Theater Digitalweltenstrampler

Peer Gynt (Christian Nickel) verführt Ingrid (Corinna Pohlmann).

(Foto: Swen Pförtner/dpa)

Bei den Bad Hersfelder Festspielen spricht keiner mehr von deren ehemaligem Leiter Dieter Wedel - zur Eröffnung gibt es in der größten romanischen Kirchenruine der Welt einen internetaffinen "Peer Gynt" und ein bisschen Promi-Glanz.

Von Christine Dössel

Der beste Moment am Eröffnungsabend der 68. Bad Hersfelder Festspiele ist nicht etwa, wenn Peer Gynt seiner sterbenden Mutter (hier: seiner Therapeutin) eine himmlische Schlittenfahrt vorgaukelt - diese berühmte Lügenboldszene zum Herzerwärmen. Der beste Moment ist auch nicht am Ende, in der nicht weniger berühmten Schlussszene von Henrik Ibsens "Peer Gynt", wenn der egomanische Titelheld von seiner Lebensirrfahrt zurückkehrt und sein greises Haupt im Schoß der treuen Solveig bettet (hier: eine Flüchtlingsfrau aus Afghanistan), lernend, dass diese Frau seine Heimat war.

Nein, der beste, menschlichste, kunstfreundlichste Moment bei der Eröffnung der diesjährigen Festspiele in der schönen Stiftsruine von Bad Hersfeld ereignete sich gleich beim Festakt am Anfang, als der neue Intendant Joern Hinkel ein großes "Wir" beschwor - im betonten Gegensatz zur "Ich"-Proklamation eines Peer Gynt. "Wir, das sind ...", und statt den Satz zu vollenden, gab der Intendant einen Wink, woraufhin alle diesem "Wir" Zugehörigen auf die Bühne strömten: Schauspieler, Techniker, Musiker, Sänger, Bühnenmeister, Requisiteure, jung und alt, männlich, weiblich, eine fröhliche, bunte Festspieltruppe. Und alle gemeinsam stimmten sie dann den Song "Stand by me" an, mit Joern Hinkel am Klavier.

Da dürfte so manche Gänsehaut aufgeprickelt sein. Und der Chauvi Peer Gynt, dieser treulose Egomane, der nie irgendwo geblieben ist, schon gar nicht bei einer Frau, kriegte auf diese Weise vorab schon mal einen Arschtritt mit. Die Bitte "Bleib bei mir" richtete sich auch ans Publikum, auf dessen Vertrauen Hinkel setzt. Der 47-jährige Berliner ist der Nachfolger von Dieter Wedel, welcher nach schweren Vorwürfen wegen angeblicher sexueller Übergriffe im Januar seinen Leitungsposten abgab. Die Missbrauchsvorwürfe gegen den "Starregisseur" hatten die "Me Too"-Debatte in Deutschland erst so richtig in Fahrt gebracht. Hinkel, ausgebildet an der Bayerischen Theaterakademie, war viele Jahre Wedels Assistent und künstlerischer Beistand, sozusagen sein Schattenmann.

Abziehbilder in videotrickreicher Wimmeloptik - und wo bleibt die Handlung?

Es sind die ersten Festspiele post Wedel, und schon wirkt der ehemalige Intendant wie ausradiert. Kein Festspielredner erwähnt seinen Namen, keiner wedelt auch nur mit der leisesten Anspielung. Selbst als Oberbürgermeister Thomas Fehling stolz auf die Gesamtwertschöpfung der Festspiele verweist - 6,5 Millionen Euro wurden 2017 generiert - geht kein Wort des Dankes an Dieter Wedel, der seit seinem Amtsantritt 2015 dem nordhessischen Theaterfestival einen deutlichen Aufschwung und viel größere Aufmerksamkeit bescherte. Dazu ein bisschen Promi-Glanz. Den roten Teppich in Bad Hersfeld, so möchtegern-glamourös er ist, hat Wedel eingeführt, der davor schon die Nibelungen-Festspiele in Worms geleitet hatte. Er hat aber auch den Bund, das Land Hessen und die Stadt Bad Hersfeld dazu ermuntert, in die Festspiele zu investieren. Sodass sich Ministerpräsident Volker Bouffier jetzt hinstellt und verspricht: "Das Land Hessen wird hier dabeibleiben. Das ist ein Schatz!" Und Bundesfinanzminister Olaf Scholz, der auch mal zu Festspielen reisen durfte (nach Bayreuth fährt dann wieder seine Chefin), Scholz schmeichelte den Bad Hersfeldern mit den Worten, dieser Ort sei ja "wie die Elbphilharmonie Hessens". Nur viel älter und, wie er hoffe, "nicht so teuer".

