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Theater:Den Stier an den Hörnern packen

Staatstheater Karlsruhe

Unfähig, glücklich zu sein: Anna Gesa-Raija Lappe (vorne) ist die Frau vom Meer in „Nora, Hedda und ihre Schwestern“, einer Kompilation aus Ibsen-Stücken.

(Foto: Sebastian Pircher)

Theater-Feminat: Die neue Schauspieldirektorin Anna Bergmann legt in Karlsruhe mit "Nora, Hedda und ihre Schwestern" einen erfrischenden Start hin. Sie wird ausschließlich mit weiblichen Regisseuren arbeiten.

Natürlich hagelte es gallige Kommentare. Sie wolle sich wichtig machen, wurde Anna Bergmann vorgeworfen, sie kämpfe nur für ihre eigenen, bürgerlichen Interessen und nicht für eine bessere Welt. Und doch ist es ein historischer Moment im deutschen Theaterbetrieb: Anna Bergmann ist nicht nur die erste Schauspieldirektorin am Staatstheater Karlsruhe, sondern wird dort ausschließlich mit Regisseurinnen arbeiten. Hundert Prozent Weiblichkeit. Nicht ein Quotenmann am Pult.

Hundert Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts nun also auch ein provokanter Akt, um an den Verhältnissen an den Staats- und Stadttheatern zu rütteln, in denen es nur 22 Prozent Intendantinnen gibt und siebzig Prozent der Inszenierungen von Regisseuren stammen. Bergmann ist überzeugt: Frauen können es ebenso gut. Nicht nur die spanische Gastregisseurin Alia Luque hat dem Staatstheater Karlsruhe mit "Europa flieht nach Europa" nun einen fulminanten Auftakt beschert. Auch Bergmann selbst beweist auf der großen Bühne, dass sie als Regisseurin ihr Handwerk bestens beherrscht.

Dabei ist "Nora, Hedda und ihre Schwestern" ein kühnes, keineswegs leicht konsumierbares Projekt. Die Autorin Ulrike Syha hat Henrik Ibsens große Frauendramen - "Nora oder Ein Puppenheim", "Hedda Gabler" und "Die Frau vom Meer" - zu einer Art Familienchronik montiert und Verwandtschaftsverhältnisse konstruiert. Nora als Stammmutter, ihr Sohn ist der Schriftsteller Ejlert aus "Hedda Gabler", die Stieftöchter aus "Die Frau vom Meer" sind ihre Enkelinnen. Eine Familiensaga, die in den Fünfzigerjahren ihren Lauf nimmt und bis in die Gegenwart vorrückt.

Ellida lässt sich schwermütig im Pool treiben, Nora ist eine typische Fünfzigerjahre-Hausfrau

Drei Generationen bevölkern gleichzeitig die Simultanbühne von Katharina Faltner, die in coolem Waschbeton-Look gehalten ist. Hier ein Swimmingpool, in dem die schwermütige Ellida (Anna Gesa-Raija Lappe), die Frau vom Meer, sich stundenlang treiben lässt. Dort das Wohnzimmer der wasserstoffblonden Nora. Sie ist eine typische Fünfzigerjahre-Hausfrau, das adrette "kleine Singvögelchen" ihres allzu redlichen Mannes Torvald (Malte Sundermann). Von dem will Nora vor allem eines: Geld, um Teil des Wirtschaftswunders zu werden.

Es ist nicht einfach, die Figuren, Zeitebenen und schnell geschnittenen Szenen zu sortieren, aber Bergmann hat den Ablauf dieser vielstimmigen Erzählung bis ins Detail durchgearbeitet. Perfekt schnurrt das komplexe Räderwerk, verschränken sich Szenen, Bedeutungsebenen und auch formale Mittel. Video-Einspieler und Live-Kameras ergänzen das Spiel. Allmählich werden die Figuren plastisch. Dabei zeigt sich die Regisseurin nicht etwa als militante Feministin, sondern als differenzierte Beobachterin. Sie rückt Frauenschicksale in den Fokus, um doch allgemeingültig von der Unfähigkeit zum Glücklichsein zu erzählen. In allen Figuren klafft große Leere, hilflos werden sie durch ihr Schicksal, ihre Ehen und Freundschaften geschleudert - und klammern sich an Verpasstes, Vergangenes, an alte Sehnsüchte. Das Gestern hängt wie Ballast an jedem und wird über Generationen weitergereicht.

