Süddeutsche Zeitung

Theater: Elfriede Jelineks Winterreise:Polterabend

Wenn Elfriede Jelinek schon nicht selbst mit der Flex auf der Bühne wütet, zertrampelt Hausherr Johan Simons dafür ihr feines Textgespinst - an den Münchner Kammerspielen.

Christopher Schmidt

Wenn ein Regiekonzept sichtlich nicht aufgeht und die ganze Aufführung zu scheitern droht, gibt es immer einzelne Schauspieler, die versuchen, den Abend auf eigene Faust zu retten.

Bei der Uraufführung von Elfriede Jelineks "Winterreise" an den Münchner Kammerspielen sind es gleich drei Schauspieler, die der spröden, von calvinistischer Bilderarmut bestimmten Inszenierung des Hausherrn Johan Simons ein paar komödiantische Glanzlichter aufsetzen und für viel Leerlauf entschädigen möchten. Den Anfang macht Stefan Hunstein, um der Premiere den Charakter einer Strafpredigt auszutreiben.

Als Alpinist mit Kniebundhosen, Anorak und Rucksack kämpft er sich durch die Tür des heruntergelassenen eisernen Vorhangs, hinter der ein schaurig heulender Schneesturm tobt, auf die grobe Bretterbühne, mit der die vorderen Parkettreihen überbaut sind. Das ist schon das ganze Bühnenbild, sieht man einmal ab von zwei, zunächst noch mit einer Plane abgedeckten Klavieren, die Rücken an Rücken am Rand stehen. An einem von ihnen sitzt der Pianist Jan Czajkowski, wetterfest im bunten Skianzug und mit Ohrenwärmern.

Aufs Geratewohl stakst Stefan Hunstein über die an ein Floß oder Treibholz erinnernden Bretter und stochert unschlüssig in seinem Eingangsmonolog herum, offenkundig auf der verzweifelten Suche nach so etwas Vertrautem wie einer Figur. Vergebliche Mühe ist das schon allein deshalb, weil er es hier mit einer von Jelineks berühmt-berüchtigten Textflächen zu tun hat. Wie immer bei ihr verzichtet das, was sie im Untertitel "Ein Theaterstück" nennt, auf Rollenvorgaben, Regieanweisungen und Dialoge.

Asche auf die Hasskappe

Es handelt sich vielmehr um ein Prosastück von rund 130 Druckseiten, das Elfriede Jelinek für die Münchner Kammerspiele geschrieben hat und in dem sie auf den Spuren des Wanderers aus Schuberts "Winterreise" Motive aus dem Liederzyklus mit den Themen, die sie als Schriftstellerin umtreiben, zu einer polyphonen Textpartitur verwebt.

Der vom Bayerischen Staatsschauspiel auf die andere Seite der Maximilianstraße gewechselte Schauspieler Stefan Hunstein sucht sich in der ungewohnten Umgebung eines postdramatischen Bühnentextes mit gewohnt gaumigem Theaterton zurechtzufinden. Das ist auch insofern nicht ganz einfach, als es im ersten Teil um eine sehr persönliche Selbstreflexion Elfriede Jelineks über körperlichen Verfall, Isolation und unerlöstes Begehren geht. Aus dem Mund eines fröhlichen Wandersmanns lädt das Weh einer alternden Frau nicht unbedingt ideal zur Identifikation ein und erschließt sich in seiner Ungeschütztheit bei Hunstein auch nicht.

Dabei ist es die große Stärke ihrer "Winterreise", dass Elfriede Jelinek diesmal nicht mit der Flex auf der Bühne wütet und frontal auf Aufregerthemen losgeht -obwohl Finanzkrise, Bankenskandal und Amstetten wieder vorkommen. An diesen Themen hat sie sich bereits erschöpfend abgearbeitet. Aber ihre "Winterreise" ist darum keine müßige Zweitverwertung, sondern eine schmerzhafte Gedankenreise durch die eigene Biografie, die immer tiefer in ihre Familiengeschichte hineinführt. Selbst ihr fataler Hang zum defekten Kalauer, dieses Umkreisen und gezielte Entgleisenlassen der Sprache, bei dem einzelne Wörter ihren Doppelsinn enthüllen, hat einem als Strukturprinzip noch nie so eingeleuchtet wie in diesem subtil instrumentierten Klagegesang.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, was auf der Maximilianstraße schief läuft.

