Theater Ecce homo

Die Revolution erfordert ihre Tötungsopfer - und das Lehrstück die körperliche Erfahrung: Hinrichtungsszene aus "Mauser".

(Foto: Konrad Fersterer)

Oliver Frljić ist der Skandalregisseur des osteuropäischen Theaters. Im Münchner Marstall inszeniert er Heiner Müllers "Mauser".

Von Christine Dössel

Oliver Frljić ist der Skandalregisseur des osteuropäischen Theaters. Seine Warschauer Inszenierung "Klątwa" (Fluch) nach Stanisław Wyspiański hat im Frühjahr in Polen einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Zärtliche Priesterpaare, Oralsex mit einer Papst-Figur: Frljićs Setzungen brachten ihm nicht nur Blasphemie-Vorwürfe der katholischen Kirche und ein Gerichtsverfahren ein, es gab auch üble Hetzaktionen extremer Nationalisten. Oliver Frljić kennt so was. Schon früher haben seine Inszenierungen über die Verbrechen der Balkankriege in seiner Heimat die Gemüter erregt.

Der 1976 in Bosnien geborene Regisseur, von 2014 bis 2016 Intendant des kroatischen Nationaltheaters in Rijeka, legt es durchaus auf Provokation an. Das kann ganz plump und aufdringlich vonstatten gehen wie in dem Stück "Unsere Gewalt und eure Gewalt", das er im letzten Jahr als drastisch bebilderte Generalabrechnung mit Europa bei den Wiener Festwochen herausgebracht hat.

Es kann aber auch schmerzhaft und verstörend sein wie in der Produktion "Balkan macht frei", mit der er vor zwei Jahren im Marstall des Münchner Residenztheaters debütierte: einer wütenden Auseinandersetzung mit der eigenen Gast-Rolle im deutschen Kulturbetrieb. Das unerträgliche Waterboarding, das in diesem Stück von Kollegen an dem Schauspieler Franz Pätzold vollzogen wird, führt regelmäßig dazu, dass Zuschauer das Theater verlassen - oder auf die Bühne stürmen, um dem Treiben ein Ende zu bereiten.

Zu Über- und Eingriffen ganz so krasser Art kommt es in Frljićs neuer Münchner Marstall-Arbeit zwar nicht, und doch ist auch "Mauser" wieder eine Provokation. Zum Teil liegt sie in der über weite Strecken offensiven Nacktheit sämtlicher fünf Darsteller (vier Männer, eine Frau); zum Teil in den vorgeführten Grausamkeiten (eine Frau wird erwürgt, Gefangenen werden Pistolen in den Mund gesteckt, bis sie röcheln); vor allem aber in der grundlegenden Frage nach der Gewalt als Mittel zur gesellschaftlichen Veränderung, letztlich also in der unhippen Anzettelung des Themas Revolution. Wofür lohnt es sich zu töten - oder zu sterben? Rechtfertigt die höhere Idee den Terror, der sie durchzusetzen versucht? Der Abend hat etwas Widerständiges, was eine Qualität ist. Auch dass sie mit sich selbst und ihren Fragestellungen ringt und sich ernsthaft durch Dilemmata quält, spricht für die Inszenierung. Frljić war schon plakativer.

Heiner Müller hat "Mauser" 1970 als Lehrstück à la Bertolt Brecht geschrieben, Bezug nehmend auf dessen Stück "Die Maßnahme", dieses übermalend und hinterfragend.

Genosse A muss sich vor einem revolutionären "Chor" verantworten. A war im russischen Bürgerkrieg der Zwanzigerjahre stets ein braver Parteisoldat. Als er ins Revolutionstribunal der Stadt Witebsk berufen wurde, musste er dort erst mal seinen Vorgänger B hinrichten. B hatte aus Mitleid drei Bauern, "Feinde der Revolution aus Unwissenheit", davonkommen lassen, statt die notwendige "Arbeit" des Tötens an ihnen zu verrichten. "Wozu das Töten und wozu das Sterben / Wenn der Preis der Revolution die Revolution ist", wagte B zu zweifeln.

Auf Zweifel aber steht die Todesstrafe, hier vollzogen durch A, dem es in der Folge tatsächlich gelingt, das Töten als eine "Arbeit wie jede andere" zu betrachten. Bis er in einen Exzess verfällt und nicht mehr aufhört, mit seiner Mauser draufzuhalten: "In meinem Nacken die Toten beschweren mich nicht mehr / Ein Mensch ist etwas, in das man hineinschießt." Solcher Art seines Auftrags bewusst-los, ist auch A für die Revolution nicht mehr tragbar. Er soll seiner eigenen Hinrichtung zustimmen.

Viel Tötungsarbeit also, an deren revolutionärem Ende überhaupt erst der "wahre" Mensch erstehen soll ("Mauser" bezeichnet nicht nur eine Waffe, sondern auch die Erneuerung des Federkleids bei Vögeln). Bei Frljić heißt das: Körperarbeit. Verrichtungen an Leibern. Naherfahrung menschlicher Verletzlichkeit. Das ist seine Art von Lehrtheater: Ecce homo! Der Mensch, ausgestellt in seiner Sterblichkeit, nackt, in Passions-Bildern von teils christlich-liturgischer Anmutung. Von oben fällt anfangs ein Lichtkegel wie der Blick aus dem Auge Gottes auf die Welt. Siehe: Wenn die Idee einer besseren Gesellschaft oder einer Religion eine Maschinerie des Tötens in Gang setzt, ist der Einzelne nur noch Menschenmaterial. Ja, der Abend hat auch seine pathetischen Seiten, und die Musik ist oft großer Gefühlsmanipulationskitsch.

Es gibt aber auch Szenen von dunkler Poesie. Fünf hingebungsvolle Schauspieler (Christian Erdt, Marcel Heuperman, Franz Pätzold, Nora Buzalka und, als meist stummer Beobachter am Rande, Alfred Kleinheinz) teilen sich den Text und kreisen damit nahezu trancehaft in Wiederholungsschleifen. Dabei schinden, erniedrigen, waschen oder entkleiden sie sich gegenseitig. Bilden Körperknäuel.

Liegen wie tot da. Hacken Holz im Adamskostüm. "Der Körper ist immer Einspruch gegen Ideologie", wird Heiner Müller aus einem Interview zitiert. Sein Konterfei ist groß in Schwarzweiß über die Szenerie projiziert. Der Bühnennebel scheint direkt aus seiner Zigarre zu qualmen. Als Säulenheiliger, als der er schließlich auf einem Marmorsockel ausgestellt wird, hat Müller hier allerdings ausgedient: Nora Buzalka zerschmettert seine Büste aus gefrorenem Eis lustvoll mit einem Beil. Und sein Bühnen-Alter-Ego Kleinheinz nimmt sich davon ein paar Eiswürfel in seinen Drink. Sehr schön. Zuvor hatte er Müller mit dem Satz zitiert: "Überleben ist auch eine Lösung."