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Theater:Drei glorreiche Halunken

Volksbühne

Trystan Pütter, Martin Wuttke und Milan Peschel (von links) als Diskurs-Cowboys und Antihelden im neuen Stück von René Pollesch.

(Foto: Lenore Blievernicht)

René Pollesch verabschiedet sich mit einem "Diskurs"-Zweiteiler von der Berliner Volksbühne. Martin Wuttke, Trystan Pütter und Milan Peschel feiern darin den Geist des Hauses - und kokettieren auch mit dem Publikum.

Zu den besten Dingen an der Berliner Volksbühne gehörte schon immer der Weg dorthin. Wenn man in die Rosa-Luxemburg-Straße einbiegt und sich plötzlich dieser Riesenklotz von Gebäude vor einem erhebt, ist das schon ziemlich beeindruckend - auch wenn man nie so recht weiß, ob man diesen Bau eher schön oder hässlich finden soll. Eindrucksvoll ist auch immer das Banner, auf dem der aktuelle Stücktitel des Abends zu lesen ist. Diesmal steht dort: "Volksbühnen-Diskurs". Das ist stark verkürzt. Und das mit dem Diskurs ist auch so eine Sache. Aber ja, stimmt: Es geht um die Volksbühne.

Mit einer Trilogie verabschiedet sich der Autor und Turbo-Regisseur René Pollesch von dem Haus, das er mitgeprägt hat - und das im Sommer 2017 von dem Museumsdirektor Chris Dercon übernommen wird. Zwei Teile wurden nun an zwei Abenden gezeigt; der dritte soll im Frühjahr kommen. Der Bandwurm-Titel: "Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc. Kurz: Volksbühnen-Diskurs."

Gott, so heißt es, konnte auch erst an sich selber glauben, als er zu dritt war

Man hätte beide Teile locker an einem Abend spielen können, gehörte es nicht zu Polleschs Markenkern, dass seine Inszenierungen nie länger als 90 Minuten dauern. Und vielleicht ist es gut, dass es zwei Abende sind. Denn einmal kommt man sehr glücklich und einmal ziemlich genervt aus dem Theater. Das ist in etwa die Spannbreite, welche die Volksbühne seit jeher für ihre Zuschauer bereithält.

Beginnen wir also mit dem ersten Teil. Der heißt "Ich spreche zu den Wänden" und ist einer der schönsten Pollesch-Abende seit Langem. Vielleicht der schönste seit dem grandiosen Fabian-Hinrichs-Solo "Kill your darlings! (Streets of Berladelphia)" vor fünf Jahren. Auch diesmal geht es um Vergeblichkeit und Vergänglichkeit. Der Witz ist ein wehmütiger.

Zu Actionfilm-Musik entern Martin Wuttke, Trystan Pütter und Milan Peschel die Bühne und lassen sich von einem Kran abseilen. Drei Helden in roten Schlafanzügen, die erst mal feststellen, dass sie im falschen Bühnenbild gelandet sind. Und natürlich sind es auch drei großartige Schauspieler, die so liebenswert wie kaum jemand sonst die Anti-Helden geben.

Die Zahl Drei ist immer wieder Thema. Mal steht sie für das Grundinventar einer Komödie, wenn Wuttke, Pütter und Peschel als erfolglose Cowboy-Darsteller aus dem Film "Three Amigos!" auftreten. Mal steht sie für die heilige Dreifaltigkeit: Gott, so heißt es, konnte auch erst an sich selber glauben, als er zu dritt war. Und natürlich ist auch die Volksbühne unter ihrem Intendanten Frank Castorf gemeint, die - abseits von Individuum und Kollektiv - oft als etwas "Drittes" beschrieben wurde. Pollesch denkt hier auch über das Prinzip der Wiederholung nach, das seinen Arbeiten zugrunde liegt. Textversatzstücke kommen bei ihm ja in Dauerschleife vor. "Eine Wiederholung beginnt naturgemäß mit dem zweiten Mal, allerdings ist dieses zweite Mal nur die Einführung der Wiederholung, Wiederholung gibt es - und nicht nur ihre Einführung - erst mit dem dritten Mal. Das ist dann die Eröffnung", heißt es. Das ist natürlich ein super Teaser für den dritten Teil der Trilogie.

