Süddeutsche Zeitung

Theater:Ein Herz für die eigenen Väter

Falk Richter, der bald als Regisseur an die Münchner Kammerspiele wechseln wird, inszeniert am Maxim-Gorki-Theater in Berlin komplexe Vater-Sohn-Beziehungen als Kommentar zum alten weißen Mann.

Es gibt momentan wohl kaum jemanden, dem mehr Hass entgegenschlägt als dem alten weißen Mann. Aber selbst wenn man ihn kollektiv in den Ruhestand schicken wollte, gäbe es einen, den man einfach nicht loswird: den eigenen Vater. Aber ständig schimpfen, hilft auch nicht weiter, stattdessen sollte man vielleicht mal nachsehen, was in dessen Kopf so vorgeht. Das findet zumindest Falk Richter und hat jetzt das autofiktionale Stück "In My Room" auf die Bühne des Maxim Gorki Theaters gebracht. Im Fokus der Fortsetzung seiner Comingout-Geschichte "Small Town Boy" steht die eigene vertrackte Vater-Sohn-Beziehung, aber auch die Vater-Sohn-Beziehungen der fünf Schauspieler Emre Aksızoğlu, Knut Berger, Benny Claessens, Jonas Dassler und Taner Şahintürk. Davon erzählen sie mit berührenden, absurden, tragikomischen, tieftraurigen und beglückenden Anekdoten und ernten am Schluss Standing Ovations.

Damit gelingt Richter, der ab nächster Spielzeit als leitender Regisseur an die Münchner Kammerspiele geht, mal wieder eine Punktlandung. Er arbeitet sich sehr persönlich an der Krise der Männlichkeit ab. Schließlich muss es doch irgendeine Erklärung für all die cholerischen und machtbesessenen Alphatiere wie Trump, Putin und Bolsonaro geben.

Kann man dem überhaupt noch etwas hinzufügen? Man kann. Denn wo sonst hat man schon mal eine derart lebhafte, vielschichtige und emotionale Auseinandersetzung mit ganz verschiedenen Vaterfiguren erlebt wie an diesem Abend? Die fünf Schauspieler mit ihren Schnauzbärten, Hornbrillen, Schlaghosen und Wildlederjacken imitieren ihre eigenen Väter. Nicht bloß äußerlich, sondern auch in Mimik, Gestik und Sprachduktus. Einer marschiert mit verschränkten Armen vor einer übermächtigen Statue auf und ab, ein anderer schlurft mit eingefallenem Rücken an der elterlichen Teakholzeinrichtung zum Mikrofon. Dahinter ein Triptychon, auf dem Originalbilder projiziert werden (Bühne: Wolfgang Menardi/Video: Sébastien Dupouey). Dassler steigert sich in einen Monolog hinein, bei dem man vermutlich Richters Vater bei einer Wutrede auf die Konservativen als Strippenzieher des Faschismus beobachtet. Geht es zu Beginn noch etwas holprig los, folgen daraufhin genaueste Beobachtungen, die den eigenen Vater-Kind-Komplex mitlaufen lassen.

Richter verharrt nicht bei den allgemein bekannten Vater-Sohn-Konflikten, die unter anderem durch nationalsozialistische Männlichkeitsvorstellungen und Kriegstraumata hervorgerufen wurden. Daneben tauchen die Vatergeschichten seines altersmäßig jüngeren Ensembles auf, die von der nicht gelebten Liebe zu einem Mann, dem Verzicht auf die Karriere als Künstler und den von heftigen Rassismen geprägten Realitäten der Einwandererfamilien erzählen. Damit zeichnet Richter ein erschreckendes Psychogramm der Spezies Mann.

Der vielleicht eindrücklichste Auftritt stammt von Şahintürk, der mit gesamtem Körpereinsatz davon erzählt, wie sein noch minderjähriger Vater in einem deutschen Bergwerk arbeiten musste und zum Schweinessen gezwungen wurde. Im Alter habe der Vater, der nie über Probleme gesprochen hätte, dann zappelige Beine bekommen, sagt Şahintürk, und wirft sich wie von einer Tarantel gestochen auf den Boden, um im Anschluss kreidebleich "Working Class Hero" von John Lennon zu singen. Unvergesslich auch Claessens Auftritt als queerer John-Wayne-Verschnitt, der "Born To Die" von Lana Del Rey anstimmt, Dasslers Parodie auf den Gansta-Rapper Kollegah und das Streitgespräch eines homosexuellen Paares, das so auch zwischen dessen Eltern hätte stattfinden können. Und Richters sprachgewaltige Rekonstruktion eines Sterbeprozesses, bei dem es sich vermutlich um das Sterben des eigenen Vaters handelt.

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Quelle:
SZ vom 17.01.2020
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