Das Ensemble kann darstellerisch nicht in allen Momenten überzeugen, was mehreren Krankheitsfällen geschuldet sein mag, die kurzfristige Umbesetzungen nötig machten. Bea Brocks ist als Nora die zentrale Figur, am Ende des Abends ist die adrette Gattin deutlich vom Leben gezeichnet. Gebrochen verlässt sie Mann und Kinder, um zu sich selbst zu finden. Viel Hoffnung, dass das gelingt, ist da nicht.

So gibt die neue Schauspieldirektorin nicht nur der aktuellen Debatte um Geschlechtergerechtigkeit im Theater neuen Schwung, sondern verhandelt auch auf der Bühne Rollenbilder und das menschliche Miteinander. Sie wird auch Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" von Lübeck übernehmen, ihre Inszenierung ist dort seit Jahren ein Dauerbrenner. Auch mit dem Stadttheater Uppsala will sie kooperieren, sie hat schon häufiger in Schweden inszeniert.

Anna Bergmann, Jahrgang 1978, ist in Ostdeutschland auf dem Land groß geworden, hat an der Ernst-Busch-Schule in Berlin Regie studiert und später noch ein Aufbaustudium Theatermanagement draufgesattelt, fest entschlossen, sich eines Tages einen der Männerposten im Theaterbetrieb zu schnappen. Zielstrebig ist sie, aber keine Einzelkämpferin. In Karlsruhe schart sie nun Ko-Kuratorinnen um sich, wie sie es nennt. Die Dramaturgin Anna Haas ist ihre Stellvertreterin, Sonja Winkel geschäftsführende Dramaturgin. Auch das ein Signal: Es gibt für sämtliche Posten weibliche Kandidatinnen. Man muss sie nur wollen.

Das Karlsruher Publikum begrüßte das neue Feminat in jedem Fall freundlich. Großer Applaus auch nach "Europa flieht nach Europa". Der Text von Miroslava Svolikova nimmt in der Karlsruher Fassung ungeheure Fahrt auf. Alia Luque, die als freie Regisseurin am Schauspiel Stuttgart und am Düsseldorfer Schauspielhaus gearbeitet hat, ist mit Tempo und Ironie an dieses "dramatische Gedicht" herangegangen, das sehr frei die Nöte Europas verhandelt. Bei Svolikova ersticht die mythologische Europa mit einer Haarnadel den Stier, der sie entführt hat, und beschließt: Sie will ein Land gründen, in dem nicht das Recht des Stärkeren regiert.

"Hier beginnt das Kapitel Hoffnung", posaunen die fünf Toreros heraus, die in bunt geschmückten Anzügen einen tollen Karneval vollführen, schauspielerisch stark und für jede Absurdität zu haben. Sie reichen sich die lose gereihten Assoziationen dieser handlungsfreien Farce weiter, tanzen Paso Doble, jagen dem Scheinwerferlicht hinterher, das die Schauspieler immer wieder austrickst und im Dunkeln stehen lässt. Alia Luque hat griffige Bildideen zu Svolikovas lapidaren Assoziationen zu Ich und Wir, Individualität und schnöder Biologie, Moral und Selbsterhaltungstrieb.

Die Botschaft der Autorin ist aber eindeutig: "Ich möchte etwas verbessern", heißt es einmal. Das mag naiv klingen, im Kontext von Anna Bergmanns Karlsruher Start hört es sich eher wie ein Arbeitsauftrag an. Diese neue Frauenriege scheint sich nicht auf zynisches Lamento zurückziehen zu wollen, sondern will wie Europa den Stier beherzt an den Hörnern packen.