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Theater:Die letzte Zigarette

Stadion der Weltjugend

Liveübertragung ins Autokino: "Stadion der Weltjugend" von René Pollesch, die Bühne verantwortet Barbara Steiner.

(Foto: Conny Mirbach)

René Pollesch bringt mit dem Schauspiel Stuttgart sein neues Stück "Stadion der Weltjugend" im Autokino heraus - doch von dem pubertären Flair der Freiluftleinwand bleibt nichts übrig.

Von Adrienne Braun

Es wäre die ideale Gelegenheit zum Knutschen. Angeblich ist das Autokino der Ort, "der Defloration fern von zu Hause möglich macht". Sagt René Pollesch. Diesmal aber verschlägt es Theaterbesucher ins Autokino von Kornwestheim. Wie Teenies haben sie die Rückenlehnen in Komfortmodus gebracht und hängen mit Popcorn und Cola in den Sitzen. Als aus dem Autoradio die ersten Diskurse über Identität und Subjektivität, Realität und Repräsentation scheppern, ist gewiss: Der Abend taugt nicht zur Regression, sondern erfordert Konzentration. Statt großem Kino gibt es ein Gewitter an soziologischen und philosophischen Gedankenfetzen.

Zum Abschluss der Spielzeit wartet das Schauspiel Stuttgart mit einer ungewöhnlichen Exkursion auf. René Pollesch hat sein neues Stück "Stadion der Weltjugend" ins Autokino verlegt und schickt sein fünfköpfiges Ensemble erst einmal auf eine wilde Verfolgungsjagd durch die Straßen von San Francisco. Es wurde einmontiert in den Kriminalfilm "Bullitt" mit Steve McQueen, mit dem das Autokino vor den Toren Stuttgarts vor knapp fünfzig Jahren eröffnet wurde. Über eben diese Leinwand werden seither einige Filme geflimmert sein, in denen ein Mann und eine Frau im Auto sitzen, ein heterosexuelles Paar, das sich nach einer letzten Zigarette vielleicht trennen wird. Diese Zigarette wird nun zum wichtigsten Requisit von "Stadion der Weltjugend".

Das Theater wird mit der Handkamera eingefangen und auf die Kinoleinwand übertragen

Auch diesmal verhandelt René Pollesch das, worum es ihm letztlich immer geht: das Verhältnis zwischen Realität und Repräsentation, die Konstruktion von Wirklichkeit im Leben, auf der Bühne und diesmal eben auch im Film. Gespielt wird in einem Auto - und das Theater wird mit der Handkamera eingefangen und live auf die Kinoleinwand übertragen. Eingepfercht in den Wagen kreisen die fünf Schauspieler in eruptiven Textkaskaden um Fragen zu Identität und Rolle. Sie könne einfach keine Frauenfiguren spielen, jammert Julischka Eichel. Einen Mann, ja, "eine Frau aber nimmt man mir nicht ab."

In vertrauter Pollesch-Manier führen die Dialoge Geschlechterstereotype und Konventionen ad absurdum und erinnern daran, dass Männer über Jahrhunderte hinweg selbstverständlich auch Frauen auf der Bühne darstellten. Er sei so ein guter Frauendarsteller gewesen, sagt Martin Wuttke, "das waren noch Zeiten, als man sich nicht immer selber spielen musste."

Bloß: Was ist dieses Selbst, das er heute angeblich spielen soll? Gibt es überhaupt ein homogenes Ich? Der Film dient Pollesch als Metapher für die Illusion konsistenter Identitäten. Immer wieder geht es in seinem Text um die "Continuity", jenen Beruf am Filmset, der Anschlussfehler vermeiden soll - die Pollesch dagegen bewusst inszeniert in seiner engen Autogemeinschaft. Schnauzbärte verschwinden von einer zur nächsten Szene, Kostüme werden gewechselt, Brillen auf- und abgesetzt. Martin Wuttke nimmt den Kaffeebecher in die linke, dann in die rechte Hand, plötzlich hält er zwei Becher hoch, um die "raum-zeitliche Ordnung der Realität" zu untersuchen und zu beweisen: um Wirklichkeit darzustellen, muss der Film die Wirklichkeit mitunter stark manipulieren. Die "Kleine mit dem Klemmbrett", die Continuity, sorgt für Kontinuität, wo keine ist. Zur Not kürzt sie mit der Schere die Zigarette, die der Schauspieler hinterm Steuer raucht, damit der Anschluss an die vorausgegangene Einstellung stimmt.

Martin Wuttke hangelt sich großartig zerknittert durch seine Textmassen

"Stadion der Weltjugend", was sich übrigens nicht auf das ehemalige DDR-Sportstadion in Berlin bezieht, basiert auf Überlegungen des Soziologen Andreas Reckwitz zu gesellschaftlichen Subjektivierungsprozessen und zur Entstehung sexueller Identität. Pollesch nutzt die Vorlage für sein komplexes (oft auch kompliziertes) Diskurstheater aber vor allem, um vermeintliche Gewissheiten zu zertrümmern.

Das Ergebnis ist allerdings sehr textlastig geraten. Die Schauspielerinnen und Schauspieler mögen immer wieder die Plätze im Auto tauschen, über die Lehnen klettern und ein-, aus-, umsteigen. Begleitet vom Kamera-Tross streifen sie gelegentlich auch über den Parkplatz und versuchen schließlich, eine riesige, aufblasbare Frauenfigur, eine Art Busenwunder, vor der Leinwand aufzurichten. Aber letztlich nutzt René Pollesch die Möglichkeiten dieses ungewöhnlichen, mythenumrankten Schauplatzes nicht annähernd aus. Durch die Beschränkung auf den Mikrokosmos Auto und auf den knappen Bildausschnitt, den die Frontscheibe gewährt, bringt er sich um das Spielerische und damit um das, was doch eigentlich seine Stärke ist: seine zwar kaum entwirrbaren, aber anregenden Exkurse auf die Konventionen der Bühne prallen zu lassen und damit ästhetische als auch gesellschaftliche Normierung offenzulegen.

Immerhin: Martin Wuttke, der im Zentrum des Abends steht, hangelt sich großartig zerknittert und knarzend durch seine gewaltigen Textmassen, stets bemüht, die philosophischen Abgründe unfallfrei zu umschiffen. "Ich gehöre zum alten Eisen", erklärt er, als sei ihm letztlich auch Polleschs Theater suspekt. Ein Anachronismus sei er, "ich kann höchstens noch im Wachsfigurenkabinett auftreten."

Auch Julischka Eichel und Abak Safaei-Rad haben einige starke Monologe, während Manuel Harder und Christian Schneeweiß auf die Rückbank abgeschoben und gänzlich zu Randfiguren degradiert wurden. Die Interaktion des Ensembles ist minimal. Und so weckt die abenteuerliche Exkursion ins Reich des Entertainments auf wundersame Weise doch wieder die Sehnsucht nach dem guten, alten Theater, nach Konzentration und Nähe zu leibhaftigen Darstellern. Selbst wenn Spielen, meint Pollesch, "das Gegenteil von authentisch ist."

© SZ vom 04.07.2016

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