Theater Das Erbe des Grauens

Benny Claessens lauscht den Stimmen der Toten unterm Gras.

(Foto: Lothar Reichel)

"Oradour" von Karen Breece ist ein Meisterwerk

Von Egbert Tholl

Wenn es eine Gerechtigkeit gäbe in der Theaterwelt, müsste diese Produktion zum Theatertreffen eingeladen werden. "Oradour" von Karen Breece, zu sehen im Hoch X, ist ungeheuer klug und verfügt mit Katja Bürkle und Benny Claessens über zwei Darsteller, die auf kongeniale Weise die intellektuelle Brillanz des Textes durchdringen und mit Emotionalität ausfüllen können.

Oradour war ein Dorf, das die SS 1944 mit einem Massaker auslöschte; sechs Einwohner überlebten, 642 Menschen wurden ermordet, in der Kirche verbrannt, niedergemetzelt. Wenige der Täter kamen später vor Gericht, in Haft blieben sie nicht sehr lang. Die Ruine des Ortes ist heute eine Gedenkstätte.

Karen Breece sprach mit vielen Menschen, darunter Kinder der Täter, der Überlebenden. Aber sie macht daraus kein Dokutheater. Sie untersucht das Erinnern an sich, den Abdruck des Geschehens. Auf der Bühne wächst der noch unberührte Rasen des Vergessens, an den Wänden hängen Kopfhörer. Katja Bürkle und Benny Claessens kommen auf die Bühne, lauschen in die Hörer, setzen sie auf, wundern sich, wo sie da hineingeraten sind. Sie borgen den Gesprächen, die sie hören, ihre Stimmen, tastend, skeptisch. Sie berichten in Fetzen von den Geschehnissen, sie sprechen auch Reflexionen, über Sühne, Rache, Schuld, Schlussstrich. Trägt ein 17 Jahre alter Soldat Schuld, der erschossen worden wäre, hätte er den Befehl verweigert? Nach den ersten Toten waren seine Skrupel weg.

Ehemalige SS-Leute treffen sich am Grab ihres Divisionsführers, singen "Ich hatte einen Kameraden". Claessens verzerrt seine Stimme zu einem Horrorpanoptikum, das ist sein Entsetzen, nicht Mördermimikry. Dann Bürkle quasi als Zeugin vor Gericht. Mit zitternden Körper und fahrigen Bewegungen kann sie kaum stotternd erzählen, was damals geschah. Dann fällt ihr ein Film über Oradour ein und sie beginnt, diesen zu erzählen, erzählt, wie Romy Schneider mit einem Flammenwerfer verbrannt wird, erzählt Bilder aus anderen Filmen, aus "Schindlers Liste" oder "Inglourious Basterds", immer rasender. Geborgte Erinnerung lässt sich transportieren, eine tote Romy ist greifbarer als hunderte Namen.

Fern singen Kinder, die Vielzahl der Facetten ist überbordend, aber die Konnotationen sind extrem präzise gesetzt. Das aufwühlende "Oradour" ist nach Werner Fritschs dunkelfunkelndem "Steinbruch" das zweite Kriegsstück in kurzer Zeit im Hoch X; es ist entstanden auch mit der Unterstützung der Kammerspiele, die damit einmal nicht die Löcher im eigenen Spielplan stopfen. So geht es auch, und es ist grandios.