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Theater:Evolution im Stechschritt

Bochum

Vom Aufziehpüppchen zum denkenden, fühlenden Menschen: Marina Galic als Marianne.

(Foto: Lalo Jodlbauer)

Politisch, präzise: Karin Henkel inszeniert Horváths "Geschichten aus dem Wienerwald" in Bochum.

"Der Import fremder Völkerschaften" bedrohe "unsere Existenz elementar", kräht Erich, der deutsche Importnazi, durch den bräsigen achten Wiener Bezirk. Ob dieses Zitat "Höcke oder Hitler" ist, lässt sich mithilfe von Youtube klären: Es ist Björn Höcke am 17. Januar 2017 in Dresden. In derselben Rede wird er seine AfD als die "letzte evolutionäre Chance für unser Vaterland" bezeichnen. Passend dazu entwickelt die renommierte Regisseurin Karin Henkel eine der komischsten, aber auch unheimlichsten Szenen ihrer "Geschichten aus dem Wiener Wald", die am Schauspiel Bochum die Spielzeit eröffnen: Marius Huth in Kakiuniform und Lederstiefeln springt als Erich wie ein Affe im Kreis über die Bühne, richtet sich langsam auf, schlendert dann aufrecht, wie man es von Evolutionsdarstellungen kennt, um final im Stechschritt mit Hitlergruß zu marschieren.

Den Nationalsozialisten Erich hatte Ödön von Horváth 1931 in seinem Stück als Rand- und Witzfigur gezeichnet, eine historische Fehleinschätzung. Zum Monster wird er auch in Henkels präziser, dunkler Inszenierung nicht, obwohl sie Erich mehr Raum gibt als im Original. Er wird zu etwas Gefährlicherem, zu einem vergleichsweise freundlichen Typen, der Horváths krisengeschüttelten Figuren Erklärungen anbietet, deren Menschenfeindlichkeit sie nicht wahrnehmen. Dieser Erzählstrang um rechte Ideologie fügt sich nahtlos in die Handlung, den scheiternden Versuch der jungen Marianne, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Am Anfang muss sie, wie alle Figuren auf der anthrazitgrauen Arenabühne von Thilo Reuther, aus einem Leichensack herausgeschält werden. Ab diesem Moment spielt Marina Galic Mariannes Ausbruch aus der Zwangsheirat mit Metzgerssohn Oskar (Mourad Baaiz) tatsächlich als eine Entwicklung vom Aufziehpüppchen im rosafarbenen Tutu zum denkenden, fühlenden, kämpfenden Menschen. Dass ihr Weg in einem beschämenden Zusammentreffen mit dem Vater im Striplokal endet, in dem sie gezwungenermaßen arbeitet, dass sie gebrochen zu Oskar zurückkehrt, hätte ihr der Frauenverächter Erich wohl gleich prophezeit.

"Geschichten aus dem Wiener Wald" war lange ein Stück, dessen Sprache durch ihre unrealistische Brutalität irritierte und damit zur komischen Übertreibung einlud - so auch in Karin Henkels erster Inszenierung des Dramas 2012 in Zürich. Sieben Jahre später klingt es fast normal, wenn sich Horváths besorgte Spießbürger ständig gegenseitig als "dummes Luder" oder "blöde Sau" bezeichnen und den Tod wünschen. Wir kennen das nur zu gut, als Hate Speech aus den sozialen Medien und von Politikern, die die verbale Grenzüberschreitung zum Regierungsstil erhoben haben. Henkel und ihr Dramaturg Vasco Boenisch finden in der politisch stimmigen Neuinszenierung in Bochum eingängige, traurige, teils absurde Bilder für das Erkalten einer Gesellschaft. Zugleich wirken die affektgesteuerten Gestalten auf der Bühne bei aller Bosheit fast hilflos. Dass sie damit einen Rest Menschlichkeit offenbaren, muss als Hoffnungsschimmer für die Spezies genügen