Der Abschied von der Volksbühne - Pollesch wird dort wie sämtliche Regisseure und Schauspieler aus Castorfs Mannschaft von Sommer 2017 an nicht mehr arbeiten - steht im Zentrum des Abends. Mal wie nebenbei, wenn Miley Cyrus zum Einlass "We can't stop" singt. Mal in symbolischen Bildern, wenn etwa ein riesiger Skarabäus-Käfer von der Decke schwebt, Symbol für Auferstehung und Neuanfang. Und mal ganz direkt. Martin Wuttke redet in einem langen Monolog darüber, was die Volksbühne für ihn war und ist. Und weil er das so leise und unpathetisch, zwischendurch auch trocken erzählt, geht es einem nah. "Es gibt hier eine Ebene der Auseinandersetzung, die ich aus keinem anderen Arbeitszusammenhang kenne. Und das fasziniert mich. Das macht hier kein Einzelner und das macht auch kein Kollektiv. Das wird nicht von mir getragen, ich kann das nicht mitnehmen, das kann man nicht in eine Galerie hängen. Das ist dann einfach weg. Weg, weg, weg."

Es wird hier - das unterscheidet den ersten vom zweiten Teil - nicht gallig ausgeteilt gegen das Team Dercon, sondern ein persönlicher Abschied gefeiert. Ein Abschied, der um eine Vergänglichkeit jenseits der eigenen weiß. Großartig, wie Milan Peschel, der zum ersten Mal mit Pollesch arbeitet, von Babys erzählt, die gebannt auf ein Mobile starren. Oder wenn Wuttke über alternde Sportler nachdenkt: "Wer winkt denen zu, den Seniorentriathleten? Das sind so meine Fragen ..."

Theorie und Triviales kommen hier zusammen. Das Schöne an Pollesch ist ja, dass er nicht nur Bücher liest und zitiert - diesmal Lacan und Badiou -, sondern auch viele schlechte Filme guckt. Aus all dem entsteht ein Bühnenchaos, in dem man sich wiederzufinden meint und das einem im besten Fall das Gefühl gibt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Der zweite Teil kokettiert mit der Sympathie des Publikums und teilt gegen Chris Dercon aus

Zwei Tage später dann die Fortsetzung, "Es beginnt erst bei Drei". Zunächst ist alles wie immer: Junge, schöne Menschen sitzen oder liegen im asphaltierten Zuschauerraum und freuen sich, wenn sie Alkoholika reingeschmuggelt haben. Auch gelacht wird zuverlässig. Was einen etwas misstrauisch macht. Vielleicht ist es am Ende fast egal, was auf der Bühne passiert. Für die Fans der Volksbühne gilt ja schon länger und erst recht in dieser Abschiedsspielzeit: Dabei sein ist alles.

Gesprochen wird nicht viel. Und die besten Sätze hat man schon zwei Tage vorher gehört. Zu besichtigen sind große Bilder mit überdeutlicher Aussage. Zum süffigen "Donauwalzer" vollführt Milan Peschel minutenlang ungelenke Hopser und schüttelt seinen schmächtigen Körper - eine Parodie auf das Tanztheater, das Chris Dercon unter anderem auf den Spielplan setzen will. Auf der Bühne von Barbara Steiner ist der Kronleuchter aus dem Zuschauerraum nachgebaut. Irgendwann verschwindet er gen Himmel, auf Nimmerwiedersehen. Und Wuttke, Pütter und Peschel, die anfangs als ferngesteuerte Marionetten auftreten, kokettieren so ausdauernd mit der Sympathie des Publikums, dass es unsympathisch wird.

Martin Wuttke hat das letzte Wort. "Man stirbt irgendwann, das ist alles, und bis dahin ist die Frage, ob man ein einigermaßen geschmackvolles Theater gemacht hat." Mag schon sein. Aber, mal ehrlich, sonderlich geschmackvoll ist dieser kulturpolitische Bühnen-Kommentar nicht.