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Heidelberger Stückemarkt: Möglichkeitssinnlichkeit

Täheater Heidelberg

Immer auf Abstand: Friedrich Witte (Ivan) und Katharina Ley (Ruth) in Teresa Doplers Stück "Das weiße Dorf".

(Foto: Susanne Reichardt)

Letztes Jahr ist er ausgefallen, dieses Jahr findet der Heidelberger Stückemarkt digital statt und präsentiert endlich das Siegerstück von 2019: "Das weiße Dorf" von Teresa Dopler. Eine schöne Entdeckung.

Von Christine Dössel

Andere Festivals haben bei der coronabedingten Umstellung auf digitale Formate schon etwas Erfahrung. Beim Heidelberger Stückemarkt, der im vergangenen Jahr gecancelt wurde, herrscht die Aufregung des ersten Mals. Süß, wie unverhohlen sich das uns "lieben Zuschauern da draußen" vermittelt. Für die Eröffnung via Live-Stream scheinen sie der Moderatorin ein Euphorisiakum verabreicht zu haben. Sie ist von den Programmvorstellungen ihrer Kolleginnen und Kollegen hellauf begeistert ("Das hört sich fantastisch an!") und trägt ihr Stückemarkt-Signature-T-Shirt, als sei es nicht brombeerfarben, sondern pink. Darauf gedruckt das Logo des Festivals: ein weißer Origami-Kranich - in Japan ein Symbol für ein langes, glückliches Leben. Das diesjährige Gastland des Stückefestivals ist aber gar nicht Japan. Sondern Litauen, bisher nicht groß durch Origamikunst aufgefallen. Aber egal. Vielleicht soll der gefaltete Papiervogel ja auch ein Schwan sein, und mit dem schwant einem in allen Kulturen eher nur Gutes.

Ein guter Festival-Start war es allemal. Traditionell eröffnet wird der Heidelberger Stückemarkt mit einer Inszenierung des Gewinnerstücks vom vorigen Jahr, in diesem Jahr also mit dem von 2019: "Das weiße Dorf" von Teresa Dopler, Jahrgang 1990, einer Österreicherin mit einer unverkennbaren dramatischen Begabung (und großem psychologischem Menschenverständnis, das merkt man schnell). Ein Zweipersonenstück, in der Grundkonstellation denkbar einfach: Man meets woman, eine zufällige Wiederbegegnung nach Jahren. Sie haben sich früher mal "ein paar Monate lang gekannt", offenbar geliebt, aber dann ist jeder seinen eigenen (Karriere-)Weg gegangen. Auslandsstudium, Ortswechsel, Jobangebote. Beide sind erfolgreich, attraktiv, viel beschäftigt, da kann einem der andere oder das Leben oder die Liebe schon mal abhandenkommen. Geht ja auch immer alles so schnell. Außerdem: "Es gibt nichts Schöneres als einen Beruf, der dich erfüllt."

"Es wird uns gut gehen, es wird keinen Grund geben, uns nach irgendetwas zu sehnen."

Angesiedelt hat die Autorin das Wiedersehen von Ruth und Ivan auf einem Kreuzfahrtschiff, man schippert den Amazonas entlang. Sie sind mit ihren Partnern unterwegs, Ruth mit Ben, Ivan mit Lea, beide scheinen sehr okay zu sein, doch sie treten nur in den Dialogen in Erscheinung, nie als reale Figuren. Ist es überhaupt eine reale Situation? In vielen kurzen Begegnungen führen Ruth und Ivan Gespräche an der Reling, das ist schon alles - und geht doch so tief. Sehr direkt und ohne Umschweife erzählen sich die beiden die intimsten Dinge, horchen sich aus, bestätigen sich selbst, befragen und umkreisen sich. Sie scheinen sich naturgesetzlich zueinander hingezogen zu fühlen ("Neben keiner anderen Person stehe ich so gerne wie neben dir"). Eine Stimmung von Flirt und Ehebruch liegt in der Luft. Eine Möglichkeitssinnlichkeit. "Wir beide, das klingt schön." Sie malen sich aus, was hätte sein können, damals - oder was jetzt sein könnte, wenn ...

