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Theater:Deutsche Traumatherapie

Gewaltsame Mythen-Exegese: mit Leonard Hohm (vorne) und Franz Pätzold (hinten).

(Foto: Konrad Fersterer)

So unkorrekt wie nur möglich: Der kroatische Regisseur Oliver Frljić provoziert mit "Balkan macht frei" am Münchner Marstall. Ein National-Albtraum.

Reales Waterboarding muss es sein, drunter ist das Münchner Theaterpublikum nicht bereit, die abgeklärte Zuschauerhaltung aufzugeben. Minutenlang wird der Schauspieler Franz Pätzold im Marstall an einen Stuhl gefesselt gefoltert: Er hustet, keucht, würgt, schnappt nach Luft, während Jörg Lichtenstein sein mit einem Tuch bedecktes Gesicht karaffenweise mit Wasser übergießt. Dabei spricht der Inquisitor in priesterlichem Joachim-Gauck-Tonfall über Deutschland: dessen Offenheit, westliche Werte, die Kritikfähigkeit "unter Freunden", über Flüchtlinge in "angemessener" Zahl und die Deutschen als Weltmeister im Lernen aus der Vergangenheit. Jedes seiner Worte bereitet Übelkeit, man beginnt zu zittern, will eingreifen, kommt sich blöd vor dabei, bleibt sitzen. Einige verlassen polternd den Saal. Dann endlich beenden zwei Zuschauerinnen den Spuk, nehmen Wassereimer und Karaffe weg, und es folgt der nächste Akt dieses provokanten National-Albtraums mit dem Titel "Balkan macht frei".

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