bedeckt München

Kunst ohne Zuschauer:"Als würde man in einen offenen Mund mit vereinzelten Zähnen schauen"

dreier Kombo Kunst, Lockdown
(Foto: Gregor Hohenberg/Sony Music, Victor Lerena/picture alliance/dpa, Lucia Hunziker)

Wie fühlt es sich an, vor Minipublikum Theater zu spielen oder Konzerte zu geben? Sieben Künstler erzählen.

Protokolle von SZ-Autoren

Momentan dürfen Theatervorstellungen und Konzerte noch vor wenigen Zuschauerinnen und Zuschauern stattfinden, in München liegt die Höchstgrenze bei 50. Mit den neuen Regelungen ab dem 2. November wird sogar das ein Ende haben. Wir wollten wissen, wie es ist, vor derart wenig Leuten zu spielen.

Anne-Sophie Mutter, Geigerin

Yehudi Menuhin Award

Die Geigerin Anne-Sophie Mutter bei der Verleihung des Yehudi Menuhin Awards von der spanischen Königin 2016.

(Foto: Victor Lerena/picture alliance / dpa)

Es gibt keine Belege für Ansteckungen bei Konzerten mit Hygienekonzept. 50 Personen in einem Saal mit über 2000 Plätzen verspottet die Veranstalter, Musiker und das Publikum gleichermaßen. Kunst sollte doch für möglichst viele zugänglich sein - gerade jetzt eine dringend benötigte Umarmung. Und dass solche Veranstaltungen wirtschaftlich nicht realisierbar sind, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung.

Thomas Lettow, Schauspieler am Münchner Residenztheater

Thomas Lettow

Thomas Lettow ist im Ensemble des Münchner Residenztheaters.

(Foto: LUCIA HUNZIKER)

Wenn die Bude voll ist, ist es so, als ob die geballte Energie von uns auf die geballte Energie des Publikums trifft, da entsteht Gewitter! Man kann vor Beginn der Vorstellung hinterm Vorhang das aufgeregte Stimmengewirr hören, man spürt den Druck, dann die Stille, wenn es losgeht.

Momentan aber fühlt es sich so an, als hätten sich ein paar Leute in der Tür geirrt und wären einfach sitzen geblieben. Etwa bei der riesigen Produktion "Das Erdbeben in Chili" von Ulrich Rasche, eine Inszenierung, die selbst einen enormen Druck produziert, dem aus dem Zuschauerraum jetzt aber praktisch nichts entgegen drückt.

Ich persönlich finde Komödien spielen gerade leichter, weil man da wenigstens den Spaß-Austausch mit den Kollegen auf der Bühne hat.

Natürlich spüre ich eine große Dankbarkeit bei den Leuten, dass überhaupt was stattfindet. Der Applaus ist extrem herzlich. Aber Theater kommt doch erst zur Welt, indem es gesehen wird. Es lebt nur durch die Zuschauer. Im Moment lebt es also sehr, sehr bescheiden.

Annemarie Brüntjen, Schauspielerin am Nationaltheater Mannheim

Annemarie Brüntjen

Annemarie Brüntjen ist Schauspielerin am Nationaltheater in Mannheim.

(Foto: Christian Kleiner)

Wir haben 630 Sitze in unserem Schauspielhaus. Sind alle Stühle besetzt, erzeugt das bei mir als Spielerin schon zu Beginn einer Vorstellung eine aufgeladene, intensive Spannung und Konzentration, ohne dass ich irgendetwas dafür tun muss.

Mit 1,5 Meter Abstand haben wir noch 60 bis 116 Zuschauer. Das wirkt oft, als würde man in einen offenen Mund mit vereinzelten Zähnen schauen und es fühlt sich so an, als würde sich diese Konzentration und Spannung in den weiten Zwischenräumen verlieren. Für die Zuschauer*innen ist es genauso merkwürdig, denke ich. Der Theaterraum ist ja unter Anderem ein Ort, an dem man sich im Halbdunkel unbeobachtet fühlen kann, mit den eigenen Gedanken und Gefühlen. Aber es ist, im Vergleich zu einem Kinobesuch, auch der Ort des viel aktiveren Zuschauens und Zuhörens und jede Reaktion beeinflusst in irgendeiner Weise dass, was auf der Bühne passiert.

Ich spiele gerade in "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull". In dieser Inszenierung wenden wir uns immer wieder direkt an die Zuschauer*innen, suchen den Kontakt und die Interaktion. Die Leute wirken auf mich verunsichert, wie laut darf man sein, darf man noch lachen? Jedes Husten, das zu dieser Jahreszeit ein vertrautes Geräusch aus dem Zuschauerraum gewesen wäre, hat nun eine ganz andere Bedeutung. Diese Unsicherheit kommt dann auch bei mir auf der Bühne an. Und so wird man dann vorsichtiger miteinander.

