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Theater:Cowboys im Nebel

Philippe Quesne installiert an den Kammerspielen in München einen Kunst-Western - Matthias Lilienthal wartet weiter auf ein Erfolgserlebnis.

Warum beschäftigt sich der neue Theaterabend an den Münchner Kammerspielen mit den Bilderwelten von Caspar David Friedrich? Die schlüssigste Antwort lautet: Je nun . . . warum nicht? Der Meister der deutschen Frühromantik wurde schon von vielen vereinnahmt, seine neblig-melancholischen Natur- und Landschaftsbilder gelten als deutsche Kunst schlechthin, lösen im Betrachter Empfindungen von Einsamkeit, Kontemplation und Schwermut aus, wenn nicht gar Jenseitsvorstellungen und Erlösungshoffnungen. Und mal ehrlich: Sind sie nicht selber Schauspiele, Landschaftsdramen, kündend von der Tragödie Mensch-Natur?

Irgendwie davon will auch der Franzose Philippe Quesne erzählen, der dafür bekannt ist, mit seiner Gruppe Vivarium Studio, einem Trupp aus Tänzern, Schauspielern, Malern und Musikern, wundersame eigene Bühnenwelten zu schaffen. Mikrokosmen, in denen wenig gesprochen, dafür umso mehr herumgebosselt, herumgesonnen und herumgesponnen wird. Dies alles sehr, sehr langsam. So entstanden verschrobene, oft ein wenig somnambule Theaterinstallationen in optischer Wimmelbildfülle wie "Die Melancholie der Drachen", "Big Bang" oder "Swamp Club".

Das Publikum wird ungeduldig: Wo bleibt der künstlerische Knaller?

Quesne, seit 2014 auch Intendant am Théâtre Nanterre-Amandiers in Paris, wurde mit dieser nonverbalen Performancekunst zu einem Liebling internationaler Theaterfestivals. Auch zu einem Liebling von Matthias Lilienthal, der Quesnes Arbeiten regelmäßig im Berliner Hebbel am Ufer (HAU) zeigte und den französischen Künstler nun einlud, an den Münchner Kammerspielen ein Stück zu entwickeln. Seit Lilienthal im Oktober die Intendanz an diesem formidablen, lange Zeit klassenbesten und maßstabsetzenden Theater antrat, ist dort, man muss das leider sagen, noch keine nennenswerte Inszenierung gelungen, geschweige denn ein Erfolg.

Die Schonzeit der ersten 100 Tage ist längst vorüber, man wird ungeduldig und spürt das im Publikum: Es ist Zeit für einen Durchbruch, einen künstlerischen Knaller - etwas, das man lieben oder wenigstens heißen Herzens diskutieren könnte. Etwas, das künstlerisch kühn herausragt aus dem postdramatischen, performativen, multidisziplinären, oft dokumentarisch-pädagogischen Theaterdiskursprogramm der neuen Kammerspiele. Philippe Quesnes "Caspar Western Friedrich" ist dieser erhoffte Rettungsanker nicht.

Quesne kommt von der bildenden Kunst und denkt Theater prinzipiell vom Raum her. Seine Bühnenbilder, Kunst-Vivarien für szenisch-mikroskopische Menschenforschung, baut er selber. Darin stehen Schauspieler - oder sagen wir besser: Darsteller (es genügen dafür auch Statisten) - gerne stumm herum und schauen Dinge an: der Mensch als Suchender, Staunender, Geworfener in der ihn umgebenden Welt. Da landet ein Franzose, der zum ersten Mal mit einem deutschen Ensemble arbeitet, dann schnell bei Caspar David Friedrich - zumal Quesne auch noch ein großer Fan von Bodennebel ist. Bei der Vor- und Nachstellung von Landschaftsbildmotiven und Menschen mit Rückenansicht à la Friedrich wird an diesem Abend an Trockeneis- und Nebelmaschinerie-Einsatz nicht gespart. Es raucht, dampft und dunstet, was die Schwade hält. Aber das ist bei allem Aufwand auch viel Nebelkerzenwerferei. Es verschleiert nicht, dass in Quesnes installativer Kunst- und Romantikbefragung die Bilder doch sehr naheliegend sind und all das bedienen, was es an Caspar-David-Friedrich-Kitsch schon zur Genüge gibt - zwar mit putzigem Witz, aber insgesamt doch viel zu unironisch und intellektuell unterkomplex.

