Theater Die Feldherrn blasen zum Rosenkrieg

Shakespeares Drama "Antonius und Cleopatra" am Münchner Residenztheater besticht mit grimmigem Aberwitz - aber nur eine Hälfte lang.

Von Egbert Tholl

Es ist Krieg. Man kann sich einreden, dass einen der Krieg nichts angeht. Doch das trügt. Er ist gleich im Zimmer nebenan. Thomas Dannemann hat am Residenztheater in München Shakespeares Drama "Antonius und Cleopatra" inszeniert, und zunächst ist noch alles friedlich.

Man blickt in ein Hotelzimmer, das aussieht wie Hunderttausende andere Hotelzimmer, mit einem großen Bett in der Mitte, einem Sessel am Rand, einem großen Fenster. Alles in dezentem, vornehmem Grau gehalten. Das Zimmer ist leer. Doch dann setzt sich die von Stefan Hageneier so schön bebaute Drehbühne in Bewegung, das eine Zimmer fährt hinaus, das nächste kommt herein, zwei Menschen turnen im Bett herum. Dass sie nackt sind, lässt sich im diffusen Licht nur erahnen. Es sind Antonius und Cleopatra, sie haben Sex und stöhnen. Dann geht das Licht an, Boten klopfen an die Tür - und der Krieg ist da.

Shakespeare hat ein wildes Stück geschrieben, das von der Liebe zwischen den beiden Titelfiguren kündet, aber genauso vom Bürgerkrieg in Roms Reich, vom Kampf des Triumvirats - Antonius, Oktavian, Lepidus - untereinander und gegen den Feldherrn Sextus Pompejus. Der Krieg brodelt, nur einer hat dazu keine Lust mehr, Antonius, er feiert lieber mit Cleopatra das Leben. Obwohl sich Shakespeare auf die teils tendenziösen antiken Quellen stützt, ist seine Cleopatra keine böse, machthungrige, verführerische Nilschlange, sondern eine Frau, die wirklich liebt.

Hanna Scheibe spielt die Cleopatra mit einer berückenden Wahrhaftigkeit des Gefühls. In allen Nuancen, die die Liebe nun einmal mit sich bringt. Mit dem Stolz, die Königin dieses berühmten Feldherrn Antonius zu sein, mit der Anmaßung, die sich nur die Liebe gestatten kann. Geht Antonius nach Rom, um sich mit Oktavian zu versöhnen, dann macht sie ihm mit laszivem Körpereinsatz deutlich, was er gerade aufgibt - und dass er sich zu einem befehlshörigen Trottel macht. Erfährt sie dann, dass ihr Antonius in Rom Oktavia, die Schwester Oktavians, aus Gründen der Staatsräson geheiratet hat, dann giert sie mit der kiebigen Neugier der betrogenen Geliebten danach, zu erfahren, wie die Neue aussieht. Und wehe dem, der etwas anderes berichtet, als dass diese ein Zwerg mit dunkel grummelnder Stimme sei. Dass Cleopatra auch herrscht, ein Reich führt und viel daran setzt, von Rom möglichst unabhängig zu bleiben, das erfährt man vor allem, wenn andere über sie reden. Und ganz am Ende, wenn Antonius schon tot ist, spürt man die bittere Weisheit der Politik, die sie stets hatte. Da tritt sie dem Sieger Oktavian (Simon Werdelis) gegenüber und fasst sich mit einer Geste überlegener Eleganz an den Träger ihres Kleides, bereit, ihren Leib dem neuen Herrscher hinzugeben. Der will aber nicht - und Cleopatra lässt sich von einer Schlange beißen.

So wenig Hanna Scheibe die Politikerin spielt, so wenig spielt Manfred Zapatka den Antonius als Liebenden. Offenbar ist Dannemann die erste Bettszene als Signal genug; dann lässt er Antonius grummelnd an der Politik zweifeln, der er sich nicht entziehen kann. Überhaupt, und das ist erstaunlich bei dem langjährigen Schauspieler Dannemann, verrutschen einige Figuren zu reinen Figurinen im Gesamttableau. Der hochbegabte Jeff Wilbusch etwa spielt den Pompejus, da flackert kurz ein exotischer Moment auf - Wilbusch stammt aus Israel, was Dannemann für einen Ausbruch hebräischen Furors nutzt. Und dann ist er verschwunden, lange bevor er tot ist. Dannemann schickt ihn wie ein Feldherr in die Schlacht der eigenen Inszenierung - und vergisst ihn dann.

Ein Stimmungsgitarrist saugt die Energie aus dem Geschehen

Knapp zwei der fast vier Stunden Aufführung sind furios. Da dreht sich rasant die Bühne, gibt den Blick in insgesamt vier identische Hotelzimmer frei, die alle im Laufe der Zeit sorgsam verwüstet werden. In diesen Zimmern hängen die Getreuen der Feldherren herum, kaum zu unterscheiden, aber wer weiß denn schon, wer im Bürgerkrieg auf welcher Seite steht. Manchmal denkt man auch an desillusionierte Kriegsberichterstatter, die sich an den Prachtleibern von Cleopatras Hofdamen - Andrea Wenzl und Valeria Pacher - erfreuen und mit erbeuteten Waffen spielen. Da ist viel grimmiger Aberwitz drin, viel Krieg und Knallerei, da werden Türen eingetreten und Siege gefeiert, als versuche eine Newcomer-Band ein Hotel so zu verwüsten, wie es die großen Ahnherren des Rockgeschäfts einst taten.

Doch dann saugt ein empfindsamer Stimmungsmelodiker, der Gitarrist Konrad Hempel, die Energie aus dem Geschehen, und den langen Zerfall schildert Dannemann als Zerfall aller Bühnenmittel. Das quält ein wenig, weil die kluge Wut, die hier lange herrschte, einfach so verpufft, und selbst ein so grandioser Kriegsheld wie Thomas Loibl als Domitius Enobarbus nur noch elendig verreckt. Dieses Verrecken, ein Selbstmord am Fenstergriff, wirkt dann aber wieder ziemlich eindrucksvoll.