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Theater:Für Grobmotoriker

Das Publikum in Gesinnungsgeiselhaft: Volker Löschs "Öderland" in Dresden ist schlechte Kunst, zeigt aber die richtige Haltung.

Von Peter Laudenbach

Aufmerksamkeit war der Dresdner Premiere von Volker Löschs "Graf Öderland / Wir sind das Volk" am vergangenen Samstag sicher. Nicht weil Lösch so ein bedeutender Regisseur wäre, sondern weil sein aggressives Holzschnitt-Theater eine Antwort auf den sich radikalisierenden Rechtspopulismus versprach. Die Pegida-Parolen, die Lösch den Dresdner Bürger-Chor deklamieren lässt, sind widerlich: "Wir erklären hier und heute den deutschen Schuldkomplex offiziell für beendet. Wir sind auf direktem Weg in einen Bürgerkrieg."

Doch braucht man solch eine theatralische Wiederholung der Straßenparolen von Pegida? Ähnlich plump in der Feindbildbestätigung wie Lösch reagierte vor Kurzem Falk Richter mit seiner "Fear"-Inszenierung an der Berliner Schaubühne auf die neue Rechte.

Löschs Versuch, Max Frischs Stück "Graf Öderland" als Pegida-Parabel zu lesen, geht nicht auf. Bei Frisch läuft ein Anarchist mit der Axt in der Hand Amok gegen die saturierte Biedermeier-Welt. Die neue Rechte lebt vom Gegenteil: Sie schürt Ängste davor, dass das Spießeridyll bedroht sei. So schlampig Lösch die Frisch-Passagen serviert, so martialisch geraten ihm die Hass-Chöre - immer im Dienst der Zuspitzung. Common Sense und Differenzierung sind seinem Theater fast so fremd wie den "Volksverräter" brüllenden Wutbürgern. In Kabarett-Passagen, die sich über Merkels Flüchtlings-Engagement lustig machen, trifft sich Löschs einfaches Weltbild, in dem Politiker wohl immer zynisch und verkommen sind, mit dem Pegida-Ressentiment gegen die gesellschaftlichen Eliten.

Es wäre zu einfach, den Agitprop-"Öderland" als schlechtes Theater abzuhaken, welches das Publikum in Gesinnungsgeiselhaft nimmt und gesellschaftliche Konflikte nur benutzt, um sich selbst mit Bedeutung aufzupumpen. Denn Löschs Dresdner Inszenierung erschöpft sich nicht in diesem etwas stupiden Effekt. Sie funktioniert, weil sie das Theater wieder zum Ort der bürgerlichen Öffentlichkeit in einer Stadt macht, deren Klima von Rechtspopulisten vergiftet wird. Der sehr lange Dresdner Premierenapplaus galt darum auch mehr als der Inszenierung: Das Publikum schien sich selbst Mut für die Auseinandersetzung mit Pegida zu machen. Schlimm genug, dass dies nötig erscheint. Und gut und richtig, dass sich das Staatsschauspiel Dresden nicht nur mit dieser Inszenierung so unmissverständlich positioniert. Denn nur zwei Tage nach der Premiere marschieren wohl wieder die echten Pegida-Chöre unweit des Theaters, wie an jedem Montag. Diese Märsche wirken wie die gespenstische Bestätigung der Lösch-Chöre. Wie es aussieht, könnte eine Theater-Konjunktur für meinungsfeste Grobmotoriker zu den Kollateralschäden der Pegida-Zumutungen gehören.

© SZ vom 01.12.2015

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