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Theater:Hochdruckgebiet

Die schmutzigen Hände; Schauspiel Köln

Hochaktueller Diskurs über politische Moral: "Die schmutzigen Hände" von Jean-Paul Sartre in der Regie von Bastian Kraft. Die Bühne hat Wolfgang Menardi entworfen.

(Foto: Krafft Angerer)

Die jüngsten Premieren am Schauspiel Köln zeigen erneut: Das Haus steht sehr gut da. Umso befremdlicher wirkt die Wahl des neuen Intendanten.

Das Schauspiel Köln hat einen neuen Intendanten. Nicht augenblicklich, versteht sich, Stefan Bachmann wird seinen bis 2021 laufenden Vertrag selbstverständlich erfüllen. Aber für die Zeit danach, wenn irgendwann womöglich sogar der Wiedereinzug ins Schauspielhaus am Offenbachplatz ansteht, hat die Stadt Köln, schnell entschlossen wie sonst selten, schon einmal vorgesorgt. Carl Philip von Maldeghem heißt der Neue, ein promovierter Jurist, Jahrgang 1969, derzeit regieführender Intendant des Landestheaters Salzburg, davor einige Jahre Chef der "Stuttgarter Schauspielbühnen" - einem Verbund von Privattheatern, nicht zu verwechseln mit dem Schauspiel Stuttgart.

Nicht einmal sonst "gut unterrichtete Kreise" waren vorab informiert, als die parteilose Oberbürgermeisterin Henriette Reker den Kandidaten verkündete, auf den eine offenbar winzige Findungskommission (unter maßgeblicher Mitwirkung von Rolf Bolwin, dem früheren Direktor des Deutschen Bühnenvereins) sich verständigt hatte. Bei aller gebotenen Zurückhaltung ist diese Wahl doch verwunderlich zu nennen: Von Maldeghem ist, was die oberen Etagen der Theaterszene betrifft, ein unbeschriebenes Blatt; als der "innovative Regisseur", als der er in Köln angepriesen wird, hat er sich bisher nicht erwiesen. Die Entscheidung stößt auf viel Kritik. Ihre Bekanntgabe mitten in einer Woche, in der im Kölner "Depot" und auf der Studiobühne am Offenbachplatz mehrere Premieren anstanden, ist durchaus ein kleiner Affront, denn für einen grundsätzlichen Kurswechsel oder gar für ein konservatives "Rollback" in Köln, das nun etliche befürchten, gibt es überhaupt keinen Anlass.

Bastian Krafts Sartre-Inszenierung ist atemberaubend gelungen

Stefan Bachmann macht seine Sache unter schwierigen Bedingungen ausgezeichnet; es scheint, als sei das Schauspiel gerade jetzt, nach fünf Jahren in der Ausweichspielstätte "Depot" auf dem Carlswerk-Gelände, so richtig in Schwung gekommen. Regiestars wie Frank Castorf oder Ersan Mondtag inszenieren wiederholt und offenbar gern in Köln, Bachmann selbst ist ein Regisseur der ersten Garde, das Ensemble ist exzellent, und auch der Publikumszuspruch lässt nicht zu wünschen übrig. Bastian Krafts aktuelle Inszenierung der "Schmutzigen Hände" von Jean-Paul Sartre ist ein atemberaubend gelungener Theaterabend, spannend und intensiv wie ein Film noir, zugleich ein hochaktueller Diskurs über politische Moral.

Sartre schrieb sein Stück gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, er diskutiert darin Strategien des Widerstands. Hugo, ein junger Intellektueller, bekommt den Auftrag, einen kommunistischen Parteigenossen zu liquidieren, der sich offenbar anschickt, aus taktischen Gründen mit dem Klassenfeind zu kollaborieren. Hugo zögert; er schießt erst, als er Hoederer, den Funktionär, dabei ertappt, wie er Hugos Frau Jessica küsst. Letztlich erscheint der politische Mord also persönlich motiviert - was die Frage nach seiner Legitimation in ein ganz anderes Licht stellt.

Regisseur Bastian Kraft hat einen eigenen Stil entwickelt, kanonisierte Texte neu zu beleuchten. Eine ferngesteuerte Kamera im Zentrum der Szene nimmt Figuren, Gesichter und Gegenstände auf, so dass man ein Theaterstück und einen Film gleichzeitig sieht. Die aufgenommenen Bilder ähneln nicht den verwackelten Sequenzen einer Handkamera; sie sind exakt programmiert und setzen immer wieder die entscheidenden Details in Szene. Der Revolver in der Hand von Sophia Burtscher, die Jessica spielt, wird auf diese Weise zu einer Ikone: Was hat diese Frau im roten Kleid vor, fragt man sich, warum nimmt sie die Waffe an sich? Will sie den Mord verhindern, oder will sie Hugo anstacheln?

Grandios zeichnet Sophia Burtscher das beklemmende Porträt einer jungen Frau, die sich für eine Spielerin hält und lange nicht merkt, in was für einen gefährlichen Strudel sie gerät. Sartre erzählt die Handlung mittels einer Rückblende; Kraft verstärkt diesen Kunstgriff, indem er die von Katharina Schmalenberg gespielte Olga die Szene umkreisen und immer wieder bohrende Fragen an Hugo richten lässt: War es so? Oder war es ganz anders? Die Breaks heizen auf raffinierte Weise die Spannung an, die Aufführung gewinnt einen eminenten Sog, ohne altklug oder effekthascherisch zu wirken.

Nikolaus Benda ist die Hamlet-Figur Hugo, ein skrupulöser Nicht-Handelnder, der sich endlich mal beweisen will. Martin Reinke, der eine schneidend scharfe Stimme mit einem fast femininen Gestus verbindet, spielt den alternden Hoederer, einen sympathischen Charmeur - in einem fatalen Spiel, in dem es nur Verlierer gibt.

Neben dem "Depot" auf der anderen Rheinseite bespielt das Kölner Schauspiel noch das (technisch topausgerüstete) Studio in der Innenstadt. Dort hat Melanie Kretschmann Jean Cocteaus Roman "Die schrecklichen Kinder" aus dem Jahr 1929 inszeniert; in der Bühnenfassung von Helene Hegemann heißt er "Kinder der Nacht". Erzählt wird von Verrat und Begehren, von Homo-, Hetero- und Geschwister-Erotik und von abwesenden Eltern. Ein angenehmer Retro-Look prägt die Inszenierung; das Kinderballett mit wirbelnden Pelerinen erobert im Nu die Zuschauerherzen. Sehenswert ist aber vor allem Lou Zöllkau, die mit bezauberndem Charme die Elisabeth spielt - eine Figur, die atemlos ihre Launen auslebt, dirigiert, animiert, manipuliert, ähnlich der Jessica in den "Schmutzigen Händen", nur einen Tick erwachsener. Moralisch "verdorben", hätte man früher gesagt, aber doch von einer herzerwärmenden Frische: ein Kabinettstück.

Alle Theater erleben Hochs und Tiefs; Köln ist derzeit zweifellos unter dem Einfluss eines ausgeprägten Hochs.