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Theater:Die Fratze des Lächelns

HochX

Die Familie in ihrem bunten Bunker beim Kartenspiel, das hier ein bis zum Einfrieren stilisiertes Ritual ohne viel Freude ist.

(Foto: Judith Buss)

So gruselig wie ein kalter Hauch im Nacken: Emre Akals "Frau F. hat immer noch Angst" im Hoch X

Von Egbert Tholl

Papa spielt auch mit. Papa heißt Erkin, ist der Vater von Emre Akal, kam Anfang der Siebzigerjahre nach Deutschland, hatte davor politisches Theater in seiner Heimat, der Türkei, gemacht, wofür er bestraft wurde. Nach mehr als 40 Jahren der Abstinenz brachte ihn sein Sohn Emre wieder auf die Bühne, im Stück "Schafspelzratten". Nun spielt er im Theater Hoch X die Frau F., die immer noch Angst hat. Also vermutlich ist es so. Jedenfalls spielt Erkin Akal eine Frau, die im dröhnenden Halbdunkel zwischen den pastell leuchtenden Szenen herumsitzt oder herumsteht und sehr alleine ist.

Emre Akal hat "Frau F. hat immer noch Angst" geschrieben und inszeniert. Es ist eine bemerkenswerte Produktion, konsequent und gut gemacht. Man könnte sie auch ästethisch sehr eigenständig nennen, gäbe es da nicht die Inszenierungen von Susanne Kennedy an den Münchner Kammerspielen. Aber vielleicht ist die starke Verwandtschaft in der Form zu etwa "Warum läuft Herr R. Amok?" einfach nur eine Koinzidenz, und Akal kam ganz eigenständig zu seinem Bild von häuslicher Enge. Bei ihm ist es eine Familie, Vater, Mutter, Tochter, Sohn, gespielt mit jeweils geschlechterkonträrer Besetzung, was die Künstlichkeit, die hier ohnehin schon herrscht, abermals verstärkt. Seltsam freundliche Fratzen trägt diese Familie, festgetackerte Lächeln. In der Bedienungsanleitung zur Aufführung heißt es, diese Familie bewahre krampfhaft ihre Identität, während außerhalb des engen Refugiums die Welt böse, fremd und brutal sei.

Aber das ist kaum die ganze Wahrheit. Der Abend besteht aus drei, vier Durchläufen der Familienszenen in 70 Minuten. Separiert werden diese durch die Stimme, die von da draußen kündet, vielleicht ein Krieg, ein Pogrom, inklusive schlieriger Schwarzweißfilme. Spannender sind aber die stummen Familienszenen, auch wenn sie viel zu verhuscht gezeigt und von tausend Blacks zerhackt werden. In variierter Gleichförmigkeit ist da die Enge eines Lebens im Bunker, in artifizieller Distanziertheit aber auch ein Grusel wie ein kalter Hauch im Nacken spürbar. Zum Verhältnis aller vier untereinander lösen sich Assoziationsketten in einem Kaleidoskop häuslichen Grauens auf. Zusammen singen sie "Heut kommt der Hans zu mir" und übertönen mit Wohlklang und brüchiger Behauptung jeden Missstand.

© SZ vom 17.01.2019
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