Theater im Westjordanland:Die Kunst, weiterzumachen

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Am 4. April 2011 töten Unbekannte Juliano auf offener Straße. Bis heute ist die Tat nicht aufgeklärt, weder die israelische, noch die palästinensische Seite äußern sich zu den Ermittlungen. "Ich habe es immer noch nicht begriffen", sagt Faisal.

Der Ermordung des Theaterleiters folgten Angriffe auf die Spielstätte, immer wieder wurden Fenster eingeschlagen. Die Schauspieler fürchteten um ihr Leben. Weil unklar war, von welcher Seite der Anschlag herrührte, befürchteten die Theatermacher Angriffe aus beiden Lagern. Das ganze Projekt stand vor dem Aus.

In dieser Zeit wuchs der Druck der Familien auf die Schauspieler, mit der Arbeit aufzuhören, erinnert sich Faisal. Aber die Theatermacher waren sich einig: Wir machen weiter. Der Anschlag, sagt Faisal, bedeutete auch, dass das Theater polarisierte, dass man mit dieser Arbeit das Richtige tue. Die Arbeit im Camp ging weiter und das fast noch engagierter als zuvor. Mit Nabil Al-Raee und Micaela Miranda übernahmen zwei Kollegen die Theaterleitung, die schon lange an der Seite von Mer Khamis gearbeitet hatten.

Ein Stück Normalität

Die Arbeit besteht in Dschenin zum einen aus der Schauspielausbildung, aber auch aus Kamera-, Regie- und Drehbuchworkshops. Auf diese Weise leuchten vor Ort immer wieder junge Menschen zerstörte Häuser für Filmprojekte aus. Manchmal drehen sie auch Werbespots für ortsansässige Händler.

Ein großer Teil der Jugend des Ortes nimmt an diesen Projekten teil. Neben dem Freedom Theatre sind dafür auch das Cinema Jenin und seine Mitarbeiter verantwortlich. Das Kino wurde vom deutschen Dokumentarfilmer Markus Vetter und ortsansässigen Helfern nach der Zerstörung der Zweiten Intifada wiederaufgebaut. Auch das "Cinema", wie es im Ort alle nennen, bringt ein Stück Normalität zurück. Hier laufen Filme, für die man nicht mehr umständlich ins einige Stunden entfernte Ramallah fahren muss.

Außer den Workshops und Inszenierungen am Theater entwickelte sich auch die Initiative Freedom Bus, bei der Schauspieler des Theaters gemeinsam mit anderen Palästinensern, Israelis und Menschen aus aller Welt in die besetzten Gebiete fahren und Geschichten erzählen.

Die Geschichten werden von den Schauspielern auf die Bühne gebracht. Playbacktheater heißt das und macht durch das Teilen aus individueller eine kollektive Erfahrung. Der Linguist und Aktivist Noam Chomsky und die Philologin und Feministin Judith Butler waren unter den prominenten Unterstützern der Kampagne und gehörten bereits zu den Passagieren des Freedom Bus, der sich bei seiner Arbeit auf die palästinensischen Gebiete konzentriert, in denen der Nahostkonflikt die Menschen am härtesten trifft.

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