Seit kurzem tragen die Zuschauer*innen ihre Masken auch im Zuschauerraum. Bisher konnte ich wenigstens noch in den Gesichtern ablesen, was der oder diejenige ungefähr denkt und ob wir sie erreichen oder nicht. Das ist mir jetzt auch noch genommen. Ich versuche mit den Leuten zu spielen und sehe ihre Reaktion nicht. Das ist schon ein wahnsinniger Kraftaufwand, den man noch zusätzlich aufbringen muss. Aber ein Glück spielen wir wieder - oder noch! So ungewohnt und seltsam es sich vielleicht für alle Beteiligten anfangs angefühlt hat, habe ich doch bei jeder Vorstellung, die ich in den letzten Wochen wieder spielen durfte, eine große Dankbarkeit und Freude erfahren, endlich wieder Theater erleben zu können. Diesen öffentlichen Raum nutzen zu können, zum Austausch und zur Begegnung (mit Abstand). Alle, die da sind, wollen wirklich da sein und empfinden diesen Ort als eben so wichtig wie ich. Ich kann natürlich verstehen, wenn nun Maßnahmen ergriffen werden müssen um soziale Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren, um Ansteckung zu vermeiden. Aber es konnte doch noch nie erwiesen werden, dass im Theater ein höheres Infektionsrisiko besteht. Durch die in den vergangenen Monaten höchst sorgfältig entwickelten Hygienekonzepte, sind die Theater, so wie ich das sehe, sehr sichere Orte, verglichen mit U-Bahnen oder Zügen. Falls wir nun wieder schließen müssen, wird mir trotz allem das Spielen extrem fehlen und ich hoffe sehr, dass wir immerhin weiter proben dürfen.

Martin Weigel, Schauspieler an den Münchner Kammerspielen

Martin Weigel ist Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele.

(Foto: Paul Hutchinson)

Wir haben am Montagabend im Großen Haus "Eine Jugend in Deutschland" gespielt. 50 Leute in einem Saal mit über 600 Plätzen - das ist schon sehr, sehr wenig. Wir mussten uns ja vorher schon an die 200 der vorangehende Auflagen gewöhnen. Das ist nicht voll, aber immerhin. Da spürt man noch die Raumspannung. Bei 50 gibt es die nicht mehr, da fehlt der Partner im Saal.

Ich finde es immer noch wichtig zu spielen und zu sagen, wir sind da, es gibt diesen offenen Raum. Und ich glaube, die, die da waren, waren trotz allem beglückt und haben teilgenommen. Man merkt aber an den Reaktionen, dass beim Publikum die Hemmschwelle höher ist, weil man sich wahrscheinlich so alleine ausgestellt fühlt. Es fehlt jetzt einfach dieses Gemeinschaftsmoment. Dass man zusammen über ein Thema nachdenkt, sich an einem Gedanken abarbeitet.

Was schon schmerzlich ist, gerade in diese Zeiten, wo wir alle immer isolierter sind.

Man passt sich beim Spielen dieser Situation an. Der Abend war ruhiger. Zarter. Mehr für diese 50 Menschen als für ein ganzes Publikum. Fühlte sich fast komisch an, die danach zu entlassen, so als sei das ein normaler Abend. Eigentlich hätte man danach gemeinsam reden müssen. Warum es gut war, dass wir uns getroffen haben. Man kann schließlich schlecht so tun, als sei das eine normale Vorstellung.

Noch ein Gedanke, der mir während des Spielens kam: Wer dürfen jetzt diese 50 sein? Für wen spielt man da noch? Ist das die Stadtgesellschaft? Es darf keine elitäre Veranstaltung werden.

Die Politik müsste mehr Vertrauen haben in ihre kulturellen Erfahrungsräume. Die sind so wichtig wie Kirchen oder Schulen.

Sarah Bosetti, Kabarettistin und Autorin

Sarah Bosetti beim Poetry Slam in der Kulturschranne in Dachau.

(Foto: Jørgensen)

Ich bin froh über jeden Auftritt, der unter vernünftigen Bedingungen stattfinden kann. Auch wenn es schwieriger ist als sonst. Man sieht von der Bühne aus mehr Boden als Mensch, es ist alles ziemlich unkuschelig. 1,5 Meter Abstand helfen zwar dagegen, dass das Virus ansteckend ist, aber dasselbe gilt leider auch für die Stimmung. Die Auftritte sind also leiser, es gibt eher vereinzeltes Kichern als lautes Gelächter. Aber irgendwie ist es auch schön. Als hätten sich alle im Saal verschworen, trotz Abstand und trotz allem vorsichtig Spaß zu haben.

