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Theater:Hier spricht die Gegenwart

Vavien: Svetlana Belesova

Foto: Regine Heiland

Svetlana Belesova spielt Vavien in der Inszenierung von Caner Akedeniz und bekommt ihre Handlungsanweisungen via Ticker.

(Foto: Regine Heiland)

Was macht der Münchner Regie-Nachwuchs? Antworten geben die Bayerische Theaterakademie und die Otto-Falckenberg-Schule

Den Wechselschalter, mit dem man eine Lichtquelle von zwei Orten aus steuern kann, bezeichnet der Franzose als "va-et-vient". Die junge Frau, die in Caner Akdeniz' Inszenierung an der Bayerischen Theaterakademie in Zeitlupe durch einen sinnentleerten Tag geht, heißt "Vavien". Genau wie der Titel der Stückentwicklung, die der Regiestudent in seinem ersten Master-Jahr mit zwei Schauspielern auf einer in sechseinviertel gut belegten Lebensraum-Kuchenstücke geteilten Drehbühne (Ji Hyung Nam) umsetzt. Svetlana Belesova spielt die Titelfigur beziehungsweise führt mit verlangsamten, maschinenhaft ruckelnden Bewegungen via Ticker eintrudelnde Handlungsanweisungen aus, die ihr viele banale Gänge, aber auch einen Axteinsatz gegen Obst abverlangen. Man bewegt sich wortlos und gedimmt zu Latino-Musik (auch wenn es heißt: "Sie tanzt ekstatisch") oder zum sanften Quietschen der Bühnenmechanik.

Der Abend ist witzig, wo Beschreibung und Tat auseinanderklaffen, etwa wenn ein schlichtes "Vavien geht ins Bad" das Erklettern eines drittelwandhohen Podestes erfordert. Und es ist so überraschend wie handwerklich gut gemacht, wenn nach der nächsten Bühnendrehung plötzlich die Axt in der Tür steckt und die Früchte bereits im Mixer vor sich hinbluten, wenn Belesova plötzlich eine Hahnenmaske trägt oder ein dicker Mensch im schwarzen Overall (Cem Lukas Yeginer) im Hof-Kuchenstück eine blaue Papierkugel in der Hand hält. In seiner albtraumhaften Schärfe erinnert das Ganze sehr an die installativen Arbeiten Susanne Kennedys und Ersan Mondtags. Doch als die bis dahin stumme Vavien den sich als Identitätsdieb erweisenden Eindringling in den entscheidenden (Playback-)Dialog zwischen Othello und Desdemona verstrickt, streckt sich der Abend allzusehr zu seinen Vorbildern hin und lässt den thematischen Ausgangspunkt aus dem Fokus: Die Frage, warum in einer Gegenwart voller Optionen so viele handlungsunfähig sind.

Fragen - und synchrone Mundbewegungen zu Sätzen aus dem Off - waren auch für Jacqueline Reddingtons "Ich sehe was, was du nicht siehst" zentral. An der Otto-Falckenberg-Schule, wo sie erst im zweiten Jahr Regie studiert, sind Stückentwicklungen, die sich von der gegenwärtigen Realität nähren, offenbar ebenfalls das Bühnenvehikel der Stunde. Anlässlich der zunehmenden Bedrohungslage in der Welt hat das Team Kindern Fragen gestellt nach Orten, an denen sie sich sicher fühlen - oder was für sie Leiden, Freiheit, das Böse oder das Glück bedeutet. Hinreißendes, Angeberisches und Entlarvendes kam dabei zutage - von "giftenden" Kobras über diabolische neue Mauerbauer bis zu Schutzengeln namens Pupsi. Die Kinder sprechen hier selbst; und sprechende Kindergesichter erscheinen auf Jalousien, hinter denen drei Schauspieler je nach Lichteinfall und Neigungswinkel der Lamellen mehr oder weniger deutlich sichtbar werden und den Kindermund mit ihren eigenen Lippen nachbuchstabieren. Ein interessanter Verfremdungseffekt, zumal man in vielen Äußerungen Erwachsenengerede widergespiegelt sieht.

Ansonsten gilt für diese Arbeit in abgeschwächtem Maße dasselbe wie für das blitzgescheite, selbstironische und irre witzige "Don't worry, be Yoncé", womit die niederländische Regisseurin und Performerin Stephanie van Batum bereits im Mai ihr Falckenberg-Studium abschloss: Immenser Rechercheaufwand, hervorragende Rhythmisierung und Beherrschung aller Live-Art-Mittel. Zudem haben van Batum und ihre Mit-Beoncés Henrike Commichau, Stacyian Jackson und Mona Vojacek Koper in diese "Lecture Performance" und doppelbödige Anleitung zum Beoncé-Werden so viel tänzerische Lebensenergie gesteckt, dass sie damit auch noch den Beoncé-fernsten Zuschauer anstecken. Ob man nun über die Leistungsnormen des amerikanischen Traumes, die Pop-Diva oder über die lacht, die sie nicht verstehen, ist dabei egal. Der Nachwuchs für das alte, brave Staatstheater gedeiht hier jedenfalls nicht. Und das ist gut so.

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