Theater Halluzinogene Kraft des Schaffens

Ein anarchistischer Achternbusch-Abend im Volkstheater mit sechs Münchner Schauspielern

Von Egbert Tholl

Als die Stadt München zu seinem 70. Geburtstag eine Ausstellung mit Werken von Herbert Achternbusch eröffnete, raunzte dieser den Kulturreferenten Hans-Georg Küppers erst einmal an mit all seinem Grant. Küppers war damals gerade nach München gekommen, und als man ihm sagte, er, Achternbusch, sei immer so, da brauche er sich nicht viel denken, dachte er sich doch etwas, nämlich: Wenn hier mehrere immer so seien, dann könne das ja heiter werden in dieser schönen Stadt.

Nun wurde Achternbusch 80, und zum Abschluss einer losen Veranstaltungsreihe zu Ehren des Jubilars gibt es "Best of Bavarian Crazy Anarchy", eine wunderschöne Phantasmagorie im Volkstheater, bei der Küppers in seiner Eröffnungsrede sich nicht nur an die obige Begegnung erinnert, sondern überhaupt sehr kluge und treffende Sachen über Achternbusch sagt. Der selbst fühle sich "waagrecht", weshalb er nicht anwesend sei, was allerdings rein physisch zu verstehen ist, denn die halluzinogene Kraft des Schaffens von Herbert Achternbusch überwindet ohnehin mühelos Räume und Zeiten.

Wenn Küppers im Büro ist, sind sie praktisch Nachbarn, er und Achternbusch. Im Kulturreferat haben sie ein Bild von ihm aufgehängt, erzählt Küppers, das Achternbusch durchs Fenster sehen könnte, wenn das Licht im Flur an ist. Doch da sich das Licht nur einschaltet, wenn jemand schnell den Gang entlang geht, bleibe es halt doch meistens dunkel. Am Ende seiner Rede verweist Küppers auf die Verpflichtung des Publikums, später auf den Geburtstagsmenschen anzustoßen, "dann gleiten Sie hinüber in das Andechser Gefühl, diese poetische Interpretation von Trunkenheit". Dafür muss man auch gar nicht bis zum Empfang warten, das besorgen umgehend die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler, die nun Achternbusch vorlesen, vorleben und Musik machen. Zwei vom Volkstheater, Mara Widmann und Jonathan Hutter, zwei vom Residenztheater, Aurel Manthei und Franz Pätzold, zwei von den Kammerspielen, Maja Beckmann und Samouil Stoyanov. Für sie hat Laura Olivi vom Residenztheater eine leuchtende Textcollage aus vielen Büchern Achternbuschs geschaffen, in der die Logik aufgehoben wird und sich eine wunderbare Erkenntnis an die andere reiht.

Der Abend ist das passende Äquivalent zu Achternbusch als lebendes Gesamtkunstwerk. Denn die sechs Schauspieler bewegen sich in allergrößter Freiheit auf der Bühne, passen dabei sehr aufeinander auf, trinken ein paar Biere - dann wird es glorios. Dann wünscht man sich, dieses Crossover-Achternbusch-Ensemble werde zur Institution in München, spielte mal an dem Haus, mal an den anderen, aber Hauptsache, es macht immer weiter. Olivi wird ihm schon noch viele neue schöne Collagen erfinden und jeder kommende Intendant verpflichtet sich zu seinem Erhalt.

Samouil Stoyanov kann Klavier spielen, Hitler spielen und ist ein wunderschöner Frosch. Aber kein Mensch kann so schön "Frosch" sagen wie Maja Beckmann an diesem Abend. Zu dritt spielen sie mal "La Traviata" auf Blechtröten, aber Jonathan Hutter kann wirklich Trompete spielen. So wie Aurel Manthei Schlagzeug. Die Bayernhymne wird zum bierschäumenden Marsch. Verliert einer mal den Faden, findet den ein anderer ganz schnell wieder. Da sitzen dann Manthei und Pätzold nebeneinander und tauschen so oft die Sätze miteinander, bis aus der Fanny der Herbert und umgekehrt geworden ist. Es gibt reihenweise familiäre Desaster und auch eine Liebe, die der Kellnerin Susn etwa, die Mara Widmann ist, die die Sätze sagt, als hätte Achternbusch beim Schreiben immerfort an sie gedacht. Das Ereignis ist wirklich, wie die sechs miteinander und mit den Texten umgehen, sie kreieren ein Panoptikum, das sich jedem simplen hermeneutischen Zugriff entzieht. Und eisig klar sein kann.

Vor vielleicht 15 Jahren erfand Achternbusch einen Hitler, der von der Auslöschung der arabischen Welt träumt. Das könnten die Juden übernehmen, ein paar habe er ja übrig gelassen. Das trifft mit Schmerz ins Mark.