Theater Du musst ein Schwein sein

Erotik, Konsum, Nazis und Borstentiere: Der kroatische Regisseur Ivica Buljan inszeniert am Münchner Residenztheater "Der Schweinestall" nach Pier Paolo Pasolini.

Von Egbert Tholl

Man betritt den Marstall, die kleinste Bühne des Münchner Residenztheaters, und was man sieht, ist seltsam vertraut. Aleksandar Denić hat das Bühnenbild gebaut, er, der sonst vor allem phantasmagorische Welten für Frank Castorf entwirft, riesige, sich drehende Gebilde, erfindet nun liebevoll eine Miniatur. Drei Teile hat die Bühne, ordentlich nebeneinandergesetzt: links ein mit naturalistischer Sorgfalt gebastelter Schweinekoben für drei neugierige Bewohner, in der Mitte eine glänzend rot lackierte Wand, rechts ein zweigeschossiger Verhau, Bretterbude und Podium der Band, oben an der Wand eine Schweinehaut mit den Markeninsignien von Luis Vuitton, unten Filmplakate, "Salon Kitty", ein Erotikfilm von Tinto Brass über ein SS-Bordell. Also: Erotik, Konsum, Nazis, Schweine. Es ist die Premiere von Pier Paolo Pasolinis "Der Schweinestall". Jetzt nur nicht zu sehr an Pasolinis Film von 1969 denken. Der kroatische Regisseur Ivica Buljan, der zum ersten Mal in Deutschland inszeniert, geht vom Stück aus, das Pasolini ein paar Jahre vor dem Film schrieb. In diesem Film verschränkte er den "Schweinestall" mit einem weiteren Stück, "Orgia", schiebt mit diesem archaische Kannibalen-Szenen zwischen die "Schweinestall"-Handlung. Diese wird an sich schon bizarr und surreal erzählt, und im Film eben ergänzt durch die "Orgia"-Rituale, die an Buñuel erinnern. Diese Bildwelt muss man nun im Theater vergessen.

Ein theatralischer Essay, der mit Worten aus den Sechzigern das Europa von heute meint

"Der Schweinestall", das Stück, ist allerdings für sich allein monströs genug. Ort der Handlung: Bad Godesberg, Nukleus des Wirtschaftswunders. Hier residiert die Familie Klotz, Großindustrielle, nur macht man nicht mehr in Schwerindustrie, sondern "Käse, Wolle, Knöpfe, Bier"; Kanonen nur für den Export, und bald will Herr Klotz halb Westdeutschland besitzen. Dazu braucht er das Imperium seines Kontrahenten Herdhitze (was für ein Name!), sandte dafür seinen Gehilfen Hans Günter aus - in der Aufführung gespielt von Götz Argus mit stasihafter Fiesheit. Klotz weiß nun, dass Herdhitze ein bestialischer KZ-Arzt war, der Köpfe von toten Juden sammelte. Herdhitze indes kennt das Geheimnis der Familie Klotz: Sohn Julian hat noch nie ein Mädchen geküsst, geht indes zu den Schweinen der Umgebung zwecks sexueller Befriedigung. Die Lösung: Die beiden Wirtschaftsstrategen der Bundesrepublik fusionieren in Anerkennung ihrer gegenseitigen Abhängigkeit.

Julian geht in den Schweinestall, trifft dort den widerspenstigen Philosophen Spinoza (die großartig mürrische Sibylle Canonica), der ihm den Tod als Alternative zu einem untätigen Leben empfiehlt, und lässt sich von den Schweinen auffressen. Nichts bleibt von ihm übrig, der Vater ist froh.

Philip Dechamps spielt Julian, mit flamboyanter Jugend und viel Verzweiflung. Das Mädchen Ida, die leuchtende Genija Rykova, liebt ihn, und es wäre sein Glück, könnte er sie auch lieben - für einen Moment sind die beiden entzückend miteinander. Aber mehr kann Julian nicht. Sie geht zum Demonstrieren nach Berlin, kehrt erwachsen zurück, er versinkt in Katalepsie, ausgelöst durch die Aporie seines Daseins, die Dechamps schmerzhaft spürbar macht. Er verachtet seine Eltern, kann sich nicht von ihnen lösen, wäre gern ein Revolutionär, hat dafür jedoch nicht die Kraft.

Pasolinis Text funkelt in den Farben der Postdramatik, lange bevor der Begriff erdacht wurde. Diesen Moment übersetzt Ivica Buljan in Musik. Mitja Vrhovnik-Smrekar vertonte schmerzliche, in Wehmut verlorene Gedichte Pasolinis, lässt die Schauspieler sie singen und spielen, eine fabelhafte Band entstand so, von durchgeknalltem Unterhaltungswert. Die hier kaum wiederzuerkennende Juliane Köhler (Frau Klotz) röhrt und spielt Bass, dass es eine Pracht ist, Rykova, Canonica und Nora Buzalka singen großartig. In Buzalka manifestiert sich am stärksten das irrlichternde, nie illustrative Moment der Musik. Sie spielt eine Figur, die Buljan erfand, Kommentatorin und Erzählerin, das schlechte Gewissen der Untätigen. Sie ist das figurative Gegenbild zu Julian, scheitert auch, aber in einer Utopie, an die zu glauben Julian, Exempel einer zur tätigen Politik nicht mehr fähigen Generation, nicht gelingt.

Pasolini meint in seinem Stück die Degeneration von Demokratie, seine Patriarchen sprechen wie italienische Neofaschisten, und bei Buljan sind Götz Schulte (Klotz) und Bijan Zamani (Herdhitze) auch hinreichend brünstige und gierige Gestalten. Und doch sind sie in erster Linie, trotz der Musik, trotz der echten Schweine, Funktionsträger in einer Aufführung, die vor allem eines ist: ein theatralischer Essay, der mit Worten aus den Sechzigerjahren das Europa der Gegenwart meint.