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Theater:Engel der Autobahnbrücke

Arwen Schünke, Lorena Handschin

Arwen Schünke, Lorena Handschin Copyright: Hans Jörg Michel Die Verwendung von Fotos ist nur im Rahmen der aktuellen Berichterstattung über das Nationaltheater Mannheim und mit Nennung des Fotografen kostenlos.

(Foto: Hans Jörg Michel / Nationaltheater Mannheim)

Das Nationaltheater Mannheim bringt als erstes Elena Ferrantes Weltbestseller "Meine geniale Freundin", Band eins und zwei, auf die Bühne. Fortsetzung folgt.

Von Christine Dössel

Eigentlich muss man das einen Coup nennen: Das Nationaltheater Mannheim hat beim Suhrkamp Verlag die Rechte für die deutschsprachige Erstaufführung von Elena Ferrantes Roman "Meine geniale Freundin" plus Folgebände erworben - und die ersten zwei Bücher nun tatsächlich auf die Bühne gestemmt. Fortsetzung folgt in der nächsten Spielzeit. Das vierbändige Epos der unter Pseudonym schreibenden Ferrante ist ein Weltbestseller, gelesen und geliebt vor allem von Frauen, und zwei Frauen sind es auch, die im Zentrum dieser weitläufigen "neapolitanischen Saga" stehen - ein üppiges Fressen für den Allesverschlinger Theater, der sich längst nicht mehr mit Dramenhäppchen begnügt.

Romane lassen Regisseuren (vermeintlich) mehr Freiheit als Stücke, ermöglichen groß angelegte Weltentwürfe und Spielräume, epische Flächen statt dramatischer Zeit-, Raum- und Aktgebundenheit. Außerdem will sich das Theater vom Film nicht immer die Butter vom Brot nehmen lassen. Was im Kino die Literaturverfilmung ist (und bis in die Neunzigerjahre ziemlich konkurrenzlos war), hat im modernen Regietheater sein Pendant in der Romanadaption. Sei es Uwe Tellkamps "Der Turm", Robert Menasses "Die Hauptstadt", Virginie Despentes' "Subutex"-Trilogie oder alles von Michel Houellebecq: Was als literarische Fiktion eine große Leserschaft anspricht oder zumindest in aufgeklärt intellektuellen Kreisen gerade sehr angesagt ist und Welthaltigkeit verspricht, wird umgehend im und fürs Theater klargemacht.

Im Fall von Elena Ferrantes Romanzyklus war das Mannheimer Theater besonders schnell. Die Verfilmung des ersten Bandes als achtteilige Fernsehserie - produziert vom italienischen Sender Rai mit dem europäischen Ableger von HBO - wurde im November in Italien erstausgestrahlt. Regie führte ein Mann, der Römer Saverio Costanzo. In Mannheim hat der neue Schauspielintendant Christian Holtzhauer die Regisseurin Felicitas Brucker mit der Umsetzung beauftragt, eine Spezialistin für zeitgenössische Dramatik. Sie weiß, dass das Theater seine eigenen Stärken und Gesetzmäßigkeiten hat. Dass sie bei der "Genialen Freundin" dennoch in die Romanadaptionsfalle tappt, nämlich das Geschehen hauptsächlich nur komprimiert nachzuerzählen und zu bebildern, statt mit theatralischen Mitteln etwas Eigenes zu (er)schaffen, ist bedauerlich. Das Klebenbleiben am Epischen gibt schon die Bühnenfassung vor, die Brucker gemeinsam mit den Dramaturginnen Anna-Sophia Güther und Annabelle Leschke erstellt hat - eine Adaption, die die Romanstruktur inklusive Ich-Erzählerin brav beibehält und die vielen Hundert Buchseiten unter zwangsläufiger Weglassung vieler Personen, Eindrücke und milieuschildernder Details auf den Kernstrang reduziert: Fokus auf die Mädchenfreundschaft von Elena und Lila (beide Jahrgang 1944) und deren erste Erfahrungen mit der Liebe.

Ferrantes Tetralogie erzählt die Geschichte dieser Freundschaft über einen Zeitraum von sechs Jahrzehnten, in deren Verlauf die beiden Frauen aus dem Rione, dem hier geschilderten Armenviertel Neapels, sich entwickeln, verlieben, zerstreiten, glückliche und unglückliche Ehen führen, Kinder kriegen, Erfüllung im Beruf finden und so manche Niederlage einstecken müssen. En passant wird Zeitgeschichte mitgeliefert. Das italienische Epos erzählt von Armut und Elend in den Nachkriegsjahren, von der patriarchalen Gewalt der Väter, Brüder und Ehemänner, von Mafia-Verstrickungen und politischen Entwicklungen, von Bildung als Aufstiegsmöglichkeit und grundsätzlich: von der Emanzipation der Frau.

Das alles bleibt in Mannheim eine eher nüchterne Veranstaltung mit deutlich mehr Rhetorik als Erotik. Die Simultanbühne von Viva Schudt ist groß, düster, anti-naturalistisch und hat ein Cinemascope-Format, das mehr an Bespielung, Farbigkeit und Unterhaltung verlangt, als es bekommt. Beherrscht wird sie von einer Art Autobahnbrücke, die eine riesige Engelsbüste mit Kreuz schmückt. Darunter - sozusagen in der Unterführung - und davor werden von einem zehnköpfigen Ensemble unterschiedlichster Qualität jene Szenen (nach)gespielt, die Melanie Lüninghöner als Erzählerin Elena schildert. Sie trägt Hosenanzug und führt dirigierend durch das Geschehen, lässt in ihrer Erinnerung Kindheitsszenen mit ihrem jüngeren Ich (Arwen Schünke), Familien- und Eifersuchtsdramen erstehen. Manchmal wird sie von den Figuren auch überrumpelt. Man sollte sich da jetzt aber kein temperamentvolles Tohuwabohu und auch kein großes Schauspiel vorstellen. Theatralisch gibt es an diesem dreistündigen Abend pane secco statt Prosecco. Die Regisseurin will Italienklischees vermeiden und verzichtet daher fast gänzlich auf Italianità. Mal werden ein paar italienische Schlager angestimmt, mal braust Stefano auf einer Vespa daher, hinten steht ein Fiat-Cabrio. Schön ist es, wenn die Schauspieler, fast alle in Mehrfachrollen, tänzeln, turnen und sich in den Hüften wiegen. Oder in Ischia in der Sonne liegen. Aber so richtig in einen Dialog oder ins Spielen kommen sie nicht.

Die faszinierende Schuhmachertochter Lila, die eigentliche Heldin der Romane, der trotz ihres außergewöhnlichen IQ ein höherer Bildungsweg versagt bleibt, wird gleich von vier Schauspielerinnen dargestellt. Herausragend: Lorena Handschin als junge Lila - trotzig, leidenschaftlich, aufbegehrend. Um zu Geld zu kommen, heiratet Lila früh. "Ihre Rolle als Ehefrau hatte sie gewissermaßen unter Glas gesetzt", sagt Elena. Und siehe, da ist tatsächlich ein Glaskasten auf der Bühne, in dem die Eheszenen spielen. Wie artig. Im Grunde sieht man den ganzen Abend wie in einer Vitrine.

© SZ vom 27.02.2019
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