, also stört es mich auch nicht, wenn mir jemand zuschaut.

"Für mich ist das Stück eine Parabel", sagt Regisseurin Günther. "Dabei nimmt sie das Gesundheitsthema als Beispiel für etwas her, das bei uns vielleicht eher das Thema Sicherheit wäre. Und unter dem Deckmantel des Wohlwollens verbirgt sich ein totalitärer Staat." Roman und Stück zeigten auf, worin die Verlockung solcher Systeme lägen, wie sie funktionierten und wo sie vielleicht schon in unsere Gegenwart hinein wirkten. Günther selbst sieht die Bedrohung der Freiheit und Privatsphäre aber auch eher durch datensammelnde Großkonzerne gegeben denn durch einen regulierenden Staat. Gerade junge Menschen teilen oft recht sorglos Privates im Netz, das macht das Thema des Stücks auch für sie relevant.

Günther hat bereits Erfahrung mit Jugendtheater; zuletzt inszenierte sie in Weimar einen Abend zur DDR, die sie, geboren 1989 in Greifswald, nur noch als etwas gerade Vergangenes kennenlernte. Als nächstes arbeitet sie am Jungen Theater Heidelberg. Für die Schauburg erarbeitete sie eine eigene Textfassung von "Corpus Delicti", schrumpft das Personal auf fünf Figuren zusammen, um einen spannenden Theaterabend zu schaffen. Wer am Ende gewinnt - "die Methode" oder die Zweiflerin Mia - das lässt sie offen. "Hoffnung", sagt sie, "gibt es bei mir aber immer".

Corpus Delicti, Premiere am Freitag, 10. Januar, 19 Uhr, Schauburg, Franz-Joseph-Straße 47