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Wolfram Lotz' "Die Politiker" in Hamburg:Insel der Stoßseufzer

Szene aus Charlotte Sprengers Inszenierung in Hamburg.

(Foto: Emma Szabó)

Bei der Uraufführung vor zwei Jahren wurde Wolfram Lotz' Theatermonolog "Die Politiker" gefeiert. Jetzt nimmt sich das Hamburger Thalia-Theater das Stück neu vor, und die Berliner Uraufführung kommt als Film heraus.

Von Till Briegleb

Wer hat versagt in der Coronakrise, beim Klima und in der Asylpolitik? Natürlich: die Politiker. Aus dieser Schuldzuweisung hat der Dramatiker Wolfram Lotz ein Bühnengedicht entwickelt. Es heißt: "Die Politiker" und es ist musikalisch strukturiert von dieser Wutphrase, mit der Bürgerinnen und Bürger im Gefühl der eigenen Ohnmacht ihre Sätze beginnen lassen, auf Stuttgart-21-Demonstrationen genauso wie auf Pegida-Versammlungen.

Aber das steht so konkret natürlich nicht in Wolfram Lotz' Stück. Sein ironischer Kommentar auf die Gewohnheit, pauschal zu urteilen, wiederholt nicht die Inhalte der unterschiedlichen Anklagen. Lotz genügt der Ton, den jeder kennt, die Melodie der unermüdlichen Beschuldigungen, um den realen Hintergrund wachzurufen.

Sein 99-seitiges Stück ohne Figuren ist Satire. Und deswegen beginnt es wie ein romantisches Gedicht: "Die Politiker gehen die verschneiten Abhänge hinab, ich sehe sie aus der Entfernung." Ab dann erzählt Lotz von einem Berufsbild wie von einem fremden Volk, als seien Politiker Bewohner eines neu entdeckten Inselstaates, deren Gewohnheiten er studiert.

Diese gewitzte, mal dadaistisch verdrehte, mal sehr konkrete Betrachtung öffentlicher Meinungsäußerung hat Lotz 2019 geschrieben. Dann kam die Lungen-Seuche aus China, und seither reden auch jene über "die Politiker", denen Parteien, Parlament und Proteste vorher egal waren. In der Zeit der Inzidenzkurven ist heute jeder Politikberater. Der Zeitpunkt ist also günstig, das Stück in Erinnerung zu rufen, zumal im Streaming-Modus der Theater, wo es auch Politiker sehen können, die ja sonst nie ins Theater gehen (auch so eine Beschuldigung).

Das dachte sich auch der Regisseur Sebastian Hartmann, der 2019 am Deutschen Theater in Berlin Lotz' Entscheider-Farce an eine "Lear"-Inszenierung angehängt hatte. Nun hat er das Doppelporträt der Macht noch einmal als Film-Premiere neu aufgestellt. Schrieben die Kritiker damals begeistert von dem Monolog, den Cordelia Wege in Teil zwei der Inszenierung allein vortrug, ein Kollege sogar von einem Theatermoment, an den man sich noch in Jahren erinnern wird, so tat der Regisseur diesmal alles, damit das nicht wieder vorkommt.

Lear [Livestream]

Cordelia Wege in der Berliner Livestream-Neuinszenierung "Lear / Die Politiker" von Sebastian Hartmann - wo der Text von Wolfram Lotz in einem Zitate-Sumpf baden geht.

(Foto: Videostill Stream Deutsches Theater Berlin)

Lotz' feiner Text geht hier baden in einer Suppe aus Literatur-Zitaten. Von Shakespeare-Schnipseln über Versatzstücke aus "Peer Gynt", von Passagen aus Döblins "Berlin Alexanderplatz" bis zum Koran, von Wachstumskritik bis zu Erinnerungen an Judenerschießungen durch die SS wird hier alles zusammengerührt, was nicht zusammenpasst. Und dieses Wort-Püree lässt Hartmann noch in einer Soße aus sphärischer Musik aufblubbern. In diesem Behauptungsbrei, in pathetischem Schwarz-Weiß rund um ein Corona-Krankenbett am Bühneneingang des Deutschen Theaters gefilmt, wird dann Cordelia Wege kurz eingeblendet, wie sie vor dem Reichstag in die Spree springt und unverständlich ihren Text ans andere Ufer brüllt. An diesem Stückeversenken sind ausnahmsweise die Politiker vollkommen unschuldig.

Charlotte Sprenger gelingt es, aus Lotz' Text die Absurdität von Sprache zu entfalten

Am Hamburger Thalia-Theater dagegen zeigte Charlotte Sprenger bei der Streaming-Premiere am Freitag, wie es geht, Melodie und Rhythmus von Wolfram Lotz' Text als Basis zu nehmen, um die Absurdität von Sprache chorisch zu entfalten. Mit sieben Schauspielerinnen und Schauspielern (Sandra Flubacher, Pascal Houdus, Oliver Mallison, Björn Meyer, Toini Ruhnke, Merlin Sandmeyer und Philipp Plessmann) unter einer Riesenwiege mit Politikerbüro drauf (Bühne: Aleksandra Pavlović) folgte sie der Musikalität der Worte mit hoher Sensibilität für Brüche, Tempowandel und inhaltliche Schwenks in dem sehr langen und vielfältigen Fließtext.

Lächerlich, aber opulent kostümiert wie Gestalten auf einem Fasching für neureiche Kinder (durch Anna Degenhard) wechselte das kleine Ensemble der Komödianten in diesem Theaterfilm (häufig unscharf) eigentlich nur in seinen Aufstellungen und Konstellationen, blieb ansonsten aber der Konzentration auf das gesprochene Wort treu - leider nur eine Stunde lang. Lag es daran, dass die Gehirne sich danach den Text nicht mehr merken konnten, oder dass der jungen Regisseurin die unterstützende Bebilderung der schönen Suada nicht mehr genügte? Jedenfalls schwappte die präzise Spracharbeit danach über in ein Stimmgewirr mit Schauspielern, die sich in Nahaufnahme auf dem Boden suhlten.

© SZ/jhl
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