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Theater:Hitler in Führung

Last Supper

Ägyptische Dekadenz: Szene aus "The Last Supper".

(Foto: Gianmarco Bresadola)

"Unfertige Stücke für unfertige Menschen": Das "Find"-Festival an der Berliner Schaubühne erzählte von einer komplexen Welt.

Von Mounia Meiborg

Irgendwann kommt die Abrissbirne. Eine große, schwarze Kugel schwingt über der Bühne. Unheilvoll hängt sie über dem Tisch mit Wodkaflaschen und Samowar, bevor sie die Gutshaus-Attrappe im Hintergrund ramponiert. Zerstört wird das Klischee einer Tschechow-Inszenierung. Damit verrät die Szene schon mal, wie Theater für die irische Gruppe Dead Centre nicht sein soll: museal.

Wie Theater sein soll, darauf gab es beim Festival für Internationale Neue Dramatik (Find) an der Berliner Schaubühne, das am Sonntag zu Ende ging, sehr unterschiedliche Antworten. Nur eines verband die zwölf Gastspiele aus Ländern wie Ägypten, Iran, Belgien und Schweden: Alle Texte wurden von ihren Autoren selbst inszeniert. Oder andersherum: Die Regisseure haben sich ihre Stücke selbst geschrieben.

Das irische Regieduo Dead Centre benutzte Tschechows "Platonow" als Folie für einen Essay über Tschechow, das Theater und das Leben. Zu Beginn von "Chekhov's First Play" tritt einer der beiden Regisseure, Bush Moukarzel, vor den Vorhang. Seine letzte Inszenierung habe niemand so recht verstanden, sagt er. Deshalb wolle er das Stück nun live kommentieren.

Die Zuschauer setzen Kopfhörer auf. Wie beim Audioguide im Museum führt der Regisseur durch seine Inszenierung. Vorne gibt es einen ziemlich konventionellen Tschechow. Im Ohr aber hört man die Kommentare: Dass dieses Jugendwerk Tschechows seine Schwächen habe. Dass die Schauspielerin den Satz falsch betont hat. Und dass er sich die Inszenierung eigentlich ganz anders vorgestellt hat.

Das ist mehr als lustig dekonstruierendes Meta-Theater. Es ist ein Protokoll der Unvollkommenheit, eine Tonspur des Zweifels, die das Leben verhindert. Womit wir natürlich bei Platonow sind, dem großen Glücksvermeider. Er tritt erst in der zweiten Hälfte des Abends auf. Es ist ein Zuschauer, der kurz vorher gecastet wurde und nun über Kopfhörer Regiebefehle entgegennimmt. Wie ferngesteuert stolpert der junge Mann durch die Szenerie. Er lässt sich von Frauen küssen und von Männern umarmen und bleibt dabei stumm: eine Projektionsfläche für die Sehnsüchte einer sinnentleerten Gesellschaft.

Bei Tschechow sagt der Gutsbesitzer Glagoljew einmal zu einem jungen Mann: "Wir waren glücklicher als Sie. In unserer Zeit gab es Liebende und Hassende." Das Gefühl der Leere, das Platonow-Syndrom, wird bei Dead Centre zum Generationsbefund. Das spiegelt sich auch in ihrer Arbeit: Die Regisseure Ben Kidd und Bush Moukarzel fragen sich als popsozialisierte 30-Jährige, wie man heute überhaupt Theater machen kann. "Unfertige Stücke für unfertige Menschen" wollen sie inszenieren. Das ist ihnen auf bewegende Weise gelungen.

Um Wahrnehmungen und Manipulationen ging es auch in Sanja Mitrovićs Performance "Speak!". Die belgisch-serbische Theatermacherin hat öffentliche Reden aus den vergangenen 120 Jahren untersucht. Gemeinsam mit Jorre Vandenbussche steigt sie nun in den politischen Ring. Wie Boxer treten sie gegeneinander an. Die Zuschauer entscheiden per Knopfdruck, wem sie ihre Stimme geben.

Der Prozess der politischen Abstimmung wird also auf dem Theater wiederholt. Und wie bei einer echten Wahl fragt man sich, was die Kriterien sind, Inhalt oder Performance? Wählt man lieber die attraktive Frau oder den bodenständigen Typen? Und ist das Gesagte glaubhaft?

Erst hinterher erfährt man, von wem die jeweilige Rede stammt. Und erlebt Überraschungen: Eine Ansprache von Martin Luther King steckt voller leerer Floskeln. Hitler und Churchill sind in ihrem martialischen Ton kaum zu unterscheiden. Nur Saddam Hussein erkennt man sofort an seinen verquasten Sprachbildern.

Mal legen die Redner die Hand aufs Herz, mal breiten sie die Arme aus, mal flüstern sie. Dazu kommen die immer gleichen Worte: Veränderung, Demokratie, Menschenrechte. Weil die Inhalte sich ähneln, ist man irgendwann versucht, den ungewöhnlichsten oder dramatischsten Auftritt zu honorieren - und geht dabei in die Falle des Populismus. Dass am Ende eine Hitler-Rede gewinnt, ist eine bittere Pointe in diesem rasanten Gesellschaftsspiel.

Auch der ägyptische Theatermacher Ahmed El Attar trat als Autor und Regisseur in Personalunion auf. Sein Stück "The Last Supper" zeichnete ein düsteres Sittengemälde der ägyptischen Oberschicht. Eine Familie trifft sich zum Abendessen. Da ist der alte Mann, den alle den "General" nennen und der in der Hierarchie ganz oben steht. Da ist die Schwiegertochter, die mit knappem Kleidchen, aufgespritzten Lippen und einer Vorliebe für Selfies Kim Kardashian Konkurrenz macht. Da ist der Onkel, der als freigeistiger Künstlertyp daherkommt, sich jedoch als Sadist entpuppt.

Man diskutiert, ob Dienstmädchen aus Indonesien oder Äthiopien fleißiger sind. Globalisierung und Kapitalismus gehen hier eine fatale Allianz mit Chauvinismus und Rassismus ein. Die Bediensteten, die mit hochgezogenen Schultern Gläser zurechtrücken, werden ignoriert oder drangsaliert. Die Gewalt setzt sich fort; der Oberkellner schikaniert seinen Untergebenen. Die Figuren sind manchmal hart an der Grenze zur Karikatur. Aber um feine Figurenzeichnung geht es El Attar auch nicht.

Der Abend wirft ein grelles Schlaglicht auf die ägyptische Klassengesellschaft, die auch nach der Revolution 2011 kaum je infrage gestellt wird. Es ist ein Abend, der typisch ist für das diesjährige Festival. Er erzählt von einer komplizierten Welt. Und kommt ohne einfache Wahrheiten aus.

© SZ vom 21.04.2016

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