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Theater:Kaputtberatung

Die "Schulz Story" nach dem SPIEGEL-Bestseller im Studio Theater Stuttgart

„Du musst es machen, Martin, die Umfragen!“: Szene aus der "Schulz-Story“ im Studio Theater Stuttgart.

(Foto: Daniela Aldinger/Studio Theater Stuttgart)

Deutsches "House of Cards": Das kleine Studio-Theater in Stuttgart erzählt die große Tragödie um den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

Von Adrienne Braun

Er könnte über Außenpolitik sprechen. Um Himmels willen, warnen die Berater, das will doch niemand hören. Dann eben Aufrüstung? "Interessiert kein Schwein." Martin Schulz soll einfach nur "leuchten". So haben es seine Wahlkampfstrategen beschlossen und wissen auch schon, wie das geht: "Vielleicht ziehst du dein Jackett aus."

Obwohl Martin Schulz das Jackett immer wieder strategisch an- und auszog, obwohl er versuchte, sich das rheinländische "sch" auszutreiben, hier menschlich, dort nicht "unterpathetisch" rüberkommen wollte, ist er letztlich als Kanzlerkandidat gescheitert. Ausgerechnet er, den die SPD als Hoffnungsträger feierte, fuhr 2017 ein katastrophales Wahlergebnis ein. Nie zuvor hätten in der deutschen Politik "Höhenflug und Absturz so nah beieinander gelegen, schrieb der Spiegel-Redakteur Markus Feldenkirchen in einer Reportage, die nun im Stuttgarter Studio-Theater auf die Bühne gekommen ist. Eine Formulierung in der "Schulz-Story" bringt das gesamte Debakel auf den Punkt: "Kaputtberatung".

Über mehrere Monate begleitete Markus Feldenkirchen den Kanzlerkandidaten beim Wahlkampf und durfte auch an internen Beratungen mit den "Eierköppen" teilnehmen, wie Schulz seine Berater gern nannte. Christof Küster, der Intendant des kleinen Studio-Theaters in Stuttgart, hat einen guten Riecher für interessante Bühnenstoffe. Er brachte Stücke über Trump oder den Immobilienpleitier Jürgen Schneider heraus und inszenierte die Protokolle der Schlichtungsgespräche zu Stuttgart 21 als brüllend komisches Musical. Als Küster über das Buch "Die Schulz-Story" stolperte, war Feldenkirchen zwar bereits in Gesprächen über die Filmrechte seines Bestsellers, am Theater aber war man noch nicht auf das Thema gestoßen. So ging der Zuschlag an das kleinste professionelle Zweispartenhaus Baden-Württembergs - 65 Plätze, 30 Quadratmeter Spielfläche, keine Seitenbühnen, kein Schnürboden, aber jede Menge Charme.

Das Stück will die Strukturen des Politbetriebs aufzeigen, in dem alles medial ausgeschlachtet wird

Auch für "Die Schulz-Story" hat Christof Küster das Optimum aus den fast klaustrophobischen Verhältnissen herausgeholt. Wieder und wieder wird der Kanzlerkandidat durchs Publikum gejagt, schüttelt Hände, verbreitet Parolen - verliert dabei aber nicht nur sich selbst, sondern auch die Gunst der Wähler. Auch wenn Sebastian Schäfer allein optisch ein idealer Schulz-Darsteller ist und souverän den Abend trägt, geht es Christof Küster nicht nur um Schulz. Er will die Strukturen des Politbetriebs aufzeigen, in dem sich Falschmeldungen fatal verselbständigen, Worte grell ausgeleuchtet werden und jeder Fingerstreich der Politiker medial ausgeschlachtet wird. Dabei ist es immer Martin Schulz, der für die Pleiten und Pannen der SPD den Kopf hinhalten muss. Sein Job: Schadensbegrenzung, Er kommentiert es mit markigen Sprüchen. "Das Leben ist wie eine Hühnerleiter - beschissen."

Maria Martínez Peñas Bühnenbild ist nicht allzu inspiriert, aber pragmatisch. Ständig werden schnöde Büro-Stellwände verschoben, um Interviewsituationen, Pressekonferenzen und die Wahlkampfzentrale anzudeuten. Das stete Wänderücken ist enervierend, vermittelt aber auch den blinden Aktivismus der Einflüsterer, die den Wahlkampf zu einer fatalen Schleuderfahrt für Schulz machen, weil sie sich allein von Demoskopen leiten lassen. Wer wird Parteivorsitzender? "Du musst es machen, Martin, die Umfragen!" Sollte man Merkel angreifen? "Wir haben eindeutige Umfragen." Dann wieder ein Tiefschlag: Nur sechs Prozent würden von Schulz einen Gebrauchtwagen kaufen, bei Merkel sind es dagegen elf Prozent.

Obwohl Christof Küster die Vorlage von Feldenkirchen klug kombiniert hat mit O-Tönen aus Interviews und TV-Nachrichten, bleibt er als Regisseur unter seinen Fähigkeiten. Die Nebenfiguren, ob Hubertus Heil, Sigmar Gabriel oder Andrea Nahles sind konturlos. Boris Rosenberger holt zumindest das Beste aus seinen verschiedenen Rollen heraus und großartig ist die Merkel-Imitation von Schirin Brendel. Der Stoff hat das Zeug zu einer großen, klassischen Tragödie, dem Team scheint die Zeit allerdings nicht gereicht zu haben, um die enormen Textmassen feinzuschleifen.

Politik, so die bittere Botschaft der "Schulz-Story", heißt, den Wählern nach dem Maul zu reden. Schulz aber will authentisch bleiben. Er mag nicht glauben, dass das Volk betrogen sein muss und beharrt darauf, in Interviews auf Fragen zu antworten, selbst wenn die Strategen dringend abraten. Martin Schulz sei als Politiker erledigt und als Mensch desillusioniert, bilanzierte Feldenkirchen in seiner Reportage. Der Bühnen-Schulz bleibt dagegen bis zuletzt souverän. Das Stück verzichtet darauf, Häme und Spott, die Schulz ertragen musste, zu wiederholen. Denn im Grunde geht es weniger um sein persönliches Scheitern, sondern um ein Lehrstück über den gesamten Politikbetrieb, der von der US-Serie "House of Cards" weit weniger entfernt zu sein scheint, als es für die Demokratie gut ist.

© SZ vom 03.04.2019

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