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Theater:Einer muss der Böse sein

Nibelungen-Festspiele

Klaus Maria Brandauer als Hagen bei den Nibelungen-Festspielen in Worms.

(Foto: dpa)

Thomas Melle hat für die Nibelungenfestspiele in Worms die alte Sage in ein neues Stück verwandelt: In "Überwältigung" versucht ein Kind, das Rachegemetzel am Schluss zu verhindern.

Der erste Regenguss geht herab, da ist der Rote Teppich noch längst nicht von allen abgeschritten. Der Rote Teppich - in diesem Jahr unter anderen mit: Julia Klöckner, Jens Spahn, Frank Plasberg, Jonathan Meese nebst Mutter - ist in Worms sehr wichtig und viel roter als anderswo. Er gehört bei der Eröffnung der Nibelungenfestspiele unerlässlich zur Gesamtinszenierung dazu, so wie der schöne Heylshofpark als Premierenfeiern-Schlaraffenland mit Livemusik, Cateringzelten, Weinständen, stimmungsvoller Baum- und Wasserillumination. Worms ist Freilichttheater vor dem mächtigen alten Dom. Anders als in Salzburg beim "Jedermann" gibt es bei Regenwetter keine Alternativspielstätte in einem Festspielhaus. Sollte die Premiere des neuen Nibelungenstücks diesmal ins Wasser fallen? Fast sah es so aus.

Für den Ernstfall gab es gelbe Regencapes und einen Notfallplan ("Wird die Vorführung wetterbedingt unterbrochen, werden wir die Premierenfeier einleiten"). Als es während der Vorstellung tatsächlich kurz schauert - und zwar just, als Königsmutter Ute (Andreas Leupold) die Worte knötelt: "Die Wolken wiegen schwer, die Gezeiten kommen aus dem Takt" -, setzt auf der Zuschauertribüne aber keine Fluchtbewegung, sondern nur ein allgemeines Plastikhaubengewusel ein, eine Wormser Gelbwestenbewegung, und dann schauen alle weiter, regenhautgewappnet, und sehen aus wie gelbe Zwerge.

Die Bühne vor dem Dom - Nordseite - ist eh schon wetterfest mit einer weißen Plane abgedeckt. Zumindest macht die farblose Bühnengestaltung von Anne Ehrlich diesen Eindruck. Der weiß verhangene Holzaufbau, der über zwei Ebenen stufig nach oben führt, assoziiert die Gletscherlandschaft Islands, der Heimat Brünhilds, lässt aber wenig Raum für Erdung, Intimität, Wärme. Man wartet förmlich darauf, dass diese Frost-Bühne aufgedeckt, enthüllt und dann umfänglich bespielt wird. Was aber nie geschieht. Die streckenweise lähmende Statik der Inszenierung von Lilja Rupprecht ist auch dieser fürs Schauspiel suboptimalen Raumgestaltung geschuldet. Ohnehin scheint der Eisberg vor allem für die phantasmagorischen Videospielereien von Tilo Baumgärtel angelegt worden zu sein. Was da nicht alles über das Gletscherweiß kreucht und fleucht! Eine Riesenschlange, bunte Giraffen, aber auch Zeichentrickhaftes in Schwarz-Weiß.

Wo könnten sich die Figuren auch ganz anders verhalten und ihr Schicksal abwenden?

Gespielt wird "Überwältigung", ein Stück, in dem sich der Schriftsteller und Dramatiker Thomas Melle ("Die Welt im Rücken") auftragsgemäß seinen eigenen, zeitgenössischen Reim auf das Nibelungenlied macht, diesen sagenhaft urdeutschen Stoff. Inhaltlich gibt es feine kleine Verschiebungen, sprachlich eine lustvolle Mischung aus Kreuzreim, Knittelvers, Umgangston. Melle erzählt die Geschichte vom Ende her, dem Gemetzel an Etzels Hof, und reist dann "auf dem Zeitpfeil" zurück zum Anfang, um zu fragen: Ist das Schicksal? Oder könnten sich die Figuren nicht auch anders verhalten und dadurch die Katastrophe womöglich abwenden?

