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Theater:Hölle, Hölle, Hölle

Mefistofele; Mefistofele

Selbst als Margherita (Olga Busuioc) auf dem elektrischen Stuhl landet, kommt nicht wirklich Spannung auf.

(Foto: Thomas Aurin)

Banaler, langweiliger, uninspirierter kann man sowas kaum zeigen: Àlex Ollé und Dirigent Daniele Callegari zerlegen in Stuttgart Arrigo Boitos Oper "Mefistofele".

Arrigo Boito wollte die italienische Oper erneuern. Er wollte das feste Schema, die mechanische Abfolge von Arien, der in seinen Augen zu oft jede dramaturgische Motivation fehlte, abschaffen, die Italiener mit Wagner versöhnen, forderte ein Primat der Handlung, neue Formen und eine Weiterentwicklung von Klang und Rhythmus. Um zu demonstrieren, was er da alles auf einmal wollte, schrieb er mit 26 Jahren seine Oper "Mefistofele". Die kam 1868 heraus - und Boito wurde dafür übel zerzaust. Sieben Jahre später wurde der von ihm überarbeitete und in seiner Länge halbierte "Mefistofele" dann ein Hit; inzwischen kannte man auch in Italien Wagner, und der ungestüme Boito gehörte auch nicht mehr zum Kreis der "Scapigliati", der "Ungekämmten", in den Sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein avancierterer Kreis der Mailänder Bohème.

Der Dirigent ist vor allem damit beschäftigt, die Luft vor sich elegant zu zerteilen

Nun kam Boitos einzige Oper - er verlegte sich danach zunehmend aufs Verfassen von Libretti, etwa für den späten Verdi - an der Staatsoper Stuttgart heraus, und man hört von dessen Ansinnen fast nichts. Vom Orchester wird bestenfalls eine Ahnung davon vermittelt, wie Boito grandiose, ihrer Zeit vorauseilende Einfälle neben Banales setzt, wie es rumpelt, pfeift und schreit, wie die Harmonik in dramatischen Grautönen verharrt, die Instrumentation einen immer wieder verdutzt aufhorchen lässt. In Spurenelementen, weil selbst der uninspirierteste Dirigent nicht an dieser Musik vorbeikommt, ist also manches erfahrbar. Aber Daniele Callegari ist vor allem damit beschäftigt, in eleganten Bewegungen die Luft vor sich zu zerteilen. Das kann man gut verfolgen, weil sein Spiegelbild immer wieder im Bühnenbild auftaucht und man auch in die Monitore an der Seite lugen kann. Er brennt nicht, er motiviert nicht, er ist bestenfalls mitunter infernalisch laut, aber der Klang bleibt ungestaltet, ist eher eine sich entladende Gewitterwolke als ein vielschichtiges Gefüge.

Alles wird hier unter Wert verkauft, das Staatsorchester Stuttgart, sogar der an sich brillante Chor, die Solisten auch. Es ist über weite Strecken stinklangweilig.

Die Inszenierung kam als Koproduktion mit Stuttgart im Oktober vergangenen Jahres in Lyon heraus, und die Kollegen, die der Einladung dorthin gefolgt waren, kamen mit leuchtenden Augen zurück. Sie hatten allerdings auch Daniele Rustioni am Pult erlebt, einen jungen Enthusiasten, dessen Furor sich offenbar auf die gesamte Wahrnehmung der Veranstaltung ausgewirkt hatte.

Mefistofele ist hier Psychopath. Also schneidet er Kindern die Kehle durch.

Denn auch die Inszenierung von Àlex Ollé, Teil der Truppe von La Fura dels Baus, wurde als zumindest interessant beschrieben, ein Eindruck, der sich in Stuttgart in keiner Weise nachempfinden lässt. La Fura dels Baus sind ja insofern ein Phänomen, als sie nach ihren Anfängen als reines, imposantes Spektakel zu Lieblingen der Opernregie erklärt wurden und seither stets mehr oder weniger dasselbe machen. Eine Fura-Inszenierung, egal welcher des Konsortiums namentlich verantwortlich zeichnet, hat den großen Vorteil, dass man in ihr unbelastet von tiefergehenden Deutungen einem Werk begegnen kann, um das herum meist sehr viel auf der Bühne passiert.

Boito hält sich als sein eigener Librettist recht streng an Goethe, erzählt "Faust I" und fügt die klassische Walpurgisnacht als vorletztes Bild hinzu. Nun heißt die Oper ja weder "Gretchen" noch "Faust", sondern feiert die dunkle Seite des Dramas. Dazu hatte Ollé die Idee, Mefistofele als Psychopathen zu zeigen, der im Prolog Kindern des himmlischen Engelchors die Kehle durchschneidet und immer dann schreckliche Kopfschmerzen kriegt, wenn irgendwo eine Heilsgestalt auftaucht. Nun gehen hier andauend Engel spazieren, deshalb hat Mika Kares anhaltend Kopfweh, was einer möglichen Varianz seines Spiel nicht gerade zugute kommt. Dafür orgelt er sich mit Macht durch die höllische Partie.

Faust, der rührend bemühte Antonella Palombi, ist anfangs einer von 36 Laboranten, die in Schutzanzügen Fleisch filetieren. Dann geht er im Glitzersakko auf Brautschau. Margherita ist vieles, aber garantiert keine blutjunge Unschuld, doch Olga Busuioc hat in ihrer großen Verzweiflungsarie den einen rührenden Moment des Abends. Der Chor muss durch ein technoides Gestänge stolpern, das die meiste Zeit die Bühne vollstellt, die beiden Walpurgisnächte sind so fad wie jugendfrei, aber gedrängt voll. Nach der zweiten schleppt sich der Abend mühevoll zum Anfangsbild zurück, ohne viel Sinn, aber Mefistofele darf jetzt auch noch Faust meucheln. Ein Psychopath halt.