bedeckt München 32°

Theater: Elfriede Jelineks Winterreise:Gedankenlos selbstzufrieden

Doch von der mürben Art und Weise, wie Elfriede Jelinek sich hier selbstkritisch mit hineinnimmt in die Brüchigkeit und Asche auf ihre Hasskappe streut, vermittelt sich kaum etwas auf der Bühne. Zum einen, weil die Coda des Stücks, eine ironische Selbstabrechnung mit ihrer öffentlichen Rolle, in der sie als "wunderliche Alte" ewig ihre "alte Leier" spielt, in der Bühnenfassung komplett gestrichen wurde. Zum anderen, weil der durch die Besetzung mit einem Mann verfremdete Anfangsmonolog einen falschen Grundton anschlägt. Und dabei bleibt es, wenn schließlich ein Menschenpulk auf die Bühne geweht wird. Die reiche, aber verkaufte Braut, als die Jelinek die Skandalbank Hypo Alpe Adria imaginiert, ist bei Benny Claessens eine ordinäre Dickmamsell im schwarzen Brautkleid, Wiebke Puls gibt das Jelinek-Double, Kristof von Boven, dieses seltsame Schauspieler-Wunderwesen, die Natascha Kampusch, hinzu kommen Hildegard Schmahl als Mutter Jelinek und André Jung in der Vaterrolle.

Gemeinsam ergehen sie sich in lauten und polternden Improvisationen, wie sie so grobmotorisch und plärrend kaum je auf dieser Bühne zu erleben waren. Jelinek als holländisches Bauerntheater? Das kann einfach nicht gutgehen. Gleichsam in Holzpantinen wird das feine Textgespinst zertrampelt, und das Polderdeutsch der niederländischen Schauspieler erschwert das Textverständnis zusätzlich.

Laut und polternd

Und dann tritt auch noch tatsächlich ein kleiner semmelblonder Junge, gespielt von Katja Herbers, in Holzschuhen und kurzen Hosen auf, dem später das Schlusswort gehören wird. Er ist offenbar das kindliche Alter Ego des Regisseurs, der den Abend überflüssigerweise mit seiner biografischen Privatmythologie befrachtet. So werden Bilder von der großen Sturmflut von 1953 auf den eisernen Vorhang projiziert, die Simons als Kind hautnah miterlebte, und ein havarierter Dampfer tutet im Sturm.

Auf der Bühne aber herrscht Flaute: Nach den Grobheiten des derben Körpertheaters bemühen sich Hildegard Schmahl, Wiebke Puls und André Jung zwar um Schadensbegrenzung und veredeln ihre großen Monologe durch feinkörnige Spracharbeit. Aber auch sie schaffen es nicht, dem Text eine eigene Welt oder auch nur Gegenwelt zu erschaffen.

Bei Simons bleibt alles statisch, plump, vordergründig und zerfällt bald nur noch in Solonummern. Auf Wiebke Puls als herrische Tochter-Erinnye von hoher Manieriertheit folgt nach der Pause André Jung mit einem fast einstündigen (!) Monolog. Er spielt den in die Psychiatrie abgeschobenen Vater Jelineks und macht daraus ein Demenz-Kabinettstückchen. Die tückisch blitzenden Äuglein, die in den Wahnsinn abdrehende Bonhomie, die Kontrollzwänge und -verluste, die Fehlleistungen und die Versuche, diese zu überspielen - all das hat Jung im kleinen Finger. So toll es ist, ihm bei der Figurenverfertigung zuzusehen, der Zuschauer wird nach Art der chinesischen Tröpfchenfolter gequält.

Mit dieser gedankenlos-selbstzufriedenen Inszenierung hat sich Simons als Regisseur ein Stück weit entzaubert.

Und Schubert? Von seiner "Winterreise" finden sich nur Spurenelemente, ein paar verwehte Klänge wie verwischte Fingerabdrücke. Für diese musikalischen Petitessen wurde der Beste von allen engagiert: der großartige Bühnenmusiker Christoph Homberger. Die Maximilianstraße ist halt auch bei Simons eine Luxusmeile.

© SZ vom 05.02.2011/rus
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB