Theater Der sechsarmige Krake

Das Beste war das Bühnenbild: "Der Spieler" von Fjodor M. Dostojewskij am Residenztheater in München.

(Foto: Matthias Horn)

Man bekommt schier einen Drehbühnenkoller und im Unterbau einen Verhau: Andreas Kriegenburg inszeniert Fjodor Dostojewskis Kapitalismusstudie "Der Spieler" am Münchner Residenztheater.

Von Christine Dössel

Geld regiert die Welt, und Kunst geht nach Brot. Alte Weisheiten, die auch Fjodor M. Dostojewski erfahren musste. Um aus der Schuldenfalle herauszukommen, borgte sich der russische Schriftsteller von dem Verleger Stellowski 3000 Rubel und sicherte ihm dafür binnen eines Jahres einen Roman zu. Deadline: 1. November 1866. Sollte der Roman bis dahin nicht fertig sein, würden die Rechte an all seinen Werken, den früheren wie den zukünftigen, an Stellowski fallen, das war der Deal. Erst kurz vor Ablauf der Frist machte Dostojewski sich ans Schreiben. In nur 26 Tagen entstand - unter immensem Druck und mithilfe einer Stenografin, die er später heiratete - "Der Spieler": ein fiebriges Meisterwerk über eine Gesellschaft von Zockern und Bankrotteuren. Alles dreht sich um Schulden und Geld in diesem Roman. Dostojewski hat darin seine eigene Spielsucht aufgearbeitet.

Die Handlung spielt in einem fiktiven deutschen Kurort namens Roulettenburg. Hier hängt ein russischer General a. D. mit seiner Mischpoke ab, in täglicher Erwartung einer üppigen Erbschaft. Das verheißene Geld zieht etliche Schmeißfliegen und Pleitegeier an. Doch statt zu sterben, reist die reiche Großtante aus Moskau sehr munter an und setzt sich selber an den Spieltisch. Im Nu ist das Erbe verjubelt.

Auch diverse Lieben zerbrechen daran. Die Analogien zum Kasinokapitalismus unserer Zeit, zu Gier und Spekulantentum, liegen auf der Hand. Deswegen erfreut sich "Der Spieler" im Theater einer großen Beliebtheit. In München kam erst vor drei Jahren an den Kammerspielen eine Version von Christopher Rüping heraus, inszeniert als wilde Kindergeburtstagssause im Freestyle. Nun zieht das Residenztheater gewissermaßen mit einer "erwachsenen" Adaption nach: viel Bühne, viel Text, Betonung von Nationalismen und Rassismen ("wie ein Jude", "der Franzmann") und am Ende: viel behauptete Dramatik. Dafür sehr viel weniger Exzess. Für die disparate Inszenierung von Andreas Kriegenburg hat sich der Bühnenbildner Harald B. Thor von dem Namen "Roulettenburg" ganz wörtlich inspirieren lassen: Sein imposanter Raumentwurf zeigt tatsächlich ein Roulette als Burg. Wie ein sechsarmiger Krake erhebt sich ein rostiges Stahlungetüm auf Gerüststangen, es ist permanent in Bewegung, mal langsamer, mal schneller, man bekommt schier einen Drehbühnenkoller. Im Unterbau ein Verhau: leere Schampusflaschen, Kleiderständer, Wohlstandsmüll. Auf dem rotierenden Stahlding darüber wird in der Mitte, erhöht und für alle gut sichtbar, seelenruhig Roulette gespielt, mit einer professionellen Croupière. Das ist das Casino, gekrönt von einem prächtigen Lüster. Ringsum, auf den sechs Holzstegen, die sternförmig vom Zentrum wegführen, bestückt mit ein paar Sesseln, einem Sofa, einem Bett, herrscht flinkflottes Getriebe. Alle sind wie unter Strom. Dadurch, dass die Bühne sich andauernd dreht, sind auch die Schauspieler ständig in Bewegung. Um von einem Spielsteg auf den anderen zu kommen, müssen sie immer erst zurück zur Mitte und dann wieder vor - so schießen sie wie Roulettekugeln hin und her.

Das ist als Konzept schlüssig gedacht, wird von den Schauspielern auch schweißtreibend gut gemacht, nur kommen sie kaum je zusammen, nicht zur Ruhe und auch schwerlich in den Dialog. Was zur Folge hat, dass auch der Zuschauer keine Gelegenheit hat, ihnen nahezukommen. Ihnen mal wirklich zuzuhören. Sie zu verstehen. Es herrscht Pachinko-Atmosphäre. Jeder Spieler ist manisch autistisch mit seinem eigenen Ding beschäftigt. In einer Spielhalle ist es wenig unterhaltsam - und schon gar nicht gewinnbringend -, als Außenstehender den Akteuren bei ihren Automatenglücksjagden zuzuschauen. Ein bisschen so ist es auch an diesem heiß laufenden, einen aber seltsam kalt lassenden Theaterabend. Man sieht Abläufe, aber man kommt nicht rein. No money, no fun.

Kriegenburg, als Regisseur selber ein großer Spieler - seine Sucht: das slapstickhaft tänzelnde Akrobatik- und Bildertheater aus dem Füllhorn der Fantasie -, hält sich diesmal mit szenischen Kalauern eher zurück. Das Glücksräderwerk seiner Roulettenburg-Maschinerie erfordert schon so sehr viel Anstrengung und choreografische Disziplin. Der schöne A-Cappella-Zugriff am Anfang, wenn sich die Schauspieler an Standmikrofonen vor der Bühne locker eingrooven und ein unterhaltungsmusikalisches Sprechkonzert über die Macht des Geldes anstimmen, verliert sich später wieder - so wie Kriegenburg ohnehin verschiedene Spielstile anreißt und Regieideen sampelt. Das ist keine Inszenierung aus einem Guss, in einem Fluss.

Denkt man anfangs, ah, wie originell, hier wird Musik tatsächlich ganz analog, nur mittels der Stimmen und Rhythmusgeräusche der Darsteller gemacht, gibt es später doch Klangsoße aus der Konserve. Für die Tristesse in Paris muss am Ende mal wieder Satie herhalten. Sind im ersten Teil Farce-Elemente und Seifenopernhaftigkeit angesagt, stürzt der zweite jäh ins psychologische Drama. Plötzlich wird zwischen den Figuren eine Beziehungstragik behauptet (und breit ausgespielt), die vorher nicht aufgebaut wurde. Das Stahlkonstrukt steht nun still und zeigt sein Gerippe. Im Zentrum steht Alexej, Hauslehrer in der Familie des russischen Generals a. D. und verliebt in dessen Stieftochter Polina. Der flackrige Thomas Lettow ist irrwitzig gut in dieser Rolle und bewältigt im Vorübergehen Textmassen, als seien es Wiesen, über die er sprintet. Was für ein Dauerläufer und Schnellsprecher! Er wirkt viel eher wie ein hibbeliger Wall-Street-Broker auf Koks, der ganz oben mitmischen möchte, als wie ein kleiner Hauslehrer. Doch so sehr man Lettow für seine Leistung bewundert, mitreißen tut er einen nicht. Seine Sätze rauschen vorbei, wie in diesem vermaledeiten Glückskarussell alles immer nur vorbeizieht, sich nichts festsetzt. Viel Leerlauf ist da im Getriebe. Und dann und wann ein weißer Elefant: kleine humoreske Hingucker, lustige Kabinettstückchen. Thomas Loibl spielt mit expressiver Körpersprachkomik den General Gernegroß, der sich extrabreit macht in seinem Jackett und gequält um seine Restwürde ringt. Stark auch Charlotte Schwab als resolute Erbtante von geradezu transvestitenhafter Divengröße. Ihr Spiel am Roulettetisch wird mit Live-Kamera in Großaufnahme übertragen, da ist die Inszenierung nahe an Frank Castorf, nur hat sie längst nicht dessen Rausch- und Suchtpotenzial. Aber sie hat in Lilith Häßle eine rothaarprächtige, anfangs selbstbewusst verführerische Polina, die mit den sie umschleichenden Männern kokett zu spielen weiß. Nach Omas Finanzpleite geht sie im zweiten Teil zum Psycho-Elend über. Der undurchsichtige Marquis des Grieux (Philip Dechamps) und der verdruckste Engländer Astley (Thomas Gräßle) sind permanent in Lauerstellung. Ihre Rolle im Spiel erschließt sich nicht so recht. Zumindest der Engländer kriegt am Ende seine Chance, nämlich Polinas Körper gegen Geld. Hanna Scheibe wiederum kommt als Mademoiselle Blanche lange Zeit nur als stummes Salonschlangenbeiwerk an der Seite des Generals vor, später hat sie eine lange Szene als französelnde Kleiderpuppe, die sich ausführlich an- und umzieht. Sehr apart. Aber man wünschte sich doch ein anderes Frauenbild. Kriegenburgs Inszenierung dreht und dreht sich, aber sie dreht nicht ab. Sie zielt auf das Herz unseres heutigen Europas, aber sie trifft nicht hinein. Die Fliehkräfte sind zu groß.