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Theater:Der Menschenverführer

Bondy

Luc Bondy auf leerer Bühne, wie häufig, mit einem Buch in der Hand. Er hatte eine ebenso große Lese- wie Lebenslust.

(Foto: Ruth Walz/Alexander Verlag)

"In die Luft schreiben" - ein Erinnerungsbuch für den allzu früh verstorbenen Regisseur Luc Bondy.

In diesem Jahr würde er seinen 70. Geburtstag feiern. Aber der große Regisseur Luc Bondy, den sein Kollege Patrice Chéreau einmal einen "fröhlichen Überlebenden" nannte, der in seinem Leben vieles durchgestanden hat - auch in jungen Jahren schon eine schwere Krebserkrankung -, erlag im November 2015 schließlich doch seinem Leiden. Sein Tod hinterließ im deutsch- und französischsprachigen, oder sagen wir ruhig: im europäischen Theater eine bleibende, von vielen als schmerzhaft empfundene Lücke. Das psychologisch tief gehende, immer so leicht, verspielt und durchlässig daherkommende, aufrichtig der Dichtung verpflichtete Schauspielertheater, für das Luc Bondy stand, hat seine große Zeit gehabt. Im authentizitäts- und realitätssüchtigen Theater der Gegenwart wäre Bondy, der ja auch nie politisch war, der Traumtänzer in der Kuschelecke.

Er liebte die Schauspieler und die Dichter, und er wurde früh als Wunderkind gefeiert

"In die Luft schreiben" heißt der lesenswerte, reich illustrierte Band, in dem Kollegen, Freunde und Weggefährten noch einmal Luc Bondy und sein Theater feiern. Herausgegeben hat das Buch Bondys langjähriger Mitarbeiter Geoffrey Layton im Auftrag der Berliner Akademie der Künste, und zwar auf Bondys eigenen Wunsch, wie Layton im Vorwort schreibt, damit "etwas übrig bleibt von dieser ephemersten der Künste, der Regiekunst".

Es ist ein Band zum Stöbern und Blättern, mit teils sehr persönlichen Würdigungen von Weggefährten wie Peter Handke, Botho Strauß, Jürgen Flimm, Bulle Ogier, Ilse Ritter, Isabelle Huppert, Jens Harzer, Micha Lescot und vielen anderen Künstlern; mit Beiträgen von Bondys Frau und seinen Geschwistern; mit Faksimiles von Briefen und Entwürfen; mit Inszenierungsfotos und auch privaten Bildern, die dazu einladen, sich zu vertiefen in diese Biografie eines Regisseurs, die gleichzeitig auch Teil der Theatergeschichte geworden ist.

Regie war für den Intellektuellen-Spross Luc Bondy, Sohn des Publizisten und Essayisten François Bondy, eine Art zu lesen und zu schreiben, daher nannte er seinen Beruf gelegentlich "in die Luft schreiben" - womit sich der Titel des Buches erklärt. "Inszenieren ist nicht nur mein Beruf, es ist Wesen meines Wesens", schrieb er. "Es ist etwas, das nicht ist, ein Windstoß, der die Schauspieler - Blätter auf dem Bühnenboden - zum Andersrascheln bringt." Seine Arbeitsweise beschrieb er selber als "assoziativ". Nichts sei "frontal" bei ihm, sagte er seinem Bruder Dominique: "Ich nähere mich einem Text, dann der Inszenierung von der Seite her."

In einem einleitenden Aufsatz mit dem Titel "Die Behauptung des poetischen Moments" gibt der Theaterkritiker Peter Iden einen kundigen Rückblick auf die Schauspielinszenierungen Bondys, nicht, ohne säuerlich das "Defizit" des Gegenwarttheaters zu beklagen, die "hybride Selbstherrlichkeit vieler Regisseure", die "Willkür präpotent manipulierender Inszenatoren". Bondy hingegen habe die Schauspieler geliebt. Und die Dichter! Botho Strauß etwa, von dem er viele Stücke inszeniert hat. Oder Marivaux, dessen Komödien er in triumphalen Inszenierungen auf die Bühne brachte, angefangen mit "Die Unbeständigkeit der Liebe", 1975 in Frankfurt.

