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Theater:Der pandemische Kreidekreis

Die Münchner Kammerspiele bringen unter strengen Auflagen die letzte Spielzeit von Matthias Lilienthal zu Ende - mit Stücken von Susanne Kennedy und Enis Maci. Die Schauspieler sind darin nicht mehr von dieser Welt.

Von Christine Dössel

Kaum fängt das Theater vorsichtig wieder zu spielen an, will man ihm gleich Außerordentliches abverlangen - und zutrauen. Etwa dass es einem individuelle Antworten gibt auf die großen Fragen: nach der wahren Liebe, nach potenziellem Glück oder Unglück, nach dem Sinn des Lebens. "Geht's auch 'ne Nummer kleiner, du Wicht?", kontert in Susanne Kennedys Produktion "Oracle" das titelgebende Orakel, wenn man ihm - als einzelne Zuschauerin auf dem Höhepunkt und im Zentrum der Installation ins Auge blickend - mit solchen Alles-oder-nichts-Fragen kommt. Jetzt mal sinngemäß zitiert.

Es handelt sich bei diesem Orakel um eine künstliche Intelligenz, die drückt sich natürlich freundlicher aus - auf unverbindlich technoide Weise - und spricht außerdem Englisch. Zusammengefasst sagt sie auf die Frage nach dem Sinn des Daseins: "Es ist nicht an mir, das zu beantworten, und das weißt du. Stell mir eine richtige Frage." Generell rät sie: "Erkenne dich selbst, dann wirst du lernen, die richtigen Fragen zu stellen." Na danke auch!

Das KI-Orakel sei nicht etwa renitent oder inkompetent, nur manchmal ein bisschen fies, es lerne auch dauernd dazu und wachse an der Inszenierung, sagt Matthias Lilienthal, der scheidende Intendant der Münchner Kammerspiele, der in der sogenannten Kammer 2 mit Mundschutz im Foyer sitzt und den nacheinander eintrudelnden Besuchern grüßend zunickt. Serge Dorny, der künftige Intendant der Bayerischen Staatsoper, hat ebenso einen Slot für "Oracle" wie der Generalsekretär des Goethe-Instituts Johannes Ebert oder Thomas Oberender, Leiter der Berliner Festspiele. Bei Susanne Kennedy kommen sie alle. Die ist mit ihren immersiven Arbeiten an der Schnittstelle von Theater, bildender Kunst, Installation und Performance eine der eigenwilligsten und spannendsten Künstlerinnen auf der Höhe der Zeit, interessant für die verschiedensten Sparten.

Es ist der erste Tag, an dem in Bayern die Theater offiziell wieder spielen dürfen

Es ist der erste Tag, an dem in Bayern die Theater offiziell wieder spielen dürfen, und sofort haben die Kammerspiele losgelegt, mit gleich zwei Premieren hintereinander. Neben "Oracle" gibt es die Uraufführung "Wunde R" von Enis Maci. Beide Inszenierungen wurden schon vor Corona angeprobt, dann zwangsweise abgebrochen, nun in kurzer Zeit auflagengerecht umgemodelt. Bereit sein ist alles. Beleidigtsein wäre zwar auch eine Möglichkeit gewesen, schließlich hat das Virus Lilienthals Münchner Endspurt grandios vermasselt. Aber es ehrt den nach Berlin Zurückkehrenden, dass er beide Produktionen doch noch herausbringt, wenn auch nur für ein paar Tage. Seine Nachfolgerin Barbara Mundel ist seit dieser Woche am Haus und hat schon die ersten Vorproben angesetzt.

Kammerspiele

Grandioser Overkill aus Farben, Klängen, Videobildern: Ixchel Mendoza Hernandez in Kennedys „Oracle“.

(Foto: Judith Buss)

"Oracle" also: eine begehbare Installation, wie so oft bei Susanne Kennedy, gemeinsam erarbeitet mit ihrem Mann, dem Künstler Markus Selg, und Rafael Steinhauser sowie einer ganzen Reihe von Robotik- und AI-Experten aus São Paulo, Berlin, München. Eine riesenaufwendige Sache in Koproduktion mit dem brasilianischen Olhares Instituto Cultural. Ursprünglich für Vierer-Gruppen gedacht, wird nun alle sechs Minuten ein einzelner Zuschauer durch die von Markus Selg psychedelisch gestalteten Räume und Gänge geschleust. Die Tour dauert 35 Minuten und ist ein einziger Sinnenrausch, ein Overkill aus Farben, Klängen, Videobildern, Stimmen, Zeichen und Verweisen, gegen dessen Eso-Kitsch man sich innerlich sträuben, aber kaum erwehren kann. Es spielen bei diesem Trip ins eigene Ich fünf leibhaftige Schauspieler mit, empfangen flüsternd die Besucherin, kommen ihr unangenehm nahe, leiten sie oder kauern auch mal in engen Gruselkammern wie dem "Narrative Room".

