Theater Diese schrecklich vorwurfsvolle Familie

Thomas Dannemann hat Eugene O'Neills Suchtkranken-Drama "Eines langen Tages Reise in die Nacht" am Münchner Cuvilliès-Theater inszeniert. Auf einer schwankenden Unglücksbühne wird gelitten und gestritten.

Von Till Briegleb

Im Stadium ständiger Vorwürfe ist jede Beziehung hin. Dann mag es noch Zwänge geben, zusammenzubleiben, aber Liebe ist das nicht mehr. Nur religiöse, gesellschaftliche, ökonomische, psychologische Gründe kletten das Konstrukt Familie weiter zusammen, selbst wenn Aussichtslosigkeit und Verzweiflung den gemeinsamen Tag bestimmen - wie bei den Tyrones, dem Abbild von Eugene O'Neills eigener Familie, das er in seinem berühmter Suchtkranken-Drama "Eines langen Tages Reise in die Nacht" für das Jahr 1912 in aller Fatalität ausmalte und das Thomas Dannemann nun im Münchner Cuvilliés-Theater inszeniert hat.

Dauernde Vorwürfe, also die verletzende Formulierung der Diskrepanz zwischen Soll- und Ist-Zustand, sind hier der beinahe einzige Kommunikationsakt. Schuld am eigenen Unglück haben stets die anderen. Und für das Ausblenden der Selbstvorwürfe gibt es flüssige Ausreden, wahlweise oral und intravenös. Die Männer trinken, die Mutter drückt.

Im goldenen Theaterprunk des Cuvilliés-Theaters haust diese Junkie-WG natürlich komplett im falschen Ambiente, weswegen Johannes Schütz als Radikalkontrast zur barocken Opulenz des Saals die Bühne stilistisch völlig verarmt hat. Eine an vier Stahlseilen schwebende Spielfläche schwankt bei jedem Schritt als Sinnbild des wackligen Bodens und der alkoholbedingten Gleichgewichtsstörungen. Davor wandert ein einziger großer Scheinwerfer im Schneckentempo vom rechten zum linken Bühnenrand und wirft die sich kleinmachenden Menschen als Schattenriesen an die Rückwand.

In dieser symbolischen Leere hat es offenbar nicht nur gespielte Unglücke gegeben. Sibylle Canonica muss nach einem Unfall mit Krücken und Gehgips spielen, und die Figur der Haushälterin, die von Maya Haddad erfüllt werden sollte, liest die Souffleuse Sinead Kennedy vom Blatt. Der Vorwurf, den man der Inszenierung machen muss, hat damit aber höchstens mittelbar zu tun. Ähnlich wie vor Kurzem am Hamburger Schauspielhaus, wo Karin Henkel die Nachtreise auf einer märchenhaft übertriebenen Bühne inklusive riesigem Nebelhorn inszeniert hat, kämpft sich auch Dannemann vergeblich an der Grundaufgabe dieses Stückes ab. Wie hält man die Spannung in einem Drama, dessen Thema die Wiederholung von Beziehungsfallen ist?

Dannemanns Bekenntnis zur erzählenden Monotonie scheitert daran genauso wie Henkels poetische Überverausgabung. Die Beschäftigung mit zwischenmenschlicher Stagnation über zweieinhalb Stunden wird schnell erschöpfend, wenn jeder sich treu bleibt. Aurel Manthei als ausgemachter Familienversager James junior verändert seine grobe Trotzigkeit so wenig wie der todkranke kleinere Bruder seine rebellischen Reflexe. Franz Pätzold spielt diesen Edmund, O'Neills Alter Ego, als sei James Dean auferstanden als Kurt Cobain - aber eben mit der gleichen Redundanz, mit der Sibylle Canonica ihre wächserne Leidensmimik humpelnd im Kreis führt und dabei sehr wenige Assoziationen an eine Morphinistin erweckt oder Papa James (Oliver Nägele) als cholerisch-zerknitterte Sorgengestalt seine Enttäuschung über die anderen als einziges Gesprächsthema kennt und gegen alle Gebrechen Whiskey ausschenkt.

Leider mangelt es Dannemanns monochromer Erzählweise auch etwas an Aktualität. In Zeiten serieller Monogamie und loser Bindungskräfte ist die Darstellung der Familie als alles bestimmende Sphäre der sozialen Kontrolle ein bisschen Soziologie von gestern. Die therapeutische Möglichkeit, den Wandel familiärer Zerstörungskräfte für ein heutiges Publikum so auszumalen, dass es sich wiedererkennen kann in seinen eigenen Beziehungsfallen, bleibt unberührt. So wirkt diese Inszenierung als Placebo für eine Krankheit, die es in dieser Form nicht mehr gibt.