Ich sehe, um der Situation überhaupt etwas Konstruktives abzugewinnen, die Lage als Qualitätstest für das, was auf der Bühne passiert. Vor viel Publikum aufzutreten war schon immer leichter als vor wenig Publikum. Wenn dir deine Witze vor einem halbvollen Saal plötzlich irgendwie flach erscheinen, weil kaum jemand laut lacht, dann waren sie auch vorher schon flach, es ist nur durch die schenkelklopfende Masse nicht so sehr aufgefallen.

Harald Wolff, Dramaturg an den Kammerspielen

Die Kammerspiele sind einer der wenigen Räume in der Stadt sind, wo sich überhaupt noch Menschen treffen können. 50 Menschen dürfen ja sonst nirgendwo mehr zusammenkommen, schon gar nicht nach 21 Uhr. Wir sind ein Begegnungsort der Stadt. Wir können hier im Moment noch Gespräche und Austausche ermöglichen, die anderswo nicht mehr gehen. Und das zu super Hygiene-Bedingungen. Hier wird alle acht Minuten die Luft komplett ausgetauscht - das ist im Moment sicherer als am Walchensee, scheint mir.

Christian Gerhaher, Sänger

Christian Gerhaher ist Opernsänger.

(Foto: Gregor Hohenberg/Sony Music)

Für mich ist es nicht befremdlich, vor 50 Leuten aufzutreten. Aber für die 50 Zuhörer stelle ich mir schwierig vor, sich selbst als Zeichen einer Entwicklung sehen zu müssen, welche die Publikumskompetenz substantiell gefährdet. Es geht also nicht mehr nur um die dringend notwendige finanzielle Absicherung selbständiger Künstler und den Erhalt der Institutionen, sondern mittlerweile grundsätzlich um den Erhalt des Publikums - allesamt stehen sie kurz vor einem völligen Zusammenbruch.

Der Bayerische Ministerpräsident betreibt mit seiner pauschalen Reduzierung der Zuhörerzahlen eine Politik, die sich nichts zuschulden kommen lassen möchte, nach acht Monaten Corona-Erfahrung dürfen jedoch differenziertere Strategien erwartet werden. Er hat die Darstellenden Künste mit seiner hoch-restriktiven Politik bereits frühzeitig geradezu aus der Verantwortung genommen und nun drückt er die Besucherzahlen aller Häuser einheitlich auf 50. Die hohen bayerischen Fallzahlen können aber nicht auf etwas zurückgeführt werden, was in den Theatern und Konzertsälen ohnehin nicht stattgefunden haben kann. Studien, welche die höheren Publikumszahlen der Salzburger Festspiele sowie der mehrwöchigen Pilotphase an der Bayerischen Staatsoper und der Münchner Philharmonie begleitet haben, konnten keinen Infektionsfall nachweisen. Natürlich kann man Grauzonen der Infektionsausbreitung auch den Theatern und Konzertsälen zuschreiben, aber ist es denn nicht geradezu unvernünftig, so die dortigen Idealsituationen (verglichen mit Zügen, Flugzeugen und privaten Zusammenkünften) außer Acht zu lassen? Bei Häusern mit 1000, 2000 oder fast 3000 Plätzen, die enorm große Lufträume haben, in welchen die Besucher mit ausreichendem Abstand, Mundschutz und typisch diskretem Verhalten sich für nur kurze Zeit (so viele Abende werden mit größter Konsequenz gekürzt, Pausen vermieden) aufhalten, gleicht eine Aufführungssituation doch nahezu einem Geschehen an frischer Luft.

Die Künste sind nicht systemrelevant und sie haben kein Recht, sich in dieser Krise wichtiger zu nehmen als andere, vergleichbar leidende Branchen. Aber wenn unsere Gesellschaft ihre reiche, global einzigartige Musik- und Theatertradition nicht retten kann, macht sie sich weniger lebenswert. Ich glaube, die Vorstellung eines Lebens ohne Kultur muss zur Erkenntnis führen, dass hier unbedingt erhalten werden muss, ohne was man - wie in einer geistigen Wüste - nicht leben möchte. Es ist nötig, Fehler, die man in einer unbekannten Situation anfangs naturgemäß und ohne Schuld macht, beizeiten zu korrigieren: Diese pauschale und undifferenzierte Kulturpolitik würde unsere Theater- und Musik-Welt momentan unwiederbringlich schädigen können.

Protokolle: Christiane Lutz, Cornelius Pollmer, Alex Rühle, Egbert Tholl

© SZ vom 29.10.2020

Theater und Corona
:"Komplette Willkür"

Warum dürfen nur 50 Leute in einen großen Theatersaal? Barbara Mundel, Intendantin der Münchner Kammerspiele, findet: Die Kulturbranche war in der Coronakrise viel zu lange viel zu brav.

Interview von Christiane Lutz

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