Theater:Horror im Bilderbuch-Idyll

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Eine Spielzeuglandschaft dient als niedliches Szenario für "Peeping Tom", das darauf angelegt ist, bei den Zuschauern Angst zu erzeugen. (Foto: Andreas Pohlmann)

"Peeping Tom" erarbeiten am Residenztheater "The Land"

Von Rita Argauer

Diese Landschaft macht einen wahnsinnig. Obwohl sie eigentlich recht nett wirkt mit den kleinen Häuschen und den putzigen Bäumchen, ist die Atmosphäre, die von der Bühne im Cuvilliés-Theater ausgeht, unangenehm und beklemmend. Das Bühnenbild zeigt, passend zum Titel von "The Land" eine Miniatur-Landschaft, die wie das liebevoll errichtete Dorf neben einer Modell-Eisenbahn wirkt. Doch die Darsteller, die darauf wie völlig deplatzierte Riesen wirken, lassen die heimelige Situation in Grauen kippen. Und das, obwohl sie eigentlich kaum sprechen.

Die Koproduktion des Residenztheaters und der belgischen Tanz-Theater-Truppe "Peeping Tom" für "Dance" ist sehr speziell. Nicht nur in der äußeren Form, in der sich die Strukturen der freien Szene mit denen eines Staatstheaters vermischen. Darin hat das Residenztheater sogar schon ein wenig Erfahrung, immerhin hat es zusammen mit Detlev Glanert und Nicola Hümpel zur vergangenen Biennale Elias Canettis "Befristete" produziert oder für die Inszenierung von "Stiller" mit der "Handspring Puppet Company" zusammengearbeitet.

Doch auch die künstlerische Form von "The Land" ist besonders. Weder Theater- noch Tanzstück, sondern eine Art physiologischer Stimmungsmalerei, vermitteln sich die verschiedenen Emotionen über die reine Körperlichkeit der Darsteller auf einem starren Bühnentableau. Für diese bewegte, zeitlich begrenzte Installation haben die Schauspieler gemeinsam mit Regisseurin Gabriela Carrizo Handlung und Bilder entwickelt. Zu Beginn einer langen Workshop- und Probenphase hatte Carrizo nur ein Bild des belgischen Malers Michael Borremans als Inspiration.

Das Grundthema ist Angst und die Verschiebung von Realität, Perspektive und Wahrnehmung. So, als wäre die Stimmung verschiedener Horror-Film-Klassiker ausgeschnitten und in die Miniatur-Landschaft übertragen worden. Etwa wenn Paul Wolff-Plottegg mit einer Axt hinter einer Frau herjagt. Das Stück gleicht einem surrealistischen Film, dessen Stimmungen assoziativ weitergetragen werden. Die Besetzung ist ähnlich ungewöhnlich: Regisseurin Gabriela Carrizo brachte die Peeping-Tom-Tänzerin Marie Gyselbrecht aus Brüssel mit, die Gärtnerplatz-Solistin Snejinka Avramova steuert ihren Mezzosopran bei und sechs Schauspieler aus dem Ensemble des Residenztheaters komplementieren den Stab.

"Bei Peeping Tom arbeiten wir generell viel mit Angst", sagt Regisseurin Carrizo, denn Angst sei eben stark mit dem Körper verbunden. Man kennt das, wie sich Angst unmittelbar auf die Physis auswirkt: Erschauern, Gänsehaut, kalter Schweiß, Starre als Folge plötzlichen Erschreckens oder einer undefinierbaren Bedrohung. Ein wenig scheint Corrizo diese Kausalitäten umzudrehen: Etwa wenn sich die Tänzerin Marie Gyselbrecht ganz bewusst in einen Krampfzustand bringt und in gebrochenem Englisch versucht, ein paar Kinder zu sich zu locken. Die Verkrampfung des Körpers wirkt sich auf die Stimme aus, die immer mehr kippt und letztlich an die Teufelsbesessene aus dem Film "Der Exorzist" erinnert. "Sie tun auf der Bühne Dinge, die unheimlich und beängstigend sind", sagt Carrizo, dadurch würden sie Angst nicht spielen, sondern hervorrufen.

Und ein Prinzip, das für die Schauspieler des Residenztheaters, die es gewohnt sind, einen vorgebenen Text zum Leben zu erwecken, völlig neu ist: "Ich finde es toll, was für ein Vertrauen dadurch in meinen Körper gelegt wird", sagt Philip Dechamps, jeder habe seine eigene Körperlichkeit. Obwohl er keine Tanzausbildung habe, sei es ihm gelungen, Wege zu finden, über die pure und persönliche Körperarbeit zu erzählen. Das und die Kreativität, die Carrizo den Schauspielern dadurch gibt, indem sie den Inhalt des Stückes mitgestalten, faszinieren die Ensemble-Schauspieler. Für Carrizo ist es das erste Mal, dass sie mit reinen Sprechtheater-Schauspielern gearbeitet hat, doch für sie hat es funktioniert: "Sie sind zu Tänzern geworden, die das Material des Stückes mit erschaffen haben."

Premiere von "The Land" im Cuvilliés-Theater am 8. Mai, 20 Uhr

© SZ vom 07.05.2015 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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