Süddeutsche Zeitung

Theater:Fallstudie

Krzysztof Minkowski inszeniert in Memmingen Rainer Werner Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra von Kant"

Schuld ist Martin Kušej. Hätte der nicht vor sieben Jahren im Marstall des Residenztheaters Rainer Werner Fassbinders Stück "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" grandios inszeniert, man wäre vielleicht nicht nach Memmingen gefahren. Aber die erschütternde Aufführung hallte so lange nach, dass man neugierig wurde, was die am Landestheater Schwaben mit dem Stück wohl machen würden.

Petra von Kant ist eine erfolgreiche Modedesignerin, die sich in Memmingen über einen Auftrag von H&M freut - vermutlich bringt der viel Geld. Sie residiert in einem kalten, leeren Ambiente, ein Designer-Ei-Sessel ist das ganze Mobiliar, der Raum ist groß, leer, zur Rampe hin verkantet, die Rückwand ist aus Glas, und wenn Marlene, Petras geprügeltes Faktotum, die weißen Gardinen zur Seite zieht, sieht man draußen eine Art Dschungel. Krzysztof Minkowski beginnt seine Inszenierung mit einem Hassauswurf der Petra, die überall "kleine, miese, verlogene Schweine" wittert: "Ihr ekelt mich alle so an", besonders die eigene Mutter, die sich erst von Petras Vater, dann von Petra selbst aushalten ließ und immer noch lässt. In Petras Augen ist sie folglich eine "dreckige, elende, miese Hure".

In Petras Welt zählt nur der Erfolg; ihre eigene Ehe scheiterte, als ihr Mann keinen mehr hatte. Liebe unterliegt bei Fassbinder oft den Zwängen des Kapitalismus, sie ist kälter als der Tod. Den Utilitarismus menschlicher Beziehungen stellt Minkowski als grelle Satire aus, Petra und ihre Freundin Sidonie (Elisabeth Hütter) sprechen drohend starr nach vorne, unsympathisch, laut. Dann bringen dunkel dräuende Szenen die Vergangenheit herein. Und schließlich Karin. Eigentlich ein berechnendes Biest, das Petra eine Liebe vorgaukelt, die nicht da ist, doch ihr Plan geht auf - sie landet auf dem Cover der Vogue und verschwindet. Miriam Haltmeier jedoch traut man nichts Böses zu, sie ist eher ein Einfaltspinsel.

Kaum ist sie weg, schlägt Petras grundlegende Garstigkeit in grässliche Heulerei um. Wie Claudia Frost zuvor Begehren spielte, erinnerte an einen Männerhirnen entsprungenen Lesbenporno. Nun wird es härter, weil man die krasse, kaum fundierte Hysterie-Studie weder als Satire nehmen noch sie glauben kann. Marlene, das der Behauptung nach Petra verfallene Faktotum, steht stumm dabei, bevor sie sich erschießt. Sie wird von Jan Arne Looss gespielt, ist also ein Mann - Minkowskis plumpe Feminismus-Zuckung. Wobei: Plump ist hier alles.

Die bitteren Tränen der Petra von Kant, nächste Termine: Mi., 10., und Sa., 13. April, 20 Uhr, Landestheater Schwaben, Memmingen

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Quelle:
SZ vom 08.04.2019
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