Wallewalle-Pathos, Trommelei und ein Sprühregen-Spektakel - ansonsten passiert nichts

Weniger naheliegend ist die zweite Assoziationsspur des Abends: der Western. Die Schauspieler kommen als Cowboys auf die Bühne und nehmen Anleihen beim Genre. Denn wer steht oder blickt, wie die Figuren auf Friedrichs Bildern, auch viel in der Landschaft herum, den Naturgewalten ausgesetzt? Klar: der Cowboy. Der lonesome rider in der Weite der Prärie als populärkulturelles Pendant zum Mönch am Meer. So ungefähr haben sie sich das gedacht, die Quesne'schen Nebelstocherer, und daraus hätte ja vielleicht auch etwas Kurioses entstehen können, wenn die Western-Setzung nicht nur eine nette Rahmung bliebe - eine Performance-Idee von vielen, aus denen sich diese "Stückentwicklung" zusammensetzt. Man sieht die Schauspieler förmlich vor sich, wie sie sich während der Proben fragten: "Und was fällt uns jetzt noch dazu ein?" Wie sie dann improvisieren und Naturgedichte rezitieren. Es darf auch jeder mal ein Naturereignis aus seinem eigenen Leben erzählen, und der alte Peter Brombacher, ein schauspielerisches Urgestein, singt, weil das im Natur-Seelen-Kontext natürlich nicht fehlen darf, Eichendorffs "Mondnacht" vor.

Der Anfang ist vielversprechend. Vor dem eisernen Vorhang versammeln sich die Cowboys Stefan Merki, Franz Rogowski, Peter Brombacher und Johan Leysen (flämischer Gast aus Frankreich) mit dem patenten Cowgirl Julia Riedler gemütlich um ein Elektro-Lagerfeuer. Sie spielen Gitarre und Akkordeon, besingen die Einsamkeit am Ende des Tages ("Just my rifle, pony and me") und ihr Lieblingsgetränk ("Oh whisky, leave me alone"). Dann kriegt Franz Rogowski einen Kapuzenpulli geschenkt, auf den Caspar David Friedrichs berühmtestes Gemälde, der "Wanderer über dem Nebelmeer" aufgedruckt ist. Rogowski, ein unfassbarer Lispler, bedankt sich höflich mit einem Song, in dem er schon mal alles beschreibt, was danach auf der Bühne passieren wird - viel ist das ja nicht, aber immerhin: "Ein bisschen Hölderlin kommt dabei auch vor . . ."

Dann fährt die Wand hoch und gibt den riesigen Bühnenraum frei. Der Raum ist eine Mischung aus Malersaal und Atelier und wird im Folgenden - auch so eine halb gare Rahmensetzung - zu einem "Caspar Western Friedrich Museum" umgebaut. Also streichen sie die Wände, balancieren auf Stehleitern, schieben Steine aus Styropor herum, schaffen Kulissenteile für eine Ausstellung heran. Dazu gibt es säuselnde Hollywood-Filmmusik. In der "dramatischsten" Szene wird mit viel Wallewalle-Pathos und Trommelei eine Art Naturspektakel aus Sprühregen und Nebeldampf erzeugt, in dem Franz Rogowski als Requisitenschieber halb nackt über den nassen Boden schlittert.

Viel Action um nichts. Ansonsten: szenische Ödnis. Es ist ein bisschen wie bei Marthaler, nur hat es nicht dessen Poesie und Tiefe. Quesnes Figuren bleiben geheimnislos, mögen sie noch so sehnsuchtsvoll in die Luft starren. Darin, dass ihr Blick immer nur auf Wände und Materialverhau, auf pure Künstlichkeit prallt, in dieser Entfremdung zwischen Mensch und Natur, könnten der Schmerz und auch der höhere Witz an diesem Abend liegen. Aber das wird nur angerissen, nichts wird ausgebaut. Es entstehen zwischen den Figuren nicht einmal Situationen. Am Ende darf vor einem gemalten Prospekt jeder mal den "Wanderer über dem Nebelmeer" geben, und dann machen sie noch ein Gruppen-Selfie, bevor das schlechte Schlusswetter aufzieht.

Wer weiß, vielleicht würde das Projekt auf einer kleineren Bühne, in der Spielhalle etwa, charmanter wirken, nicht so banal und selbstgenügsam hermetisch wie im Jugendstilrahmen der Kammerspiele, der in diesem traditionsreichen Haus immer schon (oder: noch) eine Setzung macht - nämlich für Schauspielkunst und einen hohen Anspruch an das Theater. Schon das Regiekollektiv Rimini Protokoll mit seinem "Mein Kampf"-Laien-Dokutheater sackte in diesem Rahmen merklich ab. Doch das gehört zu Lilienthals niedrigschwelligem Theater-Hybridisierungs-Programm: Freie Gruppen, Bands, Performer und Jungregisseure sollen sich auf der großen Bühne präsentieren. Nichts dagegen, wenn sie ihr standhielten. Bisher aber saß man lauter Enttäuschungen ab. Die Kammerspiele zeigen sehr viele und zum Teil gute Gastspiele. Was jedoch die Eigenproduktionen angeht, ist die Ausbeute dünn. Da vermisst man Schauspielerleistungen, Stück- und Spracharbeit, Theaterglück. Das Münchner Publikum indes bleibt dran. Für "Caspar Western Friedrich" gab es sogar herzlichen Applaus.