Ja, wenn man etwas riskieren würde. Oder nichts zu verlieren hätte. Oder wirklich etwas anderes wollen würde. Diese beiden aber, Ruth und Ivan, haben weder einen Leidens- noch einen Liebesdruck, "keine Zeit für Sehnsucht", heißt es einmal, es geht ihnen auch so ganz gut. Schon damals haben sie den jeweils anderen seiner Wege ziehen lassen und ihn dann vergessen, und das wird auch jetzt wieder so sein, nachdem durch die Wiederbegegnung kurz ein Verlust- und Schmerzgefühl, eine innere Leere aufgeflackert ist: "Alles wird in Ordnung sein, wir werden sehr beschäftigt sein und es wird uns gut gehen, es wird keinen Grund geben, uns nach irgendetwas zu sehnen." Zwei Erfolgsmenschen, die nichts so schnell aus der Bahn wirft, die die Dinge zurechtzurücken und zu relativieren verstehen. Kurz steht eine Option im Raum, die einer großen Liebe. Aber das ist dann letztlich auch wieder egal. "Wahrscheinlich waren wir schon immer so", resümiert Ruth.

Täheater Heidelberg

"Wir beide, das klingt schön": Ivan (Friedrich Witte) und Ruth (Katharina Ley) auf schwankendem Terrain.

(Foto: Susanne Reichardt)

Ein trauriges Stück. Teresa Dopler hat es streng komponiert und rhythmisiert, gefügt aus knappen Sätzen mit wohl gesetzten Wiederholungen, Konjunktiven und Formeln wie der refrainhaft wiederkehrenden Selbstbestätigungsfloskel "Es ist ein gutes Zeichen, wenn ...". Gekonnt bringt die Autorin die Dialogpartner in ein fixes Pingpong und hält sie dennoch auf Distanz, lässt sie sich gegenseitig in ihren astreinen Lebensentwürfen spiegeln ("ja, das finde ich auch", "mir geht es genauso"). Es gibt nur eine einzige Regieanweisung, die kommt oft und lautet: "(lacht)". Es sind Peinlichkeits-, Verlegenheits-, Übersprungslacher. Hinweise auf ein Unbehagen, das die Heidelberger Schauspieler Katharina Ley und Friedrich Witte auf ihrer Klaviatur zu wenig anspielen. Sie sind gut, überzeugend gefangen in ihrem Korsett, aber Virtuosen der Zwischentöne sind sie nicht.

Es ist ein Spiel von Checks and Balances, alles bleibt in der Schwebe

Der junge Regisseur Ron Zimmering stellt die beiden auf einer rostigen Plattform in einem leeren Theaterraum aus, einer Platte, die schwankt und von den zwei Darstellern in einem Spiel von Checks and Balances permanent austariert werden muss. Ein starkes Framing, das zwar nicht viel Spielraum lässt, aber buchstäblich alles in der Schwebe hält (Bühne und Kostüme: Ute Radler). Ivan trägt einen flamingofarbenen Urlaubsanzug, Ruth ein Carmen-Shirt zu meerblauer Hose, dazu ein Tuch im Haar. Mehr Sommer-Lässigkeit ist nicht. Es fehlt das Flirren. Das vorbeiziehende Land - Brasilien - kommt in kurzen Kommentaren vor, spielt aber im Bewusstsein der beiden keine Rolle; sie sagen es selbst: Es hätte auch Thailand sein können. Das "weiße Dorf" im Titel könnte auf das Kreuzfahrtschiff mit den reichen Europäern anspielen, wird im Stück aber auch ganz konkret als ein Ort in Andalusien benannt, den Ruth damals Ben gerne gezeigt hätte, ein absolut "vollkommenes" Dorf. "Dieser Ort existiert, es gibt ihn wirklich." Man könnte ihn aufsuchen. Wäre da nicht die unerträgliche Gleichgültigkeit des Seins.

Ob in Heidelberg auch in diesem Jahr wieder so eine Stückperle dabei ist, wird sich zeigen. Sechs Texte sind für den deutschsprachigen Autorenwettbewerb nominiert, fünf davon von Frauen. Sie werden in Lesungen vorgestellt. Dazu kommen drei Stück-Lesungen und zwei Live-Streams aus dem Gastland Litauen. Neu im Programm ist der "Netzmarkt", er präsentiert drei Produktionen, die explizit als Digitalformate entstanden sind, etwa die vielfach gefeierte Inszenierung "Werther.live" vom Freien Digitalen Theater (9. Mai). Die Preisverleihung wird zum Festivalende am 9. Mai live aus dem Heidelberger Theater übertragen. Dann wird erstmals auch an eines der Stücke der SWR2-Hörspielpreis vergeben.

© SZ
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