Theater Der tägliche Kampf um Kunst

Zwischen Unterhaltung und Mut zum Risiko: Petra Maria Grühn übernahm die Leitung des Teamtheaters Mitte der 90er.

(Foto: Ludi Vici)

Das Teamtheater wird 30 Jahre alt: Leiterin Petra Maria Grühn bringt zum Jubiläum das von ihr selbst geschriebene Stück "Artisten" auf die Bühne

Von Petra Hallmayer

Wenn Menschen 30 werden, sehen sie diesem Tag häufig mit gemischten Gefühlen entgegen. Wenn ein kleines Theater solch ein stolzes Alter erreicht, ist das immer ein Grund zu purer Freude. Zum Geburtstag des Teamtheaters erfüllt sich dessen Leiterin Petra Maria Grühn nun einen Herzenswunsch: Sie bringt ein eigenes Stück auf die Bühne. Noch letzte Woche aber drohte ihr Traum zum Albtraum zu werden. Die Hauptdarstellerin erkrankte und musste die Endproben abbrechen, doch dank Veronika Faber, die kurzfristig einsprang, ist am Mittwoch Premiere.

"Artisten", so Grühn, ist eine "Riesenproduktion. Wir lassen es richtig krachen!" In der Geschichte um eine arbeitslose Zirkustruppe, in der ein Agent himmelblaue Hoffnungen vom großen Ruhm weckt, treten Artisten, Sängerinnen, ein Bajazzo und ein indischer Clown auf. Da es um Künstler geht, gibt es Psychodramen und emotionale Achterbahnfahrten zuhauf, "Euphorien und Abstürze jeder Art". Das "an Boshaftigkeiten und Komik reiche" Stück, in das Grühns Erfahrungen im Theater eingeflossen sind, sei "ein Märchen, in dem sehr viel Wahrheit steckt". Zu dem international besetzten "poetisch-clownesken Spektakel" gehören Choreografien, Akrobatik, Gesang, Schauspiel und eine interaktive Videoinstallation. Ganz allein konnte Grühn das nicht stemmen, darum steht ihr Oliver Zimmer zur Seite, der ihrem Haus schon manch schönen Erfolg beschert hat wie die bissige Kapitalismus-Farce "Doig. Kein Musical!" oder die herrliche Gesellschaftskomödie "Venedig im Schnee". Zimmer ist bei "Artisten" zuständig für die Schauspielregie, um alles andere kümmert sich Petra Maria Grühn selbst.

Freizeit ist schon seit Jahren "ein Fremdwort" für sie. Allein wenn sie sich manchmal müde fühlt, betont sie, liege das "nicht an der Theaterarbeit. Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich weit mehr Inszenierungen machen." Der alltägliche Kampf um das Geld, die enervierend aufwendigen Anforderungen für Subventionen, die Schwierigkeiten als kleine Bühne Aufführungsrechte zu bekommen, die Flut bürokratischer und organisatorischer Aufgaben - "all das frisst unglaublich viel Zeit und Energie."

Als die Schauspielerin damals von Paris nach München zurückkehrte, um das Theater zu übernehmen, hatte sie keine Ahnung, was da auf sie zukommen würde. 1985 hatte Stephan Märki das Teamtheater Am Einlaß 4 gegründet und später um einen zweiten Spielort in der ehemaligen Tankstelle Am Einlaß 2a erweitert. Zu seinem Gründungsteam gehörte auch Petra Maria Grühn. Unter Märkis Leitung sorgten Uwe Ochsenknecht und Jacques Breuer in "Butterbrot" wochenlang für ausverkaufte Vorstellungen, prägte die künstlerische Handschrift Jochen Schölchs den Regiestil des Theaters. Dennoch stand dieses 1994 vor dem Aus, nachdem die Stadt die Fördergelder gestrichen hatte.

Märki ging als Intendant nach Potsdam und überredete vorab Petra Maria Grühn, seine Nachfolge anzutreten. Blauäugig und bar jeder Erfahrung stürzte sie sich in das Abenteuer, und nach einer mühevollen Anfangsphase gelang es ihr, mit ihrer Gruppe Compagnie Anteros wieder Zuschüsse zu ergattern. Sie setzte ihre eigenen Schwerpunkte wie die Förderung junger Regietalente, die Inszenierung neuer französischer Stücke und die Dramatisierung literarischer Klassiker. Sie verwirklichte Projekte wie die Reihe "Bonjour Québec", holte Autoren aus Kanada nach München. Mit einer klugen Mischung aus Unterhaltung und Mut zum Risiko glückte ihr das Kunststück, das Teamtheater, neben dem sie seit 1997 auch die Salonbühne Teamtheater Comedy leitet, zu erhalten und erfolgreich weiterzuführen.

Leichter ist der Überlebenskampf nicht geworden in jüngerer Zeit. Es wird immer schwieriger, Zuschauer in Off-Theater zu locken, zugleich hat sich die Feuilletonlandschaft verändert. "Für uns", betont sie, "ist jede Kritik überlebenswichtig, doch auf den Kulturseiten tauchen freie Produktionen oft gar nicht mehr auf." Durch ihre Frankophilie aber hat Grühn eine Nische erobert. Die französischsprachigen Inszenierungen - "Ma passion!" - im Teamtheater haben eine treue Fangemeinde. "Ich habe", meint sie lachend, "noch unzählige Ideen für die nächsten dreißig Jahre. Wenn ich künstlerisch arbeiten kann, ist meine Energie nahezu unerschöpflich." Das hat sie nun bei den Proben zu "Artisten" wieder gespürt. Für die Finanzierung der teuren Produktion musste sie allerdings selbst sorgen. Aber heute ist kein Tag zum Jammern. "An diesem Abend wollen wir richtig feiern."

Artisten, Premiere am Mittwoch, 25. November, 20 Uhr, Teamtheater, Am Einlaß 2a