Theater Dramatische Meterware

Surreal: Roland Schimmelpfennigs „Der Tag, als ich nicht ich mehr war“.

(Foto: Arno Declair)

Roland Schimmelpfennigs "Der Tag, als ich nicht ich mehr war" wurde am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt. Dem einst hoch gehandelten Dramatiker fällt aber nichts mehr ein.

Von Mounia Meiborg

Was macht ein deutscher Dramatiker, wenn ihm nichts einfällt? Zuerst muss natürlich ein Titel her. Und zwar einer, der möglichst sperrig daherkommt, weil Sperrigkeit ja hierzulande manchem als Ausweis von Intellekt gilt. Eine Satzstellung mit merkwürdig vertauschten Worten bietet sich an. Ein Titel, über den man stolpert und dabei übersieht, wie banal er ist.

"Der Tag, als ich nicht ich mehr war" heißt das neue Stück von Roland Schimmelpfennig, das nun am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt wurde. Ein perfekter Titel für dieses Kunststückchen der Bedeutungssimulation. Schimmelpfennig gelingt es, alles zu vereinen, was einem im Theater auf die Nerven gehen kann: das Fehlen jeglichen Anliegens; verunglückte Sprachbilder, die poetisch sein wollen; vermeintlich philosophische Fragestellungen, die nur hohle Phrasen sind.

Roland Schimmelpfennig, das muss man vielleicht dazusagen, ist nicht irgendwer. Vor ein paar Jahren war er mal der meistgespielte deutsche Dramatiker. Bekannt wurde er, weil er es in Zeiten der Postdramatik verstand, epische und dramatische Elemente zu verbinden. Schauspieler spielen bei ihm nicht nur eine Geschichte, sie erzählen sie auch zugleich. So entsteht eine Bühnenprosa, bei der die Distanz dem Sog der Geschichte im Idealfall keinen Abbruch tut.

Zuletzt fiel Schimmelpfennig aber durch Ärgernisse auf. Da war zum Beispiel sein Afrika-Ausbeutungs-Märchen "Spam", das er selbst in Hamburg in kruden Bildern inszenierte. Und sein statisches Thesenstück "Wintersonnenwende" über einen Klavier spielenden Nazi.

Die Angst, etwas zu verpassen, ist auch nur eine Form von Todesangst

Nun also "Der Tag, als ich nicht ich mehr war". Dem Stück zugrunde liegt eine handfeste Midlife-Crisis. Ein Mann - verheiratet, zwei Kinder - fragt sich, ob sein Leben nicht anders aussehen könnte. Mit mehr Spaß und mehr Sex zum Beispiel und der jungen Empfangsdame aus dem Büro. Plötzlich - Schimmelpfennig mag es surreal - ist der Mann doppelt da und die Frau auch. Und die Doppelgänger, Verkörperungen des verdrängten Freudschen "Es", sind nackt und wild und machen, was sie wollen. Eine Prise von Kleists "Amphitryon" schwingt in diesem Was-wäre-wenn-Szenario mit, von Alan Ayckbourns Stück "Intimate Exchanges" und Alain Resnais' Film "Smoking/No Smoking".

Als echte Menschen will Schimmelpfennig die Mitglieder dieser Vorstadtfamilie wohl nicht verstanden wissen. Eher als prototypische Träger von Sehnsüchten. Der Vater, der auch im Sommer Hut trägt, ist in 25 Jahren nie ohne Fahrschein Bus gefahren. Die Mutter trägt Negligé, um sich mondän zu fühlen. Jedes Jahr am Geburtstag gehen sie in dasselbe Restaurant. Worin der Reiz von Figuren besteht, die nicht nur Klischee, sondern ausgestorbenes Klischee sind, bleibt offen.

Die Regisseurin Anne Lenk macht das Beste daraus, indem sie den Text nicht allzu ernst nimmt. Die Bühne in den Kammerspielen des Deutschen Theaters besteht aus einer Showtreppe und verschiedenen Theatervorhängen. Mal wird Vaudeville zitiert, mal das Boulevardtheater der Siebzigerjahre, mal Weihnachtsmärchen. Im Guckkasten sind die surrealen Momente zu Hause. Schimpansen mit überdimensionierten Geschlechtsteilen sind dort zu sehen, oder ein Sensenmann. Die Angst, etwas zu verpassen, ist schließlich auch nur eine Form von Todesangst.

Vorne versuchen sich die Schauspieler an einer Familienaufstellung. Die Kinder, von Tabitha Frehner und Jeremy Mockridge temporeich gespielt, erzählen die Geschichte ihrer Eltern, spulen vor oder zurück und drücken die Pausetaste. Selbst Sätze wie "Die Sonne läuft rückwärts über den Himmel" klingen bei ihnen angenehm unpathetisch.

Franziska Machens und Camill Jammal als Original-Ehepaar gelingt es sogar, ihre Figuren hin und wieder aus dem Klischeekorsett zu befreien. Wenn er in verklemmter Nervosität von Intuition spricht. Oder wenn sie schließlich doch noch ihren Auftritt als Sängerin hat. Das ist gut gespielt und gut gedacht. Mehr kann man in dieser textlichen Tiefebene nicht erwarten.