Theater in Hamburg:Algorithmen verstehen keinen Spaß

Lesezeit: 3 min

'(R)Evolution' - Fotoprobe Thalia Theater

Tim Porath (links) und Dimitrij Schaad auf der Schwebebühne von Wolfgang Menardi.

(Foto: Georg Wendt/dpa)

Yael Ronens Abend über die KI-Diktatur der Zukunft in Hamburg ist vielleicht etwas zu lustig geraten.

Von Till Briegleb

Eins hatte der Überwachungsstaat noch nie: Sinn für Humor. Die allumfassende Kontrolle der Menschen durch unsichtbare Systeme und konkrete Polizeigewalt basiert immer auf Misstrauen und Angsterzeugung. Wer sich darüber öffentlich lustig macht, ist eine Gefahr. Das ist in Ägypten nicht anders als in China, Iran oder Russland. In der Tyrannis des Zwangs ist der Clown ein Terrorist. Das gilt im gleichen Maße für das Regime der freiwillig ausgelieferten Informationen im Internet. Algorithmen verstehen keinen Spaß. Oder ist an Amazon und Facebook irgendetwas komisch? Wer nicht als transparenter Kunde agiert, hat im Diktat der Nutzungsbedingungen nichts verloren. Die Rolle des Dissidenten gibt es hier nicht. Selbst der Hacker gilt höchstens als Verbrecher.

Das Genscheren-Kind wäre in dieser Zukunftswelt tantiemenpflichtig

Wenn nun also Yael Ronen am Thalia Theater in Hamburg ein putzmunteres Stück mit dem Titel "(R)Evolution" über die totale Herrschaft der künstlichen Intelligenz (KI) inszeniert, das vor allem Lacher im Publikum generiert, dann schwankt man beim Zuschauen ein wenig in der Beurteilung, ob das jetzt tapfer ist oder naiv, Galgenhumor oder Verharmlosung. Basierend auf den klugen Büchern von Yuval Noah Harari, der wie kaum ein zweiter Prophet der Zukunft die Gegenwartsängste analytisch und verständlich auf den Punkt bringt, haben Ronen und ihr Co-Autor, der mitspielende Schauspieler Dimitrij Schaad, etwas Science-Fiction über uns werdende KI-Marionetten skizziert.

Im Prolog vor dem eisernen Vorhang entwirft Schaad als launiger Festredner mit Versatzstücken aus Harari und Spott über den angeblichen Kontrollwahn des Thalia-Intendanten Joachim Lux ein Bild von der Zukunft des Theaters mittels einer "Lux"-Software. Mit Sensoren im Sitz und intelligenter Gesichtserkennung werde dieses Programm bald jedem Zuschauer das für ihn perfekte Theaterstück aufführen, natürlich ohne unflexible Schauspieler, denn dann gibt es ja reaktionsschnelle Hologramme. Und diese Unterhaltungsillusion bräuchten die Besucher dann auch, denn natürlich sei ihre Arbeit 2040 durch selbstdenkende Programme ersetzt.

Viele düstere Visionen, die von profitgeleiteten Konzernen heute als Versprechungen des menschlichen All-inclusive-Urlaubs in der digitalen Totalherrschaft angepriesen werden, verwandeln Ronen und Schaad in launige Sketche voller Sarkasmus. Da verspricht der Arzt (Tim Porath) das perfekte, hyperintelligente Designkind, hergestellt mithilfe der Genscheren von der Universität Berkeley, für Eltern, die zustimmen, dass alle späteren Einkünfte dieses Lizenzprodukts tantiemenpflichtig sind. Der renitente Vater (André Szymanski) und die davon begeisterte Leihmutter (Birgit Stöger) leben in Wohngemeinschaft mit intelligentem Toaster, Kühlschrank und Staubsauger, die der Versicherung die ungesunden Verhaltensweisen ihrer menschlichen Mitbewohner petzen.

Virtueller Sex im goldenen Erregungsanzug führt irgendwann zur schnellen Paartherapie beim Avatar des Zentralcomputers "Alekto", der dank aller Überwachungsdaten keine langwierigen Gesprächsrunden mehr führen muss, sondern die Lösung für die irritierten Opfer der körperlosen Diktatur gleich parat hat. Und natürlich gibt es auch holländische "Terroristen", deren Land wegen Klima leider weg ist und deren vernünftige Protestaktionen zu einem totalitären Gegenschlag der Algorithmen führen, bei der auch harmloseste einsame Frauen (Marina Galic) als Terroristinnen markiert werden. Widerstand? Zwecklos.

Der ganze Horror digitaler Abhängigkeit, stilistisch zusammengemixt aus diversen Hollywoodblockbustern von "Minority Report" bis "Matrix" auf kaltweiß schwebender Scheibe (Bühne: Wolfgang Menardi) vor kaltweißen Videos von Zahlen, Wörtern und Strukturen (Video: Stefano Di Buduo) ist hier also 80 Minuten zum Lachen. Ob dieser lustige Abend irgendwen zum Handeln bewegt, etwa gegen die neue EU-Strategie zur KI, die Ursula von der Leyen als getragen von "Offenheit, Fairness, Vielfalt, Demokratie und Vertrauen" verkauft? Wäre da ein wenig mehr Erzeugung von Misstrauen und Angst nicht doch das hilfreichere didaktische Mittel, um einen Lehrabend über die Gefahren der künstlichen Intelligenz zu gestalten?

Eins immerhin ist ganz beruhigend an dieser Veranstaltung: Dass man noch lachen darf über das, was da kommt, zeugt wohl davon, dass wir noch nicht vollständig gescannt und assimiliert sind. Denn jeder totalitäre Machthaber versteht Spott als Kränkung und definitiv nicht als Spaß. Oder ist der große Kontrollplan der KI vielleicht schon im Gange und ist über diese harmlosen Scherze einfach erhaben, weil er kein Mensch mehr ist? Fragen Sie Ihren neuen Toaster. Vielleicht weiß der etwas darüber und verpetzt es Ihnen.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB