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Theater:Hamlet auf Trip

Johannes Nussbaum im "Hamlet" des Münchner Residenztheaters.

(Foto: Birgit Hupfeld)

Zur Wiedereröffnung des Münchner Residenztheaters inszeniert Robert Borgmann Shakespeares "Hamlet" als Reizüberflutung.

Von Egbert Tholl

Andreas Beck, der Intendant des Münchner Residenztheaters, begrüßt mit strahlendem Gesicht die Zuschauer, erntet dafür gleich mal festen Applaus, der sich bei rund 200 zugelassenen Gästen gar nicht so schütter anhört. Er beschreibt die Stimmung hinter der Bühne wie eine Mischung aus erstem Schultag und Heiligabend und ist ungeheuer froh. 193 Tage war das Residenztheater pandemiebedingt geschlossen, und das, was man nun zur Wiedereröffnung zu sehen kriegt, fühlt sich an, als wolle man jene 193 Tage in einer einzigen Aufführung von dreieinhalb Stunden Dauer nachholen. Mit Shakespeares "Hamlet".

Es wäre vermutlich sehr gewinnbringend, Robert Borgmanns Regiebuch während der Aufführung mitzulesen. Vielleicht fände man in diesem eine Anleitung, wie man mit den gefühlt 2000 intertextuellen Bezügen, die der Regisseur in seiner Inszenierung versteckt hat, umzugehen hat. Nun hat man eine solche Anleitung aber nicht, und staunt deswegen über ein disparates Sammelsurium der heterogensten Bühnenideen, dem jede Kohärenz abgeht. Und doch: Borgmann und sein üppig vorhandenes Ensemble erzählen das Stück, brav von vorne bis hinten, na ja, fast bis ganz hinten. Sie erzählen es, wie es geschrieben ist. Sie spielen sehr viele Szenen, darunter auch solche, die normalerweise gestrichen werden. Doch diese dramaturgische Stringenz ist nur eine vermeintliche.

Das wirkt wie ein psychotischer Trip, der wunderbar versponnen beginnt. Hinter einer doppelten Gazewand tappen im Diffusen die beiden Wachen herum, treffen den Geist von Hamlets Vater, den nur sie sehen. Ein rätselhafter Kubus steht verkantet auf einer abgeflachten Spitze herum. Alles ist milchig und geheimnisvoll, dann verschwindet die Gaze und die höfische Beerdigungsgesellschaft drängt sich, gewandet in helle und leicht groteske Gewänder der Shakespeare-Zeit (Kostüme: Bettina Werner) in den Raum. Daneben steht Hannah Arendt.

Als wäre diese ganze Wiedereröffnung des großen Hauses nur eine Reminiszenz an vergangene großartige Tage

Eigentlich ist es Katja Jung, die Horatio spielt, Hamlets einzigen Freund, der hier nun eine klargesichtige, kettenrauchende Analytikerin ist, die am Ende ein Märchen von Monstern und einem Schmied erzählt. Auf Englisch, mit bewusst ausgestelltem Akzent. Aber dies ist noch eines der milderen Rätsel hier. Zu den größeren gehören Rosencrantz und Guildenstern (Florian von Manteuffel und Lukas Rüppel) als großköpfige, fahnenschwenkende Riesenbabys. Oder der Elefant. Der allerdings macht Spaß. Wahrscheinlich ist es der berühmte "elephant in the room", also das Offensichtliche, das niemand anspricht, hier als großes, durchscheinendes Gummitier, das unter großem Gejohle ins Parkett getragen, auf den Balkon gehievt und wieder auf die Bühne zurückbefördert wird, wo ihm die Luft herausgeprügelt wird.

Borgmann hat sich selbst eine Bühne aus weißen, sanft flatternden Vorhängen mit einem drehbaren Mittelteil gebaut. Seine eigentliche Ausstattung sind die Darstellenden. Die agieren in allen möglichen Stilen, sind manchmal grotesk, manchmal erhaben. Oder sie machen richtig blöden Unsinn, Schauspielschul-Impros, verfallen greinend in tiefste Trauer. Jede Haltung hebt die vorangegangene auf, nur Hamlet bleibt ziemlich klar, also gar nicht psychotisch. Johannes Nussbaum ist ein widerspenstiger Wiedergänger des Schauspielers Oskar Werner, also per se hinreißend, auch wenn man ihn nicht richtig zu fassen kriegt.

Im Graben machen Rashad Becker und Valerio Tricoli sehr viel Musik, die nach weit entfernten Kreissägen, Klangschalen oder Liebesgesängen eine Treppe hinabkullernder Schildkröten klingt. Oben auf der Bühne entstehen en passant immer wieder fabelhafte Bilder zwischen all dem Quark. Auftritt der von Hamlet engagierten Schauspieler: Zwei Krankenhausbetten werden hereingeschoben, darin liegen Michael Gempart und Arnulf Schumacher. Sie hängen an Bluttransfusionen - ja, den Bühnenkünsten geht es derzeit schlecht. Als Totengräber werden die beiden alten Herren später ein Museum der Theatererinnerungen errichten, ganz im Dunkel, nur von Lichtstelen beleuchtet. Als wäre diese ganze Wiedereröffnung des großen Hauses nur eine Reminiszenz an vergangene großartige Tage des Theaters.

© SZ/eye
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