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Theater:Das Knirschen zwischen Menschen

Zeit und Zimmer

Jeder ist anders einsam: Kommunikation ist bei Strauss immer Krise. Und die Liebe auch.

(Foto: Martin Kaufhold)

Sibylle Broll-Pape inszeniert im Bamberger ETA-Hoffmann-Theater "Die Zeit und das Zimmer", eine Botho-Strauß-Komödie aus den Achtzigern

Als Luc Bondy an der Berliner Schaubühne Botho Strauß' Komödie "Die Zeit und das Zimmer" zur Uraufführung gebracht hat, stand die Berliner Mauer noch ein Dreivierteljahr. Die Menschen versammelten sich vor dem Fernseher, um "Wetten, dass?" zu schauen, und trugen dabei Swatch-Uhren. Für Strauß ist die Uhrenmarke Symbol für die Beschleunigung des Lebens und damit für die zunehmende Entfremdung der Menschen von sich selbst, den Mitmenschen, dem Leben überhaupt. "Neue Uhrenart. Kann man dauernd wechseln. Viele verschiedene Uhren zu vielen verschiedenen Zwecken. Wie zum Sammeln so zum Wegwerfen", lässt er eine Figur lamentieren. Sie trägt den Namen "Die Ungeduldige". Ist also mehr Typus als Mensch aus Fleisch und Blut.

Wie viele andere auch in diesem Stück, das irgendwie aus der Zeit gefallen scheint und rückblickend an eine nahezu selige Vergangenheit denken lässt. So geben sich "Der Mann ohne Uhr", "Die "Schlaffrau" und "Der völlig Unbekannte" noch ein Stelldichein. Oder besser gesagt: Werden auf die für Strauß typische, unerklärliche Weise in die Wohnung von Julius und Olaf geweht wie verloren wirbelnde Herbstblätter. Julius und Olaf: Das sind zwei ältere Herren, die sich zurückgezogen haben ins Private. Man schaut aus dem Fenster, lästert. Ansonsten schweigt man, stiert vor sich hin. In ihren gut sitzenden Anzügen erinnern sie ein wenig an das spleenige Künstlerpaar Gilbert & George. Oder an Statler und Waldorf, die Opas aus der Muppet Show und Grantler vor dem Herrn.

Bis Marie Steuber die beiden dann aus ihren müdgesessenen Sesseln scheucht. Sie ist die Person, die alle anderen zu kennen scheint, der Fixstern des Stückes, das Rätsel ist und Rätsel bleibt. Paare, Passanten kommen und gehen, weil sie im Gespräch nicht zueinander finden. "Zwischen den Menschen knirscht es", konstatiert Marie. Kommunikation ist bei Strauß immer Krise, natürlich. Wie die Liebe auch. Was bleibt, ist Erinnerung. Das mag man tragisch nennen, macht aber auch den Gutteil der Situationskomik aus.

Sibylle Broll-Pape, die Bamberger Hausherrin, hat gar nicht erst den Versuch unternommen, "Die Zeit und das Zimmer" ans Hier und Jetzt anzuschließen, sprich: vielleicht zu kürzen oder so. Also hört man erstaunt und ein wenig belustigt von symbolbeladenen Swatch-Uhren. Auch die Anspielung auf die längst erloschene Lagerfeuer-Sendung "Wetten, dass?" nimmt man zur Kenntnis. Bleibt aber die Frage, was die Intendantin an dem Szenenreigen gereizt hat. Gegen die routiniert-federnde Inszenierung ist allenfalls einzuwenden, dass sie einem nicht wirklich nahe kommt. Die Bühne von Trixy Royeck deutet eine weitläufige Wohnung an, es gibt Säulen, die wohl auf Strauß' Vorliebe für die Antike, den Mythos anspielen. Am Boden liegt Laub, Sessel stehen herum, die hohen Fenster sind schon mal blau illuminiert. Klaviermusik fliegt einen immer wieder an. Alles wirkt recht klar, erlesen und intellektuell.

Unter den Schauspielern gilt es drei hervorzuheben. Die altgedienten Stephan Ullrich und Florian Walter spielen Julius und Olaf reizend desillusioniert. Und dann ist da vor allem Anna Döing als Marie. Es ist ihre letzte Rolle für das Haus. Man wird sie in der nächsten Spielzeit vermissen, kann sie doch so viele Facetten abrufen, was sie hier noch einmal eindrücklich vorführt: ist die Quirligkeit in Person, um im nächsten Moment nachdenklich zu sein. Oder rotzig tough, aber auch Verführung pur.

Die Zeit und das Zimmer, nächste Aufführung: Mi., 29. Mai, ETA-Hoffmann-Theater, Bamberg, E.T.A.-Hoffmann-Platz 1

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