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Theater:Fluch und spätes Wunder

Das Theater Wuppertal wurde stark heruntergespart. Es kämpft weiter und hat jetzt mit "Hiob" einen Erfolg.

Von Anne Linsel

Die Bühne ist leer und nach beiden Seiten offen, die Rückwand weiß. Rechts am Bühnenrand ein abstrakter Baum. In den dicken Stamm sind Äste eingeschlagen, längs und quer, wie Kreuze. Ein Bühnenbild wie für Becketts "Warten auf Godot" - doch in Wuppertal wird "Hiob" gespielt nach dem Roman von Joseph Roth, Regie und Bühne: Patrick Schlösser. Es ist die vierte Inszenierung des Stoffes an nordrhein-westfälischen Bühnen in diesem Jahr, nach Köln, Bonn und Bochum. Der Roman ist Schullektüre, Abitur-Stoff und mit den Themen Heimat, Flucht und Fremde, Suche nach Orientierung in Zeiten von Krieg und Krisen ist das Stück aktueller theatralischer Beitrag zur Flüchtlingssituation in Europa.

Joseph Roth (1894-1939), geboren in einer ostgalizischen Kleinstadt, war vor allem bekannt geworden durch seine Artikel und Reisereportagen, als 1930 "Hiob" erschien. Der Roman wurde ein Welterfolg. Roth, als Jude und "Kulturbolschewist" von den Nazis verfemt, emigrierte 1933 und starb alkoholkrank 1939 in Paris.

"Hiob" erzählt, angelehnt an den biblischen Hiob, die Geschichte des Juden Mendel Singer. Er lebt mit seiner Frau, drei Söhnen und einer Tochter in einem Schtetl im zaristischen Russland und lehrt die Thora. Der jüngste Sohn Menuchim ist Epileptiker und (scheinbar) geistig behindert. Die zwei anderen Söhne fliehen aus der Armut und familiären Enge. Der eine geht in kindlich-naivem Enthusiasmus zum Militär, der andere wandert aus ins gelobte Land Amerika. Die Tochter sucht sexuelle Abenteuer und Freiheit von den orthodoxen Fesseln. Schließlich emigriert auch Mendel Singer mit Frau und Tochter nach Amerika - ohne den kranken Sohn.

Zunächst kehren Ruhe und finanzielle Sicherheit ein, doch die Sehnsucht Singers nach seinem Sohn und das Heimweh nach Russland bleiben. Dann häufen sich die Katastrophen: Beide Söhne fallen im Weltkrieg, die Frau stirbt an Kummer, die Tochter wird wahnsinnig. Da schwört der leidgeprüfte fromme Mann seinem Glauben ab und verflucht, "verbrennt" seinen Gott. Am wundersamen Ende erscheint Menuchim, er ist geheilt und reist als gefeierter Dirigent durch die Welt. Da, versöhnt mit Gott, ruht sich Singer aus "von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder".

Patrick Schlösser inszeniert den Stoff zwischen kühler Künstlichkeit und Emotionalität

Patrick Schlösser, ehemaliger Oberspielleiter in Kassel und als Assistent von Anna Badora in ihrer Düsseldorfer Intendantenzeit mehrfach für seine Regiearbeiten dort ausgezeichnet, interessiert die Zeitlosigkeit des Stoffes. Dessen "große, gebändigte Einfachheit" (Stefan Zweig) zeigt Schlösser in der Balance zwischen kühler Künstlichkeit und Emotionalität. Er verlässt sich dabei auf die Sprache, die Koen Tachelet für die Theaterbearbeitung in ihrer Eindringlichkeit und knappen Form ganz bei Roth gelassen hat (die Fassung entstand 2008 für die "Hiob"-Inszenierung von Johan Simons an den Münchner Kammerspielen).

Die Akteure sprechen oder schreien ihre Gebete, Hoffnungen, Träume, Wut und Verzweiflung meist frontal ins Publikum, eher nüchtern, ohne Pathos. Die Handlung vollzieht sich nicht im Spiel, sondern in einer fast strengen Choreografie der Figuren. Nur ab und zu szenische Aktionen wie im Roman beschrieben: Wenn Mendel Singer einen Löffel ans Teeglas schlägt, wenn er dann, ein Lied singend, mit dem Löffel am Teeglas den Takt begleitet, wendet Menuchim seinen Kopf und der Vater sieht, wie "die Augen seines Sohnes leuchten". Ein schöner poetischer und auf das späte Wunder hindeutender Moment. Der karge Bühnenraum wird belebt mit schattenspielerischer Lichtregie und über Video-Mapping: Der Schatten des Baumes verwandelt sich mehrmals, mal in New Yorker Wolkenkratzer, in die amerikanische Flagge, in einen Zaun (der Irrenanstalt). Zuletzt erstrahlt er in vollem Laub.

"Hiob" in Wuppertal: ein bewegender Abend mit einem hoch motivierten Ensemble im kleinen Theater am Engelsgarten. Sollte sich die Inszenierung als Publikumserfolg erweisen - Intendantin Susanne Abbrederis könnte dankbar sein. Sie steht unter Druck. Ihre erste Spielzeit an dem radikal heruntergesparten Theater - künstlerischer Etat: 970 000 Euro - eröffnete sie mit der Dramatisierung von Schuberts "Schöner Müllerin" - ein Flop. Auch das mit viel Tamtam angekündigte "Wupper"-Projekt nach Else Lasker-Schüler war künstlerisch keine Offenbarung. Nur die Tragikomödie "Supergute Tage" ist, wie an anderen Bühnen auch, ein Renner.

Künstlerisch ist das Ergebnis der ersten Spielzeit mit sechs Stücken mager. Zwar ist die Platzausnutzung mit 80 Prozent nicht schlecht. Die große Mehrheit des Publikums ist jedoch im Rentenalter. Zulauf von jungen Zuschauern hat nur die freie Szene. Auswärtige Kritiker fehlen seit langem. Man hatte zudem erwartet, dass Abbrederis - aus künstlerischen und finanziellen Gründen - wie ihr Vorgänger Christian von Treskow nicht nur die neue Kleinstspielstätte mit 152 Plätzen (als Ersatz für das geschlossene Schauspielhaus mit Stiftungs-und Spendengeldern gebaut) bespielt, sondern auch die große Bühne des Opernhauses. Das hat sie bisher nicht gewagt. Stattdessen kleine Veranstaltungen (Lesungen) und "Visitenkarten" (Soloprogramme) der neun fest engagierten Schauspieler. Anfang April 2016 will Abbrederis den Schritt auf die große Opernhausbühne endlich wagen: mit Molières "Tartuffe".

Unter finanziellem Druck steht das ganze Drei-Sparten-Theater in Wuppertal. Es fehlen jährlich 300 000 Euro, um die Tariferhöhungen aufzufangen. Noch reichen die Rücklagen des Theaters. Die Stadt will jedoch nicht einspringen. Deshalb droht 2019 die Insolvenz der Bühnen. An Plänen, wie diese abzuwenden ist, wird mit Hochdruck gearbeitet.

Die große Bühne des zurzeit geschlossenen Schauspielhauses wird es für das Schauspiel in Wuppertal als Spielstätte nicht mehr geben. Das denkmalgeschützte Haus wird mit zugesagten und teilweise schon bereitgestellten Mitteln des Bundes, des Landes und der Stadt renoviert. In sechs oder sieben Jahren soll dann das Internationale Pina Bausch-Zentrum fertig sein - eine Heimstatt für das Tanztheater Wuppertal, für internationale Tanzproduktionen und die Pina Bausch-Foundation.

© SZ vom 02.12.2015
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