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Theater:Das Blut von Ruth

Rewitching Europe

"Rewitching Europe": Riah Knight, Lea Draeger und Sesede Terziyan (von links) auf der Suche nach ihren mythischen Ursprüngen.

(Foto: Ute Langkafel / Maifoto)

Die Regisseurin Yael Ronen beschwört in "Rewitching Europe" am Berliner Gorki-Theater die Urkraft der Hexen. Eine schrille Abrechnung mit 5000 Jahren Patriarchat.

Das hat Greta Thunberg nicht verdient. Sie steht in Gestalt der Schauspielerin Lea Draeger an einem Marterpfahl und wimmert ihre Rede vor der UN. Nicht, dass ihr Statement inhaltlich nicht komplett nachvollziehbar wäre, aber auf der Bühne des Berliner Maxim-Gorki-Theaters wird es von einer entrückten Apokalyptikerin im Tonfall mystischer Geisterbeschwörungen vorgetragen. Die Frau mit ihrem Weltuntergangsgeraune ist eindeutig wahnsinnig. Sie tritt in Yael Ronens Inszenierung "Rewitching Europe" als Wiedergängerin der verbrannten Hexen des Spätmittelalters auf. Die ganze Inszenierung lässt sich als Racheakt für die ermordeten Frauen lesen, Dissidentinnen des Patriarchats, mit deren Foltertod, so suggeriert es das Stück, nicht nur die männliche Vorherrschaft gesichert, sondern auch jede Menge magisches, spezifisch weibliches Wissen ausgemerzt wurde. Dagegen hilft dann nur die Beschwörung einer Rückkehr der Hexen, eben das im Stücktitel angedrohte oder ersehnte "Rewitching" Europas.

Yael Ronen ist eine hinterhältige Ironikerin. In ihren Inszenierungen hat jede noch so moralisch berechtigte, eigentlich völlig ernst gemeinte Aussage mindestens eine groteske, lächerliche, aberwitzige Rückseite: Dass Greta recht haben mag, heißt noch lange nicht, dass Ronen sich nicht über sie lustig machen kann. Und dass die Massaker der Hexenverfolgung im Namen der Christenheit Terrorakte des Patriarchats waren, bedeutet nicht, dass heutige Esoteriker und Esoterikerinnen, die sich auf ein ominöses magisches Wissen berufen, keinen Knall haben.

Beschworen wird eine archaische Vorzeit des Matriarchats

Der Plot ist bester Halloween-Trash. Bei Ausgrabungsarbeiten wurde unter der Gorki-Bühne angeblich eine Ritualstätte der Göttin Ruth gefunden, sozusagen das Stonehenge von Berlin Mitte. Der "Homo sapiens des späten Plastikzeitalters" beziehungsweise dessen weibliche Vertreter im Ensemble (Lea Draeger, Lindy Larsson, Orit Nahmias, Ruth Reinecke, Sesede Terziyan) machen sich bei nächtlichen Ritualen in wild bemalten Bettlakengewändern auf die Suche nach dem Kontakt zu ihren mythischen Ursprüngen: "Die große Mutter braucht euer Blut", weiß das schauspielerische Großkaliber Ruth Reinecke in der Rolle der Seherin. Die Ritualgemeinde soll "Verbindung zur großen Mutter aufnehmen, indem ihr auf die Erde blutet". Die nach Gebrauch ausgepressten Tampons dienen der Unio mystica wie der Wein beim Abendmahl.

Die esoterische Regression beschwört bei wallenden Nebelschwaden und dumpfen Gesängen eine archaische Vorzeit des Matriarchats. Die von Teufelszeug wie Aufklärung, Technik und Zivilisation unangekränkelten Menschen der Urhorde haben angeblich "noch nicht gelernt, einander zu unterdrücken". Wäre dieser Steinzeit-Kitsch ernst gemeint, müsste man fragen, was genau diese in graue Vorzeit verlegte Utopie von den regressiven Sehnsüchten der Neuen Rechten unterscheidet, die bekanntlich den Komplikationen der modernen Gesellschaft ebenfalls durch Zuflucht in die imaginäre Nestwärme einer homogenen Gemeinschaft entkommen wollen.

Ansonsten treten Bäume, Spiralnebel und "Pasta People" auf, die Nachkommen der Menschheit in 65 Millionen Jahren - am Gorki wurde schon immer in den ganz großen Dimensionen gedacht. Ein sprechendes Rentier aus der Zukunft weiß genau, was den armen Menschlein der Gegenwart fehlt: "Kotz es aus, das Gift, das seit tausenden Jahren in deiner Matrix ist."

Die Aufführung nervt und irritiert aufs Schönste, und genau das will sie auch. Es ist eine schrille, spöttische Abrechnung mit beiden Seiten, mit 5000 Jahren Männerherrschaft ebenso wie dem Romantisieren pseudofeministischer Irrationalität im Namen einer erleuchteten Weiblichkeit.

Einer manischen Dämonenaustreibung ganz anderer Art kann man in der Ausstellung des Gorki-"Herbstsalons" begegnen. Neben allerlei Videokunst und interessant vollgerümpelten Zimmern sind 1676 winzige Zeichnungen der Schauspielerin Lea Draeger ausgestellt, eine Reihe von "Ökonomischen Päpsten" - ein Papst als Miss Piggy, ein "Laborpapst", ein "Guillotinierter Papst", ein "Fliehender Papst", eine "die Nation grüßende Päpstin", eine "Vermummte Päpstin", Päpste mit Schäferhund, mit Waffen, in pornografischen Aktionen, im Rollstuhl. Ein Zimmer voller fiktiver Päpste, gedrängt, klaustrophobisch, in sehr eigener, präziser Formsprache, Figuren wie unter großem Druck zusammengepresst. Ausgestellt ist nur ein Bruchteil von Draegers Papst-Zeichnungen, Dokumente einer seit Jahren offenbar mit großer Energie bearbeiteten Obsession - eine gespenstische, faszinierende Entdeckung.