Da hebt zunächst ein "Chor der Nibelungen" im hohen Ton zu skandieren an, donnernden Wortes das ewige Grauen der immer gleichen Geschichte um Treue und Verrat einleitend. Und Kriemhild, die zarte Kathleen Morgeneyer, der doch das Lieben eher liegt als das Wüten, ist im schwarzen Rachereifrock bereit, nach Jahren des Wartens ihre aus Burgund angereiste Mischpoke zur finalen Auslöschung zu empfangen. Nibelungen(festspiel)routine, same procedure as every year, Siegfrieds Tod muss gesühnt werden. Doch diesmal schreitet jemand ein und ruft: "Seid Ihr verrückt?" Es ist Ortlieb, Kriemhilds Sohn, den sie mit dem Hunnenkönig Etzel gezeugt hat und für ihre Rache zu opfern gedenkt. Ortlieb will aber nicht sterben, will die Erwachsenenlogik nicht mitmachen: "Ich bin ein Kind und hab ein Anrecht auf mich selbst." Gespielt wird dieser Bub von der jungen Lisa Hrdina: laut, naiv, trotzig-drängelnd. Stets mit jugendtheatralischem Übereifer. Sie ist die Greta Thunberg der Aufführung, ein Protest-Kid for Future - und auch eine Nervensäge. Als solche muss sie einen blutigen Symbolschlafanzug mit Drachenmotivik tragen, dazu allen Ernstes einen Fuchsschwanz, als sei sie eine Kreuzung aus Saint Exupérys "Kleinem Prinzen" und dessen gezähmtem Fuchs. Als Utopiereiseführer an Ortliebs Seite: der "Spielmann" (Edgar Eckert), mit seinem abgegriffenen Gauklergetue ein wandelndes, tändelndes Theaterklischee. Er führt Ortlieb an die Gelenkstellen der Handlung, wo sich vielleicht etwas drehen ließe. Und zwar so, dass Ortlieb fortan überleben kann. Zum Beispiel, wenn er als Sohn von Kriemhild und Siegfried zur Welt käme. Eine reizvolle Option, zumal Melle die Beziehung zwischen Siegfried und Kriemhild wirklich als große Liebesgeschichte erzählt. Auch sprachlich ist das schönste Minne. Doch diese Vaterschaftsänderung lässt sich genauso wenig realisieren wie andere mögliche Eingriffe, etwa wenn man Siegfried mit Brünhild zusammenbrächte, mit der er tarnkappenheimlich ja ohnehin im Auftrag Gunthers die Hochzeitsnacht verbrachte.

Klaus Maria Brandauer ist als Hagen der eigentliche Spielmacher, ein souveräner Strippenzieher und Stratege

Wie immer Klein-Ortlieb die Geschichte auch drehen und wenden will - sie nimmt ihren bekannten Lauf. Nicht etwa, weil der Autor Melle Fatalismus walten lässt, sondern weil die Figuren nun mal so sind, wie sie sind: schwach, ängstlich, getrieben, jeder in sich selbst gefangen. Vor allem steht da einer wie ein Pflock des Bösen einem anderen, besseren Ausgang entgegen: Hagen, als Mastermind der eigentliche Spielmacher in diesem Stück, die treibende, keiner Illusion anheimfallende Kraft. Ein Part wie maßgeschneidert für Klaus Maria Brandauer. Dass der österreichische Schauspielkünstler, der im Theater nur noch selten Rollen annimmt, als Oberrecke mitwirkt, ist für Worms allein schon wegen seiner Berühmtheit ein Hauptgewinn. Für Lilja Rupprechts allzu unbeholfene, vieles probierende, lieblich arrangierende Inszenierung ist dieses Schwergewicht im Zentrum ein wichtiger Anker. Wobei Brandauer gar nicht "schwer" und auftrumpfend spielt, ganz im Gegenteil. Er geht die Rolle leise, weise, tänzelnd, mit anfangs fast übertrieben säuselndem Understatement an. Schwert und Rüstung trägt er nur im Vorspiel, ansonsten sitzt er als schwarz gewandeter Intellektueller, Nickelbrille auf der Nase, an einem Tisch. Wie ein Regisseur an seinem Pult, alter Strippenzieher und Stratege, der er ist. Dieser Hagen, der Mörder Siegfrieds, ist Realpolitiker durch und durch, sich seiner eigenen Rolle nüchtern-resignativ bewusst: Ohne ihn geht es nicht. Einer muss in dieser Welt den Hagen spielen. Das ist der Haken an der Geschichte.

Der Drachentöter Siegfried, bei Alexander Simon ein viel arroganterer Held, als es Melles Text vorgibt, kommt als mehrbeiniges, mehrköpfiges Glitzerdrachenwesen an den Burgunderhof. Ein schillernder Popstar, von Hagen sogleich als Blender diffamiert. Schön, wie der schwache König Gunther, der sich erklärtermaßen selbst fremd ist und sich seine eigene Unzulänglichkeit eingesteht, sich gerade in diesem Fremdling erkennt. Moritz Grove ist berührend komisch in dieser Neurotikerrolle, sein Fremdheits-Rap ist ein Höhepunkt. Auch Inga Busch als Brünhild bringt eine anziehende, echsenhafte Fremdartigkeit - und Körperlichkeit - ins Spiel, bleibt als Figur aber unterbelichtet. Schauspielerisch wird ansonsten nicht viel geboten an diesem von gefühliger Musik untermalten Abend mit Operngesang, Kirchenfensterromantik und Marienkitsch. Thomas Melle hat einen klugen, gewitzten Text geschrieben, der sich zwar stellenweise im Nibelungennetz verheddert, aber den Mythos doch auf ganz eigene Weise packt - aufgeladen mit den Ängsten und Zukunftsfragen von heute. Am Ende steht die (ebenfalls blutige) Selbstermächtigung des Kindes: "Geh zugrunde, altes Geschlecht!" Die Jugend schafft sich ihren eigenen Mythos.