Gedankenlos selbstzufrieden

Doch von der mürben Art und Weise, wie Elfriede Jelinek sich hier selbstkritisch mit hineinnimmt in die Brüchigkeit und Asche auf ihre Hasskappe streut, vermittelt sich kaum etwas auf der Bühne. Zum einen, weil die Coda des Stücks, eine ironische Selbstabrechnung mit ihrer öffentlichen Rolle, in der sie als "wunderliche Alte" ewig ihre "alte Leier" spielt, in der Bühnenfassung komplett gestrichen wurde. Zum anderen, weil der durch die Besetzung mit einem Mann verfremdete Anfangsmonolog einen falschen Grundton anschlägt. Und dabei bleibt es, wenn schließlich ein Menschenpulk auf die Bühne geweht wird. Die reiche, aber verkaufte Braut, als die Jelinek die Skandalbank Hypo Alpe Adria imaginiert, ist bei Benny Claessens eine ordinäre Dickmamsell im schwarzen Brautkleid, Wiebke Puls gibt das Jelinek-Double, Kristof von Boven, dieses seltsame Schauspieler-Wunderwesen, die Natascha Kampusch, hinzu kommen Hildegard Schmahl als Mutter Jelinek und André Jung in der Vaterrolle.

Gemeinsam ergehen sie sich in lauten und polternden Improvisationen, wie sie so grobmotorisch und plärrend kaum je auf dieser Bühne zu erleben waren. Jelinek als holländisches Bauerntheater? Das kann einfach nicht gutgehen. Gleichsam in Holzpantinen wird das feine Textgespinst zertrampelt, und das Polderdeutsch der niederländischen Schauspieler erschwert das Textverständnis zusätzlich.

Laut und polternd

Und dann tritt auch noch tatsächlich ein kleiner semmelblonder Junge, gespielt von Katja Herbers, in Holzschuhen und kurzen Hosen auf, dem später das Schlusswort gehören wird. Er ist offenbar das kindliche Alter Ego des Regisseurs, der den Abend überflüssigerweise mit seiner biografischen Privatmythologie befrachtet. So werden Bilder von der großen Sturmflut von 1953 auf den eisernen Vorhang projiziert, die Simons als Kind hautnah miterlebte, und ein havarierter Dampfer tutet im Sturm.

Auf der Bühne aber herrscht Flaute: Nach den Grobheiten des derben Körpertheaters bemühen sich Hildegard Schmahl, Wiebke Puls und André Jung zwar um Schadensbegrenzung und veredeln ihre großen Monologe durch feinkörnige Spracharbeit. Aber auch sie schaffen es nicht, dem Text eine eigene Welt oder auch nur Gegenwelt zu erschaffen.

Bei Simons bleibt alles statisch, plump, vordergründig und zerfällt bald nur noch in Solonummern. Auf Wiebke Puls als herrische Tochter-Erinnye von hoher Manieriertheit folgt nach der Pause André Jung mit einem fast einstündigen (!) Monolog. Er spielt den in die Psychiatrie abgeschobenen Vater Jelineks und macht daraus ein Demenz-Kabinettstückchen. Die tückisch blitzenden Äuglein, die in den Wahnsinn abdrehende Bonhomie, die Kontrollzwänge und -verluste, die Fehlleistungen und die Versuche, diese zu überspielen - all das hat Jung im kleinen Finger. So toll es ist, ihm bei der Figurenverfertigung zuzusehen, der Zuschauer wird nach Art der chinesischen Tröpfchenfolter gequält.

Mit dieser gedankenlos-selbstzufriedenen Inszenierung hat sich Simons als Regisseur ein Stück weit entzaubert.

Und Schubert? Von seiner "Winterreise" finden sich nur Spurenelemente, ein paar verwehte Klänge wie verwischte Fingerabdrücke. Für diese musikalischen Petitessen wurde der Beste von allen engagiert: der großartige Bühnenmusiker Christoph Homberger. Die Maximilianstraße ist halt auch bei Simons eine Luxusmeile.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1055652
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 05.02.2011/rus
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.