Theater Hamburg Ohne Männer, ohne Spaß

Weibliche Diskursherrschaft in zwei Premieren am Hamburger Schauspielhaus, inszeniert von Christoph Marthaler und Katie Mitchell. Es geht um das Verschwinden der Männer.

Von Till Briegleb

Nach dem Abschied der Männer hat es das Matriarchat nicht leicht, die Welt in Ordnung zu halten. Jedenfalls, wenn es nur aus Dichterinnen besteht. Da stehen unter anderem Gertrude Stein, Ilse Aichinger, Gisela Elsner, Nora Gomringer, Elfriede Gerstl, Daisy Fellows und Gertrud Kolmar in einer Garderobe aus Kachel- und Tapetenresten herum, die den kompetenten Handwerker so vermisst, dass sogar die Jalousie mit Backsteinen offen gehalten werden muss, und halten Wort und Sinn auseinander. Verschwunden sind die Kerls durch einen fürchterlichen Sonnensturm, der die Erde traf und die gesamte Population mit dem fehlenden Chromosomen-Beinchen ausgetauscht hat gegen einen einzelnen Gott der Pataphysik. Der kann immerhin Klavier spielen und damit der verschwundenen Geschlechterhälfte gedenken, denn alle Musik, die hier zu hören ist, ist männlich.

Ach ja, und Alfred Jarry, der Erfinder der Pataphysik, ist auch noch da, in kurzen Hosen. Offensichtlich ist er nicht ganz Mann genug, um einen Platz in der Erdumlaufbahn zu verdienen, wo alle weniger unvernünftigen Herren als Eiszapfen herumsegeln dürfen. Die Frauen aber, die jetzt vom Barhocker herunter das Sagen haben, kennen keine Enttäuschung über ihre unvollkommene, männerlose Welt, sondern handeln ganz im Sinne ihre neuen Gotts. Der erklärt seine Weltreligion des Universums zur "einzigen imaginären Lösung für nicht vorhandene Probleme". Christoph Marthaler ist sein Prophet.

Dessen neues Stück am Hamburger Schauspielhaus heißt zwar noch nach zwei Texten des französischen Literaturexzentrikers Alfred Jarry: "Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch". Aber nachdem alle Bühnenwesen ihre Mäntel und Pelzroben abgeworfen haben, wird dieser Plan bereits abrupt beendet: durch den elektromagnetischen Orkan und Rosemary Hardy, die alle Buchstaben von der Ankündigungstafel mit dem Stücktitel frisst. Das neu erfundene Drama, in dem Jarry nur noch brummt, falsch singt und in einer Zeitmaschine herumradelt, ist dann als zweistündige Turn- und Gesangsstunde des Poesie-Matriarchats frei konzipiert.

In der Schlampigkeitskathedrale von Anna Viebrock, wo ständig Sideboards rein- und rausfahren, erfährt das Publikum von den strengen Dichterinnen Lebenshilfen im Akkord: "Das Schicksal ist ein Gaumensegel!" "Eine abgeschnittene Nase wächst niemals nach!" "Im Verschwinden wird alles besser, und das will wiederholt werden!" Oder: "Ich bin eine kleine Speise in einem Becher von Nacht."

Nur bei verkorksten Trockenschwimm- und Dehnübungen auf den Barhockern oder im Singen von Bach, Kinks, Wagner oder Abba nehmen die Überlebendinnen des Teilchensturms überhaupt Bezug aufeinander, ansonsten sind sie Geisterinnen in isolierten Zeitblasen mit leerem Blick in die Ferne.

Doch dieses Potpourri des Absurden wird - umso länger der Abend dauert - leider ein Abschied vom Mann, ohne ein Willkommen für die Frau zu sein, jedenfalls für die Frau als Komikerin. Der einzige Bühnengast, der ab und an zum Lachen reizt, heißt Clemens Sienknecht, Gott der Pataphysik, aus dem Äther auf den Klavierhocker geschleudert, und dort neben der Liedbegleitung für umständlich komische Weltverunklärungen zuständig.

Das Damenensemble dagegen kann dem schillernden Sinnteilchensturm aus weiblicher Autorenschaft keine Darstellung abtrotzen, die heiter stimmen würde. Selbst die choreografischen Verrenkungen, die sonst bei Marthaler rekordverdächtiges Slapstick-Niveau erreichen, sind so statisch und bemüht wie das ganze Konzept einer feministischen Vision von Lyrik als Lebenszweck aus maskuliner Perspektive. Aber vielleicht muss das so sein, wenn Männer sich den eigenen Untergang herbeiträumen - und diesen mal nicht durch Krieg regeln wollen.

Auch Martin Crimps "Schlafende Männer" sind zum Tode verdammt - durch Katie Mitchell. Bei der zweiten Uraufführung an diesem Wochenende im Malersaal des Schauspielhauses erscheint im Finale ihrer Inszenierung ein blutiges Messer, das nicht im Text steht. Der handelt von einer Doppelpärchen-Party im Kreativen-Milieu, bei der es immer wieder um zwischengeschlechtliche Sprachregelungen geht. Doch die politisch korrekte Hypersensibilität für patriarchale Ausdrucksmuster hat emotional zwischen den Geschlechtern zu keinem Gewinn geführt. Die Zeiten, wo Männer Frauen erklären, was sie eigentlich sagen wollten, sind in diesem Aufeinanderstreffen leider nur Zwangsverhältnissen gewichen, die von der Unfähigkeit zum Lieben und ständiger Aggression bestimmt sind.

Katie Mitchell inszeniert diese traurige Zombiefeier von Diskursleichen leider so gequält, als würde man Yazmina Rezas "Gott des Gemetzels" von Berliner Experimentalfilmern adaptieren lassen. Ständig um die fette Unterstreichung der Gestörtheiten bemüht, verwandelt Mitchell Martin Crimps eigentlich ganz elegantes Kammerspiel in eine überkonstruierte Parabelsammlung zum Thema "uncharmant". Julia Wieninger als freudlos verkopfte Kunsthistorikerin ist mitleidslos unsympathisch. Ihr Freund, gespielt von Paul Herwig, maximal defensiv eingeübt. Tilman Strauß als Freund der neuen Assistentin Josefine Israel (die Stücknamen sind die Darstellernamen) kostet seine Minderwertigkeitskomplexe als "nur" erfolgreicher Möbelbauer in diesem Bildungsmilieu voll aus, während seine schwangere Freundin viel Whiskey trinkt und die Sprachzensur der Chefin imitiert.

Mangels jeder Entwicklung in den Figuren ergibt dieses Standbild stagnierender Selbstreflexionen einfach nur ein Psycho-Kabinett, das (Achtung: Spoiler) damit endet, dass die Hausherrin eine homoerotische Annäherung in ihrem Schlafzimmer mit dem Messer beendet und danach zur Arbeit zurückkehrt. Und damit zeigt dieses Uraufführungswochenende am Hamburger Schauspielhaus zwei recht humorlose Antworten darauf, wie die Gesellschaften der Welt mit den unterdrückten Tatsachen von männlicher Gewalt und weiblichem Schweigen umgehen sollten. Den einen Teil einfach wegzuwerfen, scheint jedenfalls keine Lösung.