Dann zehn Jahre später "Triumph der Liebe" an der Berliner Schaubühne, erzählt als ein Märchen in der Atmosphäre eines Zaubergartens mit Tempelruinen und künstlichem See - mit der wunderbaren Jutta Lampe als Prinzessin in love. Dazu Iden: "Unvergleichlich war Bondys Aufführung, verschwenderisch in der Entfaltung verführerischer Stimmungen des Glücks, und gnadenlos aufmerksam für das verdammte Elend von deren Flüchtigkeit."

Auch wenn in dem Buch einzelne Inszenierungen hervorgehoben und gewürdigt werden (etwa auch seine Arbeiten in London oder in der Oper), ist es keine Werkbiografie, sondern eine Annäherung an den Menschen und Unruhegeist Bondy, dem man hier sehr nahe kommt. Die Kindheit in Zürich, wo im Elternhaus berühmte Schriftsteller ein und aus gehen und die Kinder nicht von den Salzstangen der Gäste knabbern dürfen. Der kleine Luc mit furchtbar abstehenden Ohren. Dann die Jahre im südfranzösischen Internat, für Luc Bondy "die schönste Zeit meiner Kindheit". Er macht kein Abitur, kommt 1967 nach Paris, um an der Theaterschule von Jacques Lecoq zu studieren und wird im Alter von 21 Regieassistent bei Boy Gobert in Hamburg. Der Schauspieler Paul Burian schreibt: "Von der Familie wurde er nicht ernst genommen. Insbesondere vom Vater.

Luc galt als der missratene Sohn." Aber er zeigte es ihnen allen. Als Regisseur in Deutschland machte er früh Karriere, wurde als besonderes Talent erkannt und gefördert. "Seine Begabung hatte etwas Ansteckendes", schreibt seine jüngere Schwester Beatrice. Wie alle ist sie begeistert davon, "wie schön er war mit seinen Locken". Die Fotos belegen es, sie zeigen einen attraktiven jungen Mann mit wachen Augen und Wuschelhaar. Alle hatten sich damals in ihn verliebt. Seit seinem Durchbruch mit Edward Bonds "Die See" 1973 am Residenztheater München war er ohnehin der Darling des deutschen Theaters, ein "Senkrechtstarter", der im Flug die Bühnen in Frankfurt, Köln, Hamburg, Berlin, Wien und Paris eroberte.

Luc Bondy war ein Mensch, der andere mitgerissen hat, "immer liebenswert, immer unzuverlässig, sprunghaft wie ein grüner Frosch im Frühling" (Jürgen Flimm). Die Schauspielerin Barbara Sukowa schreibt: "Er hatte einen Appetit aufs Leben: Essen, Trinken, Frauen, Reisen, Geld. Und was ihm das eigene Leben nicht bot, holte er sich aus Büchern, von denen er immer eins unter dem Arm trug." Ja, von seiner Leselust schreiben sie alle. Peter Handke rühmt seinen "Enthusiasmus", Botho Strauß seinen "gänzlichen Verzicht auf Gesinnungskomfort".

Und dann sind da noch die Frauen, die ihn liebten und die er geliebt hat. Ilse Ritter erzählt, wie er ihr einen Goldhamster schenkte, der später unter dem Flokati-Teppich zerquetscht wurde. Den Heiratsantrag an sie verband er mit dem Wunsch, "so eine ganz offene Beziehung" zu führen. Geheiratet hat ihn dann schließlich Marie-Louise Bischofberger, die von einem nicht stress- und chaosfreien Leben mit Luc Bondy berichtet. Als sie ihn kennen lernte, habe er sie noch am selben Abend gefragt: "Kommst Du mit mir leben?" Geoffrey Layton (Hrsg.

): In die Luft schreiben. Luc Bondy und sein Theater. Alexander Verlag, Berlin 2017. 320 Seiten, ca. 200 Abbildungen, 30 Euro.

© SZ vom 09.03.2018

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