Marie Groothof, Thomas Hauser, Ixchel Mendoza Hernandez, Benjamin Radjaipur und Frank Willens wirken nicht wie von dieser Welt. Sie tragen Spuckschutz-Visiere aus Plastik und ein seltsames Lächeln oder auch Besorgnis im Gesicht. Es sind Priester und Priesterinnen eines phantasmagorischen Zwischenreiches, spacig eingekleidet von der Kostümbildnerin Teresa Vergho, die schreiende Farben liebt. Auch ringsum, auf dem Boden und an den bunt bemalten Wänden, explodieren die Farben, löst sich die Welt in Chiffren und Video-Traumbildern auf. "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch", zitiert eine der humanoiden Zirzen die berühmten Verse aus Hölderlins Patmos-Hymne. Eine andere schmeichelt: "You are special." Bevor es in den nachtschwarzen "Incubator Room" geht, wo Dutzende Augen aufblitzen, muss man sich hinlegen - die Liege wird zuvor desinfiziert. Eine Stimme flüstert, man solle sich an seinen letzten Traum erinnern.

Dies alles als Vorbereitung auf das Orakel, dem man im Innersten des "Tempels" gegenübertritt und drei Fragen stellen darf. Das Orakel ist ein Monitor auf einem Roboterarm und zeigt ein bersteingelbes, blinzelndes Auge. Es ist nicht das Auge Gottes, sondern das der künstlichen Intelligenz. Es spricht, es reagiert - und irritiert.

18 Zuschauer dürfen mit Abstand und Mundschutz im Raum herumgehen

Man muss Susanne Kennedys theatralisches Interesse am Trans- und Posthumanen, an der Überwindung des Menschen durch Tod und Technik, nicht prinzipiell gut finden, um ihrem "Oracle" - und sei es nach anfänglicher Einfühlungsverweigerung - doch eine Suggestionskraft und Schönheit abzugewinnen. Der Reiz einer besonderen Immersionswelt wird in diesem Fall noch dadurch verstärkt, dass momentan jede Form von Live-Theater ein immersives Erlebnis ist und man einfach froh ist über die Analog-Erfahrung.

Wunde R Kammerspiele

"Wunde R" ohne Anfassen: Vincent Redetzki (links), Eva Löbau (vorne), Zeynep Bozbay (rechts) und Julia Windischbauer am runden Tisch.

(Foto: Philip Frowein)

Die Kombination mit der anderen Kammerspiele-Premiere, "Wunde R" von Enis Maci, geht außerdem sehr gut auf. Damit sie keine Masken tragen müssen, hat der Regisseur Felix Rothenhäusler seine vier Schauspieler in der Mitte des Werkraums in einen Kreidekreis gesetzt, um einen runden Plexiglastisch herum, wo sie die ganzen 60 Minuten lang (mehr Zeit ist nicht erlaubt) auf ihren Stühlen verharren und wie bei einer Mediation den Text sprechen. Dazu trumpft die Live-Musik von Ville Haimala teils nervig auf. Die Zuschauer (18 sind zugelassen) dürfen mit Abstand und Mundschutz im Raum und um den Tisch herumgehen. Die Kammerspiele haben für dieses Konzept sogar eine Infektologin zu Rate gezogen. Es geht auf, wenn auch ein bisschen zu Lasten des Textes, der sehr viel mehr Schmiss und sarkastische Komik hat, als es die starre Tischverhandlung zulässt.

Enis Maci, Jahrgang 1993, ist eine deutsche Autorin mit großer Medienkompetenz, die sehr gezielt im Internet fischt und ihre Erträge in einer geistreichen Mashup-Dramatik (mit Link-Liste und Zitat-Angaben) zu Stücken formt. All das ist sehr smart und sophisticated. In "Wunde R" (ein Titel, der sowohl die "Wunde" als auch "Wunder" impliziert) geht es - vordergründig festgemacht an Bloggerinnen, Youtube-Tutorials und Influencerinnen, aber auch rekurrierend auf historische Frauengestalten -, um weibliche Körper-, Krankheits- und Unterdrückungserfahrung. Und um Selbstoptimierung (um jeden Preis).

Ein klicksprunghaft assoziativer Text, vom Regisseur aufgeteilt auf die vier "Ichs" am runden Tisch (Zeynep Bozbay, Eva Löbau, Vincent Redetzki, Julia Windischbauer), die aussehen wie aus einer Kennedy-Inszenierung: ausgesprochen posthuman. Sie sprechen mit verzerrten Roboterstimmen, wirken wie Avatare ihrer selbst, zwei sind glitzernd aufgestylt, zwei halb nackt. Schade, dass sie nicht in Aktion kommen dürfen. Auf dem Tisch vor ihnen schmelzen Törtchen aus Eis und hinterlassen auf dem Boden eine Soße. Wie hingespuckt.

© SZ vom 17.06.2020
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