Imposant ist der Schauplatz allemal, die größte romanische Kirchenruine der Welt.

Eine großartige Theaterkulisse - beim "Peer Gynt" als solche viel zu wenig genutzt. Ursprünglich sollte "Das Karlos-Komplott" die Festspiele eröffnen, ein Politthriller über einen Überwachungsstaat auf Grundlage von Schillers "Don Karlos", von Dieter Wedel selbst geschrieben. Aber ein Wedel-Stück ohne Wedel? Nein, das kam für den neuen Leiter Hinkel nicht in Frage, so disponierte er um und setzte "Peer Gynt" an, Ibsens "dramatisches Gedicht" über einen notorischen Lügner und Global Player, der erkennen muss, dass er nie "er selbst", sondern immer nur "sich selbst genug" war. Ein Stück, dessen Aktualität in Zeiten des grassierenden Trumpismus und Populismus nicht beschworen werden muss: Fake News, Filterblasen-Scheinwelten, Selbstoptimierung, "Ich zuerst!" - Peer Gynts Aufstieg zum Karrieristen und selbsternannten Kaiser baut auf basalen Lügen und Egoismen auf.

Für die Inszenierung wurde Robert Schuster aus Berlin gewonnen, kein Unbekannter unter den fahrenden Regisseuren mit einem modernen Zugriff auf Stücke. Er leitet Ende der Neunzigerjahre gemeinsam mit Tom Kühnel auch mal das Frankfurter TAT. In Bad Hersfeld nimmt er nun den "Peer Gynt" einmal ganz auseinander, um ihn episoden- und bruchstückhaft, mit reichlich digitaler Schmiere und teils albernen Spezialeffekten, wieder zusammenzusetzen - allerdings so, dass man vor lauter Peer-Gynt-Abziehbildern und videotrickreichen Wimmelszenen keine Handlung mehr erkennt. Vielmehr wähnt man sich in einer Art live aktiviertem Computerspiel: Komm mit in Peer Gynts Erlebniswelt, jage die Trolle und folge der Puppe als Avatar!

Die Peer-Puppe (geführt und gesprochen von Gloria Iberl-Thieme) verkörpert den jungen Gynt, dessen Geschichte in Videorückblenden auf zwei fahrbaren LED-Kästen erzählt wird (Bühne: Jens Kilian). Denn Robert Schusters Fassung zur club- und filmtauglichen Musik von Jörg Gollasch setzt im vierten Akt an, als Peer Gynt bereits im mittleren Alter und ein reicher Lebenssurfer an der Küste Nordafrikas ist. Er weilt mit anderen Patienten in einem Luxusresort am Meer und nimmt an gruppentherapeutischen Sitzungen unter Leitung von Dr. Begriffenfeldt (Nina Petri) teil. Alle helfen mit bei seiner Familienaufstellung. Manchmal gibt es auch Aerobic, Empowerment oder Party. Peer Gynt geht als Figur im Tohuwabohu der Gruppe schier unter. Jedenfalls gewinnt er, obwohl der patente Christian Nickel ihn spielt, kein Profil - dafür verpasst man ihm in einer aufgekratzten "Wer wird neuer Kaiser?"

-Talkshow gleich mehrere Internetprofile. Überhaupt ist Peer Gynt hier ein Digitalweltenstrampler. Sein Ausflug in die Welt der Trolle führt ihn in die Tiefen des World Wide Web, wo Andreas Schmidt-Schaller der Netzkönig und Corinna Pohlmann sein hyperfidel auf einer Geige fidelndes Töchterchen ist: nervig und userfeindlich wie alle Internettrolle. Im kitschig-rührenden Kontrast dazu gibt die afghanische Schauspielerin Leena Alam die noch "wahre" analoge Frau mit dem Kopftuch und dem liebenden Herzen: Solveig, die Holde. Bei ihr findet Peer Gynt die letzte Gnade. Beim Publikum weniger. Es ist mit dieser verstiegenen Inszenierung wie mit der berühmten Gynt'schen Zwiebel, die an diesem Abend Anouschka Renzi schält: So viele Schichten - und kein Kern.