Theater Gelobtes Land ist abgebrannt

In Vor-, Rück- und Zwischenblenden unterwegs in den Untergang: Violetta Zupančič als Vasilia Golden, Nero Golden, gespielt von Hermann Große-Berg, und Amos Detscher als René Unterlinden.

(Foto: Jochen Quast)

Salman Rushdies Roman "Golden House" wird in der Bühnenfassung von Thomas Krupa am Theater Erlangen zur düsteren Diagnose der Gegenwart

Von Florian Welle

Am Ende vernichtet ein Feuer allen Prunk und Protz, und das New Yorker "Golden House" des 70-jährigen Mafia-Bosses Nero Golden, es war einmal. "Golden House" ist der Titel von Salman Rushdies jüngstem Roman, der vom Aufstieg und Fall eines von Indien nach Amerika emigrierten Clans erzählt und dabei gleichzeitig ein Sitten- und Gesellschaftsgemälde Amerikas der vergangenen zehn Jahre entwirft. Jener Jahre also, die mit Obamas Inauguration hoffnungsvoll begannen und in die Wahl des Zerstörers Trump mündeten. Dieser taucht, etwas symbolhaft platt, schließlich auch selbst auf. Nämlich verfremdet in der Gestalt des Jokers, also jenes wahnsinnigen Gegenspielers von Batman.

Thomas Krupa hat den mehrere hundert Seiten starken Roman Rushdies, der sprachlich großartig prall, aber in der Zeichnung der Figuren eher mittelmäßig ist, zu einer gerade mal 50 Seiten langen Bühnenfassung destilliert und bei der Erlanger Uraufführung auch selbst Regie geführt und die Bühne entworfen. Ein durchaus gewagt zu nennendes Unterfangen, das dem Zuschauer nun in zwei Stunden vorführt, wie sehr sich die Welt in der zurückliegenden Dekade zum Schlechteren gewandelt hat. Krupa hat also stark gekürzt, durchaus klug und sicher nicht nur zum Nachteil der Vorlage. So sind so gut wie alle Anspielungen auf Film, Literatur und Kunst, die Rushdie exzessiv eingebaut hat, weggefallen. Wer aber den Roman, der seine komplexe Geschichte nicht linear, sondern in Vor-, Rück- und Zwischenblenden erzählt, gar nicht kennt, der dürfte sich durchaus schwer tun, dem Bühnengeschehen immer zu folgen.

Das Bühnenbild nimmt das Ende im Feuersturm vorweg: schwarze Podien, dahinter und darüber Leinwände, auf denen nur Bilder in Schwarz-Weiß projiziert sind, unter anderem eine versiffte Amerikaflagge, auf der kein Rot, kein Blau, kein Weiß zu sehen ist. Golden ist hier also nichts mehr außer der Nachname der Mafia-Familie, den diese sich bei der Ankunft im vermeintlich gelobten Land selbst gegeben hat. Neuer Name gleich neue Identität, durchaus mit Sinn fürs Bedeutungsschwangere. Der Vorname Nero spielt auf den römischen Kaiser an, der angeblich Rom in Brand gesetzt hat. Die Söhne heißen Petronius nach dem Verfasser des "Satyricon", Apuleius nach dem des "Goldenen Esels" und Dionysos nach dem Gott des Rausches. Dazwischen geistern noch die Russin Vasilisa umher, Neros neue und sehr junge Ehefrau, und das Filmemacherpärchen René und Suchitra. Sie fungieren gleichzeitig als Erzähler. Am Ende werden sie fast alle tot sein.

"Golden House" ist vieles: Familienroman, Mafiageschichte, Love Story und verhandelt von Identitätsfragen über Terrorismus bis zur Genderthematik so gut wie jedes Thema, das derzeit virulent ist. Krupa konzentriert sich vor allem auf den Untergang des Goldenen Hauses und seiner Bewohner und liefert so eine düstere Gegenwartsdiagnose, die durch den dunkel wabernden Live-Sound des Musikers Hannes Strobl noch bedrückender wird und die von dem Ensemble kraftvoll gespielt wird. Vor allem Hermann Große-Berg als großartig müder Nero und Enrique Fiß in der Doppelrolle als verletzlicher Dionysos und als psychotischer Joker können überzeugen.

Golden House, nächste Aufführung: So., 7. Oktober, 18 Uhr, Theater Erlangen, Theater-Platz 2