Theater:Die Seichtigkeit des Seins

Schaubühne Berlin: Abrund

Laurenz Laufenberg, Alina Stiegler, Moritz Gottwald und Isabelle Redfern bei der Dinnerparty.

(Foto: Arno Declair/Schaubühne)

Thomas Ostermeier seziert an der Berliner Schaubühne die Wohlstandsgesellschaft in Berlin-Mitte.

Von Christine Dössel

Es ist ein bekanntes Setting, in dem man sich als Zuschauer in der Berliner Schaubühne schnell heimisch und ein bisschen auch ertappt fühlt. Ein gut situiertes Paar, aufgeklärt-gebildete Mittelschicht, lädt Freunde zum Abendessen in die neue Küche. Der Mann kocht, man ergeht sich in Small Talk und Freundlichkeiten. Über den Rotwein ("echt lecker, nicht zu viel Tannin"), die neuen Fliesen oder die Kristalle in der Karaffe, die angeblich das Wasser reinigen: "Sieht doch hübsch aus, so bunte Kristalle... Die Karaffe ist auch schön, besonders mit dem Deckel... Wo habt ihr die...? KaDeWe oder Manufactum... Manufactum ist gut mit Karaffen. Die haben auch voll die schönen Säfte, handgepresst..." Belangloses Dahingeplauder von Menschen, deren größte Sorge es ist, ob es die Fliesen auch in Weiß tun, obwohl man eigentlich andere wollte. Unter der Oberfläche jedoch gären Gereiztheiten, die ab und an hochblubbern, Ansätze von Unzufriedenheit und Pärchenstreit. So beginnen gehobene Boulevard- und Konversationskomödien. Man wähnt sich auch gleich in einem Stück von Yasmina Reza. Aber nicht die französische Meisterin des dialogischen Gemetzels blickt hier in den "Abgrund", so der Titel dieser Uraufführung, sondern die in Deutschland und Schweden aufgewachsene Maja Zade. Die ist seit fast zwanzig Jahren Dramaturgin bei Thomas Ostermeier an der Schaubühne und hat dort viele Arbeiten des Chefs begleitet.

Die Stücke, die sie dann selber schrieb, hat sie zwar Ostermeier gar nicht angedient (sondern dem Henschel Verlag), passen aber so gut ins mittelschichts(berlin) kritische Schaubühnen-Realismusprogramm, dass das Haus sie sich nicht entgehen lässt. Nach der Geschlechtersatire "Status quo", inszeniert im Januar von Marius von Mayenburg, ist "Abgrund" bereits die zweite Zade-Uraufführung in kurzer Folge, diesmal in der effektsicheren Hochglanzregie des Hausherrn.

Auf der Bühne von Nina Wetzel eine Kücheninsel aus Edelstahl, rechts zwei Standmikrofone für Nebenszenen. Sonst nichts. Funkelnde Oberfläche in Fernsehwerbungsästhetik. Es gibt mehr als 50 Kurzszenen, manche nur als Videoprojektion mit tollen Spiegelungseffekten auf einer Gazewand. Die Schlagworte, mit denen Zade ihre Miniaturen übertitelt, werden in fetten weißen Kleinbuchstaben an die Rückwand projiziert und prangen dort wie Slogans. Zum Dinner geladen haben die Eheleute Matthias (Christoph Gawenda) und Bettina (Jenny König), Eltern zweier Töchter, der fünfjährigen Pia und der neu geborenen Gertrud. Sie wohnen in Prenzlauer Berg, wo sie ökologisch sauber im LPG-Biomarkt einkaufen, den Trüffel jedoch auf dem Kollwitzmarkt.

Während auf der Herdplatte geruchsintensiv etwas dahinköchelt und der Gastgeber noch Mohrrüben schnippelt, kommen bereits die Gäste - auch sie typische Vertreter der aus dem Hipstertum ins gesettelte Wohlstandssegment entwachsenen Berlin-Mitte-Szenerie um die 40: Stefan (Moritz Gottwald) und Bine (Alina Stiegler), ein kinderloses Pärchen im latenten Dauerclinch, dazu die Singlefrau Anna (Isabelle Redfern) und der schwule Mark (Laurenz Laufenberg).

Stefan macht etwas an der Uni, die anderen - keine Ahnung. Tut auch nichts zur Sache. So wie die Namen hier nichts zur Sache tun. Sie stammen auch nicht von der Autorin, sondern vom Regisseur. Zade entwirft in ihrem Stück keine Charaktere und Rollenzuschreibungen. "Die Szenen können dialogisch aufgeteilt werden", heißt es in der Vorbemerkung. Der Text rauscht dahin, springt vor und zurück, alles klein geschrieben, wie mitstenografiert. Es ist das stereotype Geplapper eines ökonomisch abgesicherten, sich ab- und aufgeklärt gebenden Milieus, dem Zade mit kühlem Kopf die hohlen Partygespräche und immer gleichen Kultur- und Gutmenschenphrasen abgelauscht hat. Man weiß Bescheid, kennt die einschlägigen Filme und Serien, ist in der "Flüchtlingsgruppe" auf Facebook ("Flüchtlinge? Man sagt Geflüchtete!"), geht zur Osteopathin ("Rücken!") und auch mal ins Theater ("Castorf"), fährt ins Häuschen nach Brandenburg (trotz der Nazis) und schwört auf Dinkel ("bläht nicht und macht lange satt"). Dass das von einer schmerzhaften Leere und Langeweile zeugt, liegt in der Natur der Sache.

Stefan macht was an der Uni, die anderen - keine Ahnung. Tut auch nichts zur Sache

Die emotionale Abgestumpftheit dahinter auch. Dass die O-Ton-Banalität eine Qualität ist, verstärkt Ostermeier dadurch, dass er seine formidablen Schauspieler ganz leise und umgangssprachlich in Mikroports sprechen und das Gesagte direkt ins Ohr der Zuschauer übertragen lässt: per Kopfhörer. So entsteht eine Intimität, die den Reiz dieses Lauschangriffs ausmacht. Alles klingt ganz wahnsinnig normal. Nur die Soundeffekte erzeugen eine schleichende Atmosphäre des Horrors. Fast ersehnt man in dieser unerträglichen Seichtigkeit des Seins ein Unglück, ein echtes Problem. Der Tod des Babys, verursacht durch Klein-Pia, ist eine Katastrophe, die man erst nach und nach erfährt. Ein gewaltiger Einbruch. Die Figuren sind unfähig, damit umzugehen. Als Zuschauer bleibt man auf Distanz - und betrachtet sie wie Versuchsmäuse im Designerlabor.

© SZ vom 04.04.2019
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