Theater in Paris Isabelle Huppert als Mary Stuart

(Foto: Lucie Jansch)

Von Joseph Hanimann

Hat diese Frau gar keine Angst? In den letzten Stunden oder Minuten vor der Hinrichtung durchs Hackbeil spitzt sich die Spannung zu. Das Theater Robert Wilsons kennt aber gar keine dramatische Steigerung. Mary Stuart steht vor einem zauberhaft leeren Lichthorizont. Ist das noch die Abenddämmerung vor ihrer letzten Nacht oder schon der Morgen des letzten Tags? Wortschwalle der Erinnerung an die Jugend in Frankreich, den Kampf um die schottische Krone, die Gefängnisjahre unter der englischen Königin Elisabeth stürzen aus ihrem Mund. "Mary said what she said" heißt das Stück mit der großen Isabelle Huppert als einziger Darstellerin. Nach der Premiere am Pariser Théâtre de la Ville wird es demnächst auch bei den Wiener Festwochen und am Hamburger Thalia Theater zu sehen sein. Der Titel erinnert an Gertrude Steins "A Rose is a Rose is a Rose". Er steht für die tautologische Selbstbezüglichkeit von Wilsons dialoglosem Bildertheater.

Ein dramatisches Gegenüber der tragischen Figur Mary Stuart mit ihren Kontrahenten wie in Schillers Trauerspiel wäre bei diesem Regisseur undenkbar, bestätigt der Schriftsteller Darryl Pinckney, der auch für dieses Stück wieder den Text lieferte. Wilsons Theater des tiefenlosen Raums und der stehenden Zeit tranchiert mit dem scharfen Messer des Lichtwechsels zu Ludovico Einaudis flächiger Musikbegleitung Mary Stuarts Gemüts- und Bewusstseinszustände in feine Schichten. Diese Frau hadert nicht mit ihrem Los, sondern krallt sich an ihre stolze Gewissheit, einzige rechtmäßige Königin Frankreichs und Schottlands gewesen zu sein. Mag der Horizont hinter der Darstellerin Isabelle Huppert sich verfinstern oder aufleuchten - alles gereicht der Figur zum persönlichen Triumph. "In meiner Schönheit ertranken die Männer", sagt die dreimal Verheiratete. Und das schrille Lachen dazu scheint zugleich aus ihrer Kehle und aus dem Himmel zu kommen, den sie bald nicht mehr sehen wird. Mit der kalten Perfektion ihrer Kunst lässt Isabelle Huppert die Figur autistisch zwischen Selbstgewissheit und Resignation kreisen, über der leeren Mitte uneingestandener Todesangst. Und wir Zuschauer fühlen uns durch die Verweigerung jeden Mitleids bald geadelt, bald irritiert.