Theater Das Grauen beim Namen nennen

Der Probenprozess zu "Die vierzig Tage des Musa Dagh" war auch für Ismail Deniz, Daron Yates und Michaela Steiger (v. l.) ein Akt des Sich-langsam-bewusst-Werdens.

(Foto: Konrad Fersterer)

Täter treffen auf Opfer: Bei Nuran David Calis' Projekt "Die vierzig Tage des Musa Dagh" arbeiten deutsche, armenische und türkische Schauspieler gemeinsam die Geschichte eines Völkermords auf

Von Christiane Lutz

Es ist kompliziert. Das macht Nuran David Calis während des Gesprächs immer wieder klar. Er inszeniert am Residenztheater "Die vierzig Tage des Musa Dagh" nach Franz Werfels gleichnamigem Roman. Es ist viel mehr eine Auseinandersetzung mit dem Thema denn eine Romanadaption - und das Thema ist der Völkermord an den Armeniern durch die Türken im Jahr 1915 während des Ersten Weltkriegs. Hundert Jahre ist der Völkermord nun her, und es ist noch nicht zu einer gemeinsamen Aufarbeitung zwischen den Armeniern, den Türken und auch den Deutschen gekommen. Die türkische Regierung leugnet bis heute, dass es sich überhaupt um einen Völkermord gehandelt hat. Deswegen kompliziert.

Über seine Inszenierung und den Roman zu sprechen, rückt bei der Brisanz des Themas dabei in den Hintergrund. Nuran David Calis, 40, Armenier, kam im Alter von vier Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Als Kind, so erzählt er, habe er einmal ein Buch im Regal seines Onkels entdeckt, in dem Fotos von abgeschlagenen Köpfen und vertrockneten Leichen am Straßenrand abgedruckt waren - Bilder des Genozids. Erschrocken versteckte der Onkel das Buch. Für Calis war es der Beginn einer Auseinandersetzung mit dem Thema, das, wie er sagt, Teil jeder armenischen Biografie ist. Nicht jeder türkischen allerdings, und auch das Bewusstsein der Deutschen ist nicht gerade ausgeprägt. Dabei war Deutschland im Ersten Weltkrieg Waffenbruder der Türkei. Calis wühlte sich durch Archive und stellte fest: Die Deutschen wussten, was die Türken den Armeniern antaten, "aber man schwieg, weil man den Partner brauchte". Somit ist die Geschichte in der Gegenwart angekommen. "Auch heute brauchen wir die Türkei als Partner in der Flüchtlingskrise und gehen deshalb vorsichtig mit ihr um und pflegen eine seltsame Zurückhaltung."

Erst im April hatte der türkische EU-Botschafter in der EU-Kommission erwirkt, dass die Informationen zu einem internationalen Konzertprojekt von der Website der Kommission gelöscht wurden. Das Projekt, gefördert von der EU und unter der Leitung der Dresdner Sinfoniker, trägt den Namen "Aghet" - armenisch für "die Katastrophe" -, im Begleittext tauchte das Wort Völkermord auf. Die türkische Regierung war mit der Wortwahl nicht einverstanden. Die Kommission zuckte kurz, nun ist der Text wieder online - mit dem Hinweis, dass die EU nicht für die publizierten Inhalte verantwortlich sei. Nach dem Wirbel um Jan Böhmermanns Schmähkritik und die anschließende Schelte von der Kanzlerin wirkte dies auf Nuran David Calis wie der nächste Fall von ungerechtfertigter Beschneidung der Kunstfreiheit. "Die Türkei will in künstlerische Inhalte hineinschreiben und diktieren, was geht und was nicht geht. Sie will, dass wir die Klappe halten. Heute macht sie es mit den Künstlern, irgendwann kommt sie in die Zeitungsredaktionen. Der Arm der türkischen Regierung reicht weit. Radikal, ohne rabiat zu sein, muss man da eine Linie ziehen." Martin Kušej, Intendant des Residenztheaters, hatte sich noch im April in einem Interview mit dem Münchner Merkur schützend vor seine Künstler geworfen. Eine Geste, die leider nötig war, denn auch Calis befürchtet, dass sein Musa-Dagh-Projekt in der türkischen Community nicht gut ankommen könnte. Es sei das erste künstlerische Projekt, in dem ein deutscher, ein türkischer und ein armenischer Schauspieler gemeinsam auf einer Bühne stehen und den Genozid diskutieren, "und der Türke sagt: ,Das war so nicht'".

Zu Beginn der Proben sollte jeder Schauspieler seinen Kenntnisstand und seine Erfahrungen zum Thema Völkermord mit den anderen teilen. Für den türkischen Schauspieler Ismail Deniz sei die gemeinsame Arbeit eine Art "Ödipus-Erfahrung" gewesen, sagt Calis. Ein Sich-langsam-bewusst-Werden des eigenen Anteils am Gräuel. "Der war erschüttert darüber, was er ausgegraben hat. Ich spürte, wie das seine Identität angriff, wie er versuchte, zu verstehen." Calis sagt, ihn verbinde eine Hassliebe mit der Türkei. Die Hälfte seiner Familie lebe dort, viele seiner Freunde sind Türken. Deswegen geht es ihm nicht um Verurteilung, sondern um Bewusstmachung. Sein kühner Wunsch ist es, dass es vielleicht doch eine gemeinsame Aufarbeitung zwischen der Türkei, Armenien und Deutschland geben könne, eine Stunde null, auf der man in Zukunft gemeinsam aufbauen könne. "Ich bin kein Aktivist", sagt Calis, "ich bin weder der lange Arm der armenischen Gemeinde noch der lange Arm der türkischen Community, ich bin Künstler. Aber ich werde die Dinge beim Namen nennen."

Die vierzig Tage des Musa Dagh, Freitag, 13. Mai, 19.30 